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Hausbesetzer in Berlin : Auf verlorenem Posten

  • -Aktualisiert am

Das Haus als Symbol: Die Roger-Whittaker-Hörer wollen nicht weichen Bild: dapd

Weil in Berlin ein Mietshaus geräumt werden soll, wird mit Krawallen der radikalen Szene gerechnet. Die steht mit ihrem Anliegen freilich ziemlich alleine da. Anders als in den achtziger Jahren, genießen die Hausbesetzer wenig Zuspruch.

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          An diesem Mittwoch soll um acht Uhr morgens das Haus Nummer 14 in der Liebigstraße im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg geräumt werden. Die etwa zwei Dutzend Personen, die seit 1990 das Haus - erst als Besetzer, dann als Mieter - bewohnen, wollten mit einem Eilantrag beim Amtsgericht Tempelhof-Kreuzberg die Räumung verhindern, das lehnte das Gericht ab, die Bewohner legten Beschwerde ein. Dass es in der Auseinandersetzung neue Argumente geben könnte, ist schwer vorstellbar. Das Haus wurde verkauft, der neue Eigentümer hat den Bewohnern gekündigt, die in den vergangenen zwanzig Jahren miterleben konnten, wie sich die Gegend um den Bersarinplatz von einem heruntergekommenen zu einem begehrten Wohnquartier entwickelte.

          Die Berliner Grünen, die in Kreuzberg-Friedrichshain den Bürgermeister stellen, forderten „alle, die sich in der Liebigstraße 14 rechtswidrig aufhalten“, auf, das Haus friedlich zu verlassen. Ausdrücklich verurteilten sie Gewalt und Ausschreitungen. Zu Gewalt - vierzig Polizisten und ein Journalist wurden durch Stein- und Flaschenwürfe verletzt - war es bei einer Demonstration gegen die bevorstehende Räumung am Samstag gekommen, es wurden Farbbeutel geworfen und Parolen an Fassaden gesprüht: „L 14 verteidigen“.

          Die Bewohner kündigten an, sie würden „das Haus nicht besenrein übergeben“; wenn „bewaffnete Polizisten“ auftauchten, werde es nicht friedlich bleiben. Am Wochenende hatten die Bewohner einen Flohmarkt abgehalten, um das Haus mit leichtem Gepäck verlassen zu können. Für ihren Wohngeschmack - Roger-Whittaker-Platten, Monopoly und Waffeleisen - hatten sie sich verspotten lassen müssen.

          Mit Stacheldraht und Eisendraht verbarrikadierter Balkon in der Liebigstraße 14

          „Gentrifizierung“ heißt der Kampfbegriff

          Anders als in den achtziger Jahren, als in West-Berlin Wohnungsbaufirmen großflächige und teure Sanierungsvorhaben durchsetzten, während sie zugleich Altbauhäuser verkommen ließen, genießen die Bewohner der Liebigstraße 14 wenig Zuspruch. Die Tage, als rebellische Jugendliche sich der in vierzig DDR-Jahren vollkommen heruntergekommenen Häuser annahmen, indem sie diese besetzten, sind längst vorbei. Berlin zieht, wie damals, junge Leute an, auch arme. Aber viele seiner ehemals elenden Wohnquartiere entwickeln sich positiv. In Nord-Neukölln etwa sind heute Wohnlagen attraktiv, die es nicht waren, als der Flughafen Tempelhof noch angeflogen wurde. Die Berliner Mieten, das belegte jüngst eine Studie, steigen, auch wenn sie noch weit von denen reicherer Großstädte wie München, Frankfurt und Hamburg entfernt sind. Selbst in beliebten Straßen in Prenzlauer Berg, wo die Neubaumieten in den vergangenen drei Jahren durch häufige Umzüge besonders stark, zum Teil um über 15 Prozent gestiegen sind, liegen die Mieten derer, die schon länger dort wohnen, immer noch unter sechs Euro je Quadratmeter.

          „Es gibt kein Recht auf Innenstadt“ - so kommentierte Dieter Rucht vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung den Protest in der Liebigstraße. Denn den Bewohnern war in langwierigen Verhandlungen ein Ausweichquartier in Pankow angeboten worden, was diese jedoch als unzumutbar ablehnten. Ihre Szene vertritt die These, aus der Berliner Innenstadt würden die Armen und die Alteingesessenen vertrieben: „Gentrifizierung“ heißt der Kampfbegriff dafür.

          Die Kastanienallee sei nicht „Stuttgart 21“

          Seit in Stuttgart unerwartet viele gegen den neuen Bahnhof protestierten, wird auch in Berlin die Verwaltung bei jedem Planungskonflikt auf die Macht des Protests hingewiesen. Das Anliegen der Liebigstraßenbewohner vereint durchaus einige linksradikale Gruppen und Personen hinter sich, es wird aber von einem weit größeren Teil der Bevölkerung als illegitim angesehen. Die Berliner „Tageszeitung“ (“taz“) fragte, wofür „L 14“ eigentlich stehe, und empfahl: „Linke, kauft Häuser!“

          Dass die Grünen mit „L 14“ nichts zu tun haben wollen, kann man als gelernte Lektion aus ähnlichen Konflikten der Vergangenheit verstehen. Kreuzberger Besetzern war vor einigen Jahren noch die feindliche Übernahme des ehemaligen Krankenhauses Bethanien gestattet worden, aus dem andere, zahlende Mieter regelrecht flohen. In Prenzlauer Berg kämpft Stadtrat Holger Kirchner (Grüne) gegen gut organisierte Grüppchen, die verbalradikal gegen jede Straßensanierung auftreten. Diese, zumeist aus gediegenen westdeutschen Milieus stammend, verteidigten die für Alte und Kinderwagenschieber tückischen „verranzten“ Straßen wie ein Kulturgut, argumentiert Kirchner. Die dortige SPD mokiert sich darüber, dass die Grünen abermals nach Bürgerbeteiligung rufen: Die Kastanienallee sei nicht „Stuttgart 21“.

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