https://www.faz.net/-gpf-8z10c

Trauer um Helmut Kohl : Der Speyrer Staatsakt

Ort des Requiems für Helmut Kohl: Der Kaiserdom zu Speyer. Bild: dpa

Helmut Kohl soll nicht mit einem nationalen Staatsakt geehrt werden. Auch wenn das dem Willen des verstorbenen Kanzlers entsprechen sollte – der Wille des deutschen Staates und seiner Bürger zählt auch etwas.

          1 Min.

          Es war nur eine Frage der Zeit, dass das Kartenhaus eines „europäischen Staatsakts“ zu Ehren Helmut Kohls in sich zusammenfallen würde. Die kurzzeitige Stilisierung einer solchen Trauerfeier zu einem Gründungsakt europäischer Staatlichkeit wirkte bemüht und vermessen. Hieß es bislang nicht, die Europäische Union sei ein Gebilde sui generis? Kann die Europäische Kommission, so eng ihr derzeitiger Präsident mit Kohl auch zusammengearbeitet haben mag, daran über Nacht etwas ändern?

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Da aber kein Staatsakt stattfindet, wo der Staat dazu fehlt, wirkt der „Trauerakt“ in Straßburg wie eine Ablenkung davon, dass ein anderer Staatsakt partout nicht stattfinden soll, der nationale Staatsakt. Warum aber konnte sich der Bundespräsident, der dafür zuständig wäre, nicht dazu durchringen, einen solchen Staatsakt anzuordnen? Wäre ihm jemand in den Arm gefallen?

          Kohl habe es so und nicht anders gewollt, heißt es dazu, und der Wille der Hinterbliebenen spielt außerdem gewiss eine wichtige Rolle.

          Allerdings lassen die bislang bekannt gewordenen Begründungen am Respekt vor einem nicht minder wichtigen Willen zweifeln, nämlich dem des deutschen Staates und seiner Bürger, öffentlich trauern zu dürfen. Kein nationaler Staatsakt aus Rache am Bundespräsidenten, der Kohl das Leben einst schwermachte, als er gerade Kanzleramtschef geworden war? Oder aus Rache an der Bundeskanzlerin, weil die ihn seinerzeit vom Sockel stürzte?

          Wer auch immer solchen Kleingeist in Umlauf bringt: Das ist Kohls Andenken unwürdig. Niemand hätte wohl mehr Verständnis dafür gehabt als Kohl, dass ein europäisches Deutschland seiner auch dann gesondert gedenkt, wenn es eine zentrale europäische Feier gibt.

          Dass etwas schmerzlich fehlt, muss auch in Berlin bemerkt worden sein. Die deutsche Staatsführung beschränkt sich nun darauf, dass der Bundestagspräsident zu Beginn einer Sitzung im Bundestag an den ehemaligen Bundeskanzler erinnert und der Bundespräsident an dieser Gedenkveranstaltung als Zuhörer teilnimmt.

          Welch eine verdruckste Veranstaltung! Es gab Bundeskanzler, die mit mehr Stilgefühl, größerem Selbstvertrauen und beherzterem Engagement geehrt wurden – und darunter war nicht ein „Kanzler der Einheit“. Aber Europäer, Deutsche und Pfälzer haben immerhin noch das Requiem im Speyrer Dom, das zu dem nationalen Staatsakt werden dürfte, den es nicht geben soll.

          Weitere Themen

          „Ich bin ein großer Fan von Erdogan“ Video-Seite öffnen

          Donald Trump : „Ich bin ein großer Fan von Erdogan“

          Um das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und der Türkei steht es nicht zum Besten. Doch Amerikas Präsident Trump empfängt seinen türkischen Kollegen Erdogan mit besonders warmen Worten in Washington.

          Die große Spaltung

          FAZ Plus Artikel: Vereinigte Staaten : Die große Spaltung

          Das Verhältnis zwischen Demokraten und Republikanern ist von parteipolitischer Abgrenzung und Kooperationsverweigerung gekennzeichnet. Das war früher nicht so. Trump ist Symbol und Profiteur der Polarisierung.

          Topmeldungen

          Der britische Premierminister Boris Johnson während eines Wahlkampf-Termins in einer Chips-Fabrik im nordirischen County Armagh

          Wahl in Nordirland : Selbst die Grenze hat eine Stimme

          In Nordirland hilft nur noch Galgenhumor: Die britische Provinz fühlt sich von allen Seiten verkauft. Die bitterste Ironie ist die Zwickmühle, in die Boris Johnson die nordirischen Konservativen gebracht hat.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.