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Heidelberger Bluttest-Affäre : „Wenn wir uns zerfleischen, fallen wir zurück“

Prof. Dr. Sarah Schott und Prof. Dr. Christof Sohn hatten die Krankenhaus-Führung auf fehlende Vergleichsstudien hingewiesen. Bild: dpa

Interne E-Mails aus dem Führungszirkel des Universitätsklinikums Heidelberg zeigen: Auch der Vorstand ist betroffen von der Bluttest-Affäre. Ein Klinikdirektor fordert Rücktritte.

          Das Universitätsklinikum Heidelberg gerät nach dem Bluttest-Skandal zunehmend in eine Führungskrise. Einerseits gibt es unter den Klinikdirektoren der ältesten Universitätsklinik Deutschlands eine Diskussion darüber, ob der Klinikvorstand zurücktreten sollte; andererseits werden neue Details öffentlich, die zeigen, dass der Vorstand ein hohes Maß an Mitverantwortung für die voreilige Vorstellung des Bluttests auf Brustkrebs trägt. Das geht aus E-Mails hervor, die der F.A.Z. vorliegen.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Ein Klinikdirektor schreibt an die Leitende Ärztliche Direktorin Annette Grüters-Kieslich sowie an Irmtraut Gürkan, die Geschäftsführerin der Klinik: „Sie können weiteren substantiellen Schaden von uns allen, der Fakultät und dem Klinikum abwenden, wenn Sie im Sinne eines Rücktritts die Verantwortung übernehmen, die Ihnen mit Ihren Positionen anvertraut wurde.“ Die Reputation des Klinikums sei „substantiell beschädigt“. Einige Klinikdirektoren wie der Leiter der Inneren Medizin, Peter Nawroth, oder der Kardiologe Johannes Backs sprachen sich in Mails gegen den Rücktritt des Vorstands aus: „Wenn wir uns zerfleischen, fallen wir zurück“, schreibt Nawroth. Diese „Form der Destabilisierung“ hätten weder der Klinikvorstand noch die Fakultät verdient. Die Aufsichtsratsvorsitzende Simone Schwanitz aus dem baden-württembergischen Wissenschaftsministerium warnte vor voreiligen Forderungen und verwies auf die Aufklärungsarbeit der Klinik-Untersuchungskommission.

          Ermittlungen wegen Insiderhandels und Betrugs

          Darüber hinaus zeigen die vorliegenden Nachrichten, dass die ärztliche Leitung und die Geschäftsführung der Klinik das Risiko in Kauf nahmen, den Bluttest der Öffentlichkeit vorzustellen, ohne dass eine Veröffentlichung in einer anerkannten medizinischen Fachzeitschrift und eine abschließende Studie vorlagen. So schrieb Markus Jones, der Justitiar der Klinik, schon am 30. Januar 2019 an den für den Test verantwortlichen Leiter der Gynäkologischen Abteilung, Christof Sohn, dass der Fakultätsvorstand mit einer Pressekonferenz und PR-Kampagne einverstanden sei. Am 6. Februar teilte der Dekan der medizinischen Fakultät, Andreas Draguhn, seinem Kollegen sein Einverständnis mit den Veröffentlichungen in der Zeitung „Bild“ per Mail mit: Das Interview in der Zeitung sei „prima“ und auch „seriöser“, als er es diesem Medium zugetraut habe, er habe etwas über „seine eigenen Vorurteile“ gelernt. Am 18. Februar teilt dann Sohns Mitarbeiterin Sarah Schott den Vorständen Grüters-Kieslich und Gürkan mit, dass es noch keine Studie gebe, welche die Wirksamkeit des Bluttests bei der Brustkrebsfrüherkennung mit der von Mammographien vergleiche. Außerdem sei ein Antrag zur Kennzeichnung als Medizinprodukt noch nicht gestellt. Der Klinikleitung dürften die Risiken einer frühen Publikation also bewusst gewesen sein.

          Die Idee, den Test mit einer Pressekonferenz auf einem Gynäkologen-Kongress in Düsseldorf zu vermarkten, geht auf einen Wunsch des Immobilienunternehmers Jürgen Harder zurück. Seiner Firma „MammaScreen“ gehören seit Herbst 2017 39 Prozent an der deutschen Firma Heiscreen, die den Test in Deutschland vermarkten sollte. Harder war 2015 in einem Korruptionsverfahren zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Er ist ein Vertrauter des Gründers des SAP-Konzerns Dietmar Hopp, der die unterfinanzierte Universitätsklinik seit vielen Jahren mit sehr großzügigen Spenden in Millionenhöhe unterstützt und damit Einrichtungen und Forschungen finanziert, die sich das Klinikum sonst nicht leisten könnte.

          Der Einstieg Harders in die Firma Heiscreen geschah im Herbst 2017 mit Wissen des Vorstands. Das bestätigte ein Sprecher des Klinikums. Die „Technologie Transfers Heidelberg“ (TTH), die die Beteiligung an Ausgründungen steuert, habe der Beteiligung Harders an der Firma Heiscreen zugestimmt, die Klinikumsleitung sei mit einem Vorstandsmitglied in der TTH vertreten. „Der Vorstand hat eine steuernde und überwachende Funktion bei allen Tochtergesellschaften“, sagte ein Sprecher des Klinikums. Gegen einen Einstieg Harders in die Firma Heiscreen wandte sich die Klinikleitung damals nicht. Die für Wissenschaftspolitik zuständige CDU-Landtagsabgeordnete Marion Gentges kritisiert das: „Der Vorstand muss sich fragen lassen, aus welchen Gründen es zur Beteiligung der jeweiligen Gesellschafter an der Heiscreen GmbH gekommen ist und welche Kriterien bei der Auswahl von Gesellschaftern bei Ausgründungen generell zu berücksichtigen sind.“

          Am 21. Februar hatte der Direktor der Gynäkologischen Klinik, Christof Sohn, den Bluttest zur Brustkrebsfrüherkennung auf dem Düsseldorfer Kongress vorgestellt. Am 25. März 2019 musste die Klinik sich hierfür entschuldigen, weil dem Test noch die wissenschaftliche Evidenz fehlt. Die Staatsanwaltschaft Mannheim ermittelt nach einer Selbstanzeige des Klinikums wegen Insiderhandels und Betrugs.

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