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Heimatlos in der Türkei : Die Deutschländerin

Deutsch, türkisch, oder beides? Eine Deutschlandfahne mit Halbmond und Stern, aus einem türkischen Imbiss in Deutschland. Bild: Eilmes, Wolfgang

Als Tochter von Türken wuchs sie in der fränkischen Provinz auf. Schwimmen war tabu, Jungs küssen auch. Dann suchte sie ihre Heimat in der Türkei. Und stellte erst dort fest, wie deutsch sie geworden war.

          Es ist einer dieser Rundum-sorglos-Sommertage in Deutschland, München leuchtet und funkelt und brunftet und surft & turft, alles ist perfekt, bis auf den Caesar Salad in der „Fleming’s Brasserie & Wine Bar“ am Hauptbahnhof, denn da ist Schweinefleisch drin. Emine Sahin stochert mit der Gabel im Salat und sagt: „Das ist Schinken. Ich kann das jetzt leider nicht mehr essen.“

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Sie schiebt den Teller von sich und beschließt, heute zu fasten. Das kennt sie von früher. „Wir Kinder haben sehr gern gefastet. Weil wir dann auch immer Geld bekamen.“ Ihr Vater hatte einen Trick, um seine fünf Kinder für den Ramadan zu begeistern. „Er sagte immer: ,Wir machen jetzt einen Wettbewerb und schauen mal, wer von euch dreißig Tage fasten kann.‘ Pro Fasttag gab es eine Mark.“

          Das Klischeebild einer Sarrazin-Türkin

          Aha. Eine Sarrazin-Türkin also. Kriegt von ein wenig Schinken gleich die Krise. Liebt die Türkei, findet Erdogan toll und Deutschland nicht. Könnte man denken. Stimmt aber nicht, denn die Geschichte von Emine Sahin geht ganz anders. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die in Deutschland aufwächst und glaubt, eine Türkin zu sein, bis sie in die Türkei geht und feststellt: Ich bin eine Deutsche.

          Die Geschichte einer Frau, die in Istanbul erkennt, dass ihre Heimat jenes oft geschmähte und gescholtene, vermeintlich langweilige, graue und griesgrämige Land ist, in dem sie aufwuchs, dessen angeblicher Kleinkariertheit sie seit ihrer Rückkehr aber sogar etwas Poetisches abgewinnen kann.

          Emine Sahin, geboren 1973 in Ankara, war fünf Monate alt, als sie nach Deutschland kam. Ihr Vater stammt aus Mittelanatolien. Einer von Hunderttausenden, die in Deutschland ein besseres Leben suchten. Mit seiner Frau und den fünf Kindern zog er nach Kleinheubach, Landkreis Miltenberg, Unterfranken. Ein geordnetes, überschaubares, berechenbares Stück Welt: Die zehn Mitglieder des Taubenzuchtvereins treffen sich jeden ersten Freitag im Monat bei Moschos Mavroudis, der die Gaststätte im Sportheim von Eintracht Kleinheubach betreibt.

          Der Kaninchenzuchtverein hat 14 Mitglieder, der Bienenzuchtverein 18, die „Vogelfreunde Kleinheubach und Umgebung“ sogar 27. Es gibt auch einen Chor, einen Heimatgeschichtsverein und organisierte Gartenfreunde. Am Mittwoch ist beim Wanderverein „Freiheit“ Seniorenwandertag, Donnerstag übt die freiwillige Feuerwehr, Samstag um halb zwölf ist Sirenenprobealarm.

          Eine unsichtbare Mauer zur Mehrheitsgesellschaft

          Wie fast überall in der Haushaltsüberschuss-, Rentenerhöhungs- und Titanhüftenrepublik Deutschland haben auch in Kleinheubach die meisten Menschen keine ernsthaften Sorgen. Die Verwaltung funktioniert bestens, das Programm „Mit der Maus ins Rathaus“ für Online-Behördengänge wird gut angenommen, am Grüngutsammelplatz können Äste und Stammteile bis 15 Zentimeter Durchmesser abgeliefert werden. Vorletztes Wochenende waren interessierte Bürgerinnen und Bürger herzlich eingeladen zum Forsteinrichtungs-Abnahmegang im Gemeindewald, und im Bürgerbüro wurde eine verlorene Lederjacke abgegeben.

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