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Helmut Kohl wird 85 : Ein Kanzler mit dem Gespür für Europa

  • -Aktualisiert am

Helmut Kohl im Jahr 2010. Bild: AFP

Helmut Kohl war 16 Jahre lang deutscher Bundeskanzler. In dieser Zeit hat er die Menschen immer nach einfachen Maßstäben beurteilt. Eine Bewertung des „Einheitskanzlers“ fällt auch zu seinem 85. Geburtstag nicht leicht.

          In seinen Zeiten als CDU-Vorsitzender und Bundeskanzler hat Helmut Kohl die Leute - in Partei, im Bundestag, im Ausland - nach einfachen Maßstäben beurteilt. Es gab Feinde und es gab Freunde. Es gab Treue, und es gab Verrat. Am schlimmsten waren für ihn die Seitenwechsler. Verräter verachtete er. Feinde bekämpfte er mit ziemlich offenem Visier. Als einst im Wahlkampf mit einem Ei nach ihm geworfen wurde, mussten die Sicherheitsbeamten nicht so sehr den Kanzler vor dem Eierwerfer schützen, sondern vor allem den Eierwerfer vor einem Kanzler, der sich prügeln wollte. Mit dem russischen Präsidenten Boris Jelzin ging Kohl in die Sauna, mit seiner Entourage zum Italiener, und als er dort einst junge Leute aus seiner Bundestagsfraktion mit Altersgenossen von den Grünen traf, wusste er Bescheid. Die Grünen waren für ihn ungezogene Bengel, die jungen CDU-Abgeordneten mithin dumme Jungs.

          „Ich habe eigentlich in meiner eigenen Partei den größten Ärger mit jenen gehabt, denen ich am meisten geholfen habe“, sagte Kohl einmal. Er neigte zu drastischen Urteilen. Angela Merkel habe, als sie nach Bonn gekommen sei, nicht einmal mit Löffel und Gabel essen können. Kohl hatte das ostdeutsche „Mädchen“ 1990 zur Bundesministerin gemacht. Zehn Jahre später fühlte er sich von ihr im Stich gelassen. Da ging es um die CDU-Spendenaffäre. Kohl wollte Namen von Großspendern nicht preisgeben - Gesetzeslage hin, politische Korrektheit her. Merkel sah das anders.

          Auch sein Verhältnis zu Wolfgang Schäuble, ehedem sein wichtigster Helfer, zerbrach an der Spendenaffäre. Lieber legte Kohl den Titel „Ehrenvorsitzender“ der CDU nieder. Lieber zahlte er ein Strafgeld. Die Namen der Spender nannte er nicht. Es waren Freunde, und Freunde verrät man nicht.

          Kohl war 25 Jahre lang CDU-Bundesvorsitzender - von 1973 bis 1998. Nachdem er sich im Alter von 43 Jahren das Amt erkämpft hatte, machte er aus dem Altherren-/Kanzlerwahlverein eine offene Volkspartei. Kohl holte eine Gruppe von Modernisierern ins Zentrum, die für die Altvorderen eine Provokation waren: Kurt Biedenkopf, Heiner Geißler, Richard von Weizsäcker. 1976 trat Kohl - da noch Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz - als Kanzlerkandidat an: 48,6 Prozent. Und doch konnte er bloß als Oppositionsführer nach Bonn ziehen; SPD und FDP waren etwas stärker. Die CDU aber regierte in allen Flächenländern der alten Bundesrepublik außer in Hessen und Nordrhein-Westfalen. Und außer in Bayern natürlich, wo die CSU und Franz Josef Strauß herrschten. Der war 15 Jahre älter als Kohl und hielt von dem Pfälzer lange Zeit („Filzpantoffel-Politiker“) recht wenig. Wenn die beiden sich zu einem ihrer Spaziergänge (meist in den bayerischen Bergen) aufmachten, war das ein bundesweites Medienereignis.

          Er blieb länger Kanzler als Adenauer

          In Bonn hatte es Kohl zunächst schwer. Aus dem Beinahe-Kanzler wurde eine Provinz-Nudel gemacht. Strauß stichelte. Die CDU-Ministerpräsidenten traten weltläufig auf. Der Kanzler Helmut Schmidt blickte von oben herab. Kohl wurde als „Birne“ verhöhnt. Doch er sah sich vor. 1980 verzichtete er auf die Kanzlerkandidatur. Strauß lief gegen die Wand: „Stoppt Strauß“. Kohl blieb Partei- und Fraktionsvorsitzender. Gesprächskanäle zur FDP pflegte er - vor allem zum fast allmächtigen Hans-Dietrich Genscher. Wenn FDP-Politiker berufliche Probleme hatten, kümmerte sich Kohl, als wären es CDU-Freunde. 1982 ging die Saat auf. Die FDP wechselte den Partner, Schmidt wurde gestürzt, Kohl wurde Kanzler.

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