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Helmut Kohls Wahl 1982 : Lauter schwierige Dreiecke

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Der damalige CDU-Parteivorsitzende Helmut Kohl wird am 1. Oktober 1982 in Bonn vom damaligen Bundestagspräsident Richard Stücklen (CSU, vorn) als Bundeskanzler vereidigt Bild: dpa

30 Jahre nach der Bildung der ersten Regierung Kohl lädt die Unionsfraktion den Kanzler der Einheit an diesem Dienstag nach Berlin ein. Es gibt viel zu feiern - und viel zu vergessen.

          Eine Woche zeithistorischen Gedenkens hat begonnen. Eine Woche, in der noch einmal die politischen Biographien von Politikern gebündelt werden, die miteinander gute Zeiten und dann auch schwierige Zeiten verbrachten. Es kommt nicht mehr häufig vor, dass die letzten drei CDU-Bundesvorsitzenden einander begegnen. Zwei Anlässe gibt es nun. Vor bald dreißig Jahren wurde Helmut Kohl erstmals zum Bundeskanzler gewählt. Kürzlich hat Wolfgang Schäuble seinen 70. Geburtstag gefeiert. Kohl soll an diesem Dienstag in der Unions-Fraktion und am Donnerstag von der Konrad-Adenauer-Stiftung gewürdigt werden. Volker Kauder, der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende, hat zum Empfang für Schäubles Geburtstag in das Deutsche Theater eingeladen. Angela Merkel, die Nachfolgerin der beiden, wird jeweils als Rednerin auftreten.

          Angefangen hatte alles 1976 mit Kohls Wechsel nach Bonn in die Bundespolitik. Seitdem hatte er an einem Bündnis mit der FDP gearbeitet. Auch während der Jahre der sozialliberalen Koalition hatte Kohl Kontakte zu Hans-Dietrich Genscher gepflegt - dem FDP-Vorsitzenden und Bundesaußenminister. Im Sommer 1981 veröffentlichte Genscher ein Schreiben an die FDP-Mitglieder, das damals als „Wende-Brief“ bezeichnet wurde. Genscher forderte eine Wende in der Politik. Den Wechsel des Koalitionspartners kündigte er nicht ausdrücklich an; weil Genscher das aber offenließ, wurde fortan gemutmaßt und aus Teilen der FDP-Zentrale auch „gestreut“, dass Genscher sich einen Regierungswechsel vorbehalte.

          Ein Jahr später war es so weit. Im Bündnis mit Otto Graf Lambsdorff (FDP), der zur fraglichen Zeit Wirtschaftsminister war, beendete Genscher die sozialliberale Koalition. Differenzen zur SPD in der Haushaltspolitik und in Fragen des „Nato-Doppelbeschlusses“ wurden als Gründe angegeben. Der damals starke sozialliberale Flügel der FDP wurde überrascht und überstimmt: voran FDP-Generalsekretär Günter Verheugen und Bundesinnenminister Gerhart Baum. Mittels eines konstruktiven Misstrauensvotums im Bundestag wurde Helmut Schmidt (SPD) abgewählt. Kohl wurde Bundeskanzler. Bis heute hat sich die FDP von dieser Entscheidung nicht erholt. Tausende von Mitgliedern des linken Flügels verließen die Partei. Bis dahin hatte die FDP damit geworben, ihr Spektrum reiche von „Baum“ bis „Lambsdorff“. Von nun an aber war der „Baum-Flügel“ gestutzt.

          Helmut Schmidt gratuliert am 1.10.1982 seinem Nachfolger im Amt des Bundeskanzlers Bilderstrecke

          Im Bund hat die FDP seither Bündnisse mit der SPD ausgeschlossen; in den Ländern gab es später lediglich in Rheinland-Pfalz ein rot-gelbes Bündnis. Während die CDU den 30. Jahrestag gleich zweimal feiert, beließ es die FDP bei einem stillen Gedenken an das sogenannte Lambsdorff-Papier, mit welchem im Sommer 1982 das Ende der Regierung Schmidt/Genscher wenige Wochen später eingeleitet worden war. Immerhin war bei einer Veranstaltung der Adenauer-Stiftung zum Jahrestag vor wenigen Wochen im Plenarsaal des Bundestages in Bonn Hans-Dietrich Genscher dabei, und an diesem Donnerstag will der FDP-Fraktionsvorsitzende Rainer Brüderle bei der Ehrung Kohls unter dem Motto „Kanzler der Einheit - Ehrenbürger Europas“ zugegen sein.

          Vor allem Kohl, Schäuble und Frau Merkel bilden ein kompliziertes Dreieck. Der Älteste von ihnen, der 1930 geborene „Altkanzler“, hat die beiden Jüngeren ins Zentrum der Politik gebracht. Noch zu Zeiten Kohls als Oppositionsführer - also als Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion vor 1982 - wurde der zwölf Jahre jüngere Schäuble in die Parlamentarische Geschäftsführung der Fraktion gewählt. Später dann, nach der Ablösung Schmidts durch Kohl, wurde Schäuble als Bundesminister für besondere Aufgaben Chef des Bundeskanzleramtes, darauf dann Bundesinnenminister und schließlich von 1991 an Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion.

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