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Denk ich an Deutschland : Was den Westen zusammenhält

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Wertegemeinschaft Europa: Vor dem EU-Parlament in Straßburg Bild: AFP

Auf der Konferenz „Denk ich an Deutschland“ hat der Berliner Historiker Heinrich August Winkler über die Wertefundamente der westlichen Nationen gesprochen und ihre Bedeutung in den aktuellen Krisen erläutert. FAZ.NET dokumentiert seine Rede im Wortlaut.

          11 Min.

          I.

          Zu den Schlagworten unserer Zeit gehören die „Werte Europas“ oder die „europäischen Werte“, auf die wir uns nicht nur in feierlicher Rede so gern berufen. Doch der Begriff verdient es, hinterfragt zu werden. Denn im geographischen Sinn hat Europa nie eine Wertegemeinschaft gebildet. Präziser ist der Begriff „westliche Werte“. Den Unterschied mag ein Zitat des Wiener Historikers Gerald Stourzh verdeutlichen: „Europa ist nicht (allein) der Westen. Der Westen geht über Europa hinaus. Aber Europa geht auch über den Westen hinaus.“

          Heinrich August Winkler ist ein deutscher Historiker. Er wurde 1938 in Königsberg geboren und studierte Geschichte, Philosophie, Öffentliches Recht und Politische Wissenschaft in Münster, Heidelberg und Tübingen. Ab 1970 lehrte er erst in Berlin, dann in Freiburg und ab 1991 wieder in Berlin. Seit 2007 ist er an der Humboldt-Universität emeritiert.
          Heinrich August Winkler ist ein deutscher Historiker. Er wurde 1938 in Königsberg geboren und studierte Geschichte, Philosophie, Öffentliches Recht und Politische Wissenschaft in Münster, Heidelberg und Tübingen. Ab 1970 lehrte er erst in Berlin, dann in Freiburg und ab 1991 wieder in Berlin. Seit 2007 ist er an der Humboldt-Universität emeritiert. : Bild: Daniel Pilar

          Der Westen: das ist zunächst einmal jener Teil Europas, der im Mittelalter (und in manchen Ländern lange darüber hinaus) sein geistliches Zentrum in Rom hatte, also zur Westkirche gehörte. Nur dieser Teil Europas hatte die beiden vormodernen Formen der Gewaltenteilung, die ansatzweise Trennung von geistlicher und weltlicher Gewalt sowie die von fürstlicher und ständischer Gewalt, erlebt, und nur hier hatten, wenn auch nicht überall mit gleicher Intensität, die spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Emanzipationsprozesse der Renaissance und des Humanismus, der Reformation und der Aufklärung stattgefunden. Im Bereich der Ostkirche, von Byzanz und später Moskau, gab es zwar nicht das, was man „Cäsaropapismus“ genannt hat, eine personelle Einheit von geistlicher und weltlicher Gewalt, wohl aber eine Unterordnung der ersten unter die letztere. Dem orthodoxen Osten blieb fremd, was der Historiker Otto Hintze 1931 den „dualistischen Geist“ des Abendlands genannt hat: eine Keimzelle des Individualismus und Pluralismus und damit der westlichen Freiheitstradition.

          Die mittelalterlichen Gewaltenteilungen bildeten eine Vorstufe und Vorbedingung der modernen Gewaltenteilung, der Trennung von gesetzgebender, vollziehender und rechtsprechender Gewalt: einer Unterscheidung, die ihren klassischen Ausdruck 1748 in Montesquieus „Geist der Gesetze“ fand. Knapp drei Jahrzehnte später, am 12. Juni 1776, drei Wochen vor der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, wurde auf britischem Kolonialboden in Nordamerika, in Gestalt der Virginia Declaration of Rights, die erste Menschenrechtserklärung verabschiedet.

          Von Amerika wanderte die Idee der unveräußerlichen Menschenrechte wenig später über den Nordatlantik nach Europa. Der Marquis de Lafayette, der die Amerikaner in ihrem Unabhängigkeitskampf unterstützt hatte, und der Sonderbotschafter der Vereinigten Staaten in Frankreich, Thomas Jefferson, der spätere dritte Präsident der USA, ein Mitunterzeichner der Virginia Declaration of Rights und der Verfasser der amerikanischen Declaration of Independence, hatten wesentlichen Anteil an den Vorarbeiten zur Déclaration des droits de l’homme et du citoyen, die die Nationalversammlung des revolutionären Frankreich am 26. August 1789 verabschiedete.

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