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Frankfurter Hauptbahnhof : Zeugnis der Armut

Obdachloser schläft am Frankfurter Hauptbahnhof. Bild: Silber, Stefanie

Drogen, Bettelei, Obdachlose: Über das Elend an Frankfurts Hauptbahnhof wird heftig diskutiert. Was kann man dagegen unternehmen? Die Verwaltung zeigt ihre Möglichkeiten auf – doch die sind sehr begrenzt.

          Die angebliche städtische Authentizität, mit der Frankfurt um den Zuzug von Londoner Börsenmaklern buhlt, verursacht bei den eigenen Bewohnern immer wieder Unwohlsein. Das gilt für den Frankfurter Hauptbahnhof, in dem Rauschgift weitgehend offen verkauft und konsumiert wird. Ein anderes Ärgernis sind die Elendsunterkünfte. Eine davon befindet sich seit einigen Monaten im Gutleutviertel. Vor der evangelischen Weißfrauenkirche übernachteten dort, jedenfalls bis zuletzt, zwischen 25 und 50 Obdachlose, zumeist weibliche Roma, die nach eigenen Angaben aus Rumänien stammen und offenbar derselben Sippe angehören. Ihren Lebensunterhalt bestreiten sie mit organisiertem Betteln.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Im Juli 2015 begannen die Rumänen, ihr Lager auf dem Grundstück der Evangelischen Kirche Frankfurt aufzuschlagen – wohl wegen der Nähe zum Bahnhofsviertel und mit dem Kalkül, auf das Verständnis der Kirche hoffen zu können. Nebenan ist ein von der Diakonie betriebener Tagestreff für Obdachlose, der, wie die Geschäftsführerin der Diakonie Frankfurt Thea Mohr der F.A.Z. sagte, „eigentlich nicht für die rumänischen Arbeitsmigranten gedacht ist“. Man habe aber festgestellt, dass diese jene zusehends verdrängten. Als der Winter kam, wurde der Tagestreff auch über Nacht geöffnet, damit die Rumänen dort schlafen, auf die Toilette gehen und sich waschen konnten.

          Dafür musste zusätzliches Personal bereit gestellt werden, was teils von der Kirche, teils von der Stadt bezahlt wurde. Als der Nachtbetrieb im Frühjahr endete, nahmen die Probleme zu, was viele Anwohner nicht zuletzt auch gegen die Kirche aufbrachte. Mohr erzählt von Beschimpfungen und Schmähbriefen, kann Beschwerden über die akustischen und hygienischen Zustände aber auch verstehen. Sie bestätigt – wie auch die Stadt Frankfurt –, dass es eine „Geruchsentwicklung“ um das Matratzenlager gebe, ebenso wie nächtlichen Lärm und offenen Streit. Sie erzählt von teuren Autos, von Clanstrukturen und dass man an die Gruppe nicht wirklich herangekommen sei.

          Gegen Bettler nur vorgehen, wenn Ordnungswidrigkeit vorliegt

          Hat die Kirche hier christliche Nächstenliebe praktiziert oder hat sie ein unterdrückerisches Clansystem stabilisiert? Mohr sagt, eben das seien die Fragen, mit denen man bis heute ringe. Auch mit der Stadt, die daran festhält, dass eben alles nicht so einfach sei. Ein Sprecher des Ordnungsamts sagte der F.A.Z.: Man könne gegen die Bettler nur vorgehen, wenn etwa eine Ordnungswidrigkeit vorliege. Dazu gehört das sehr häufig aufgetretene wilde Urinieren. Es sei aber schwierig, da jemanden auf frischer Tat zu ertappen.

          Man fand eine Lösung, zumindest einen Lösungsvorschlag. Die Obdachlosen vor der Weißfrauenkirche sollten nachts in der B-Ebene der S-Bahn-Station Hauptwache nächtigen, so, wie das in den vergangenen Jahren auch anderen Obdachlosen ermöglicht wurde. Dazu wurde die Öffnung der Station vorgezogen, auf den 17. Oktober. Die Kirche verlieh dem Vorschlag Nachdruck durch das Aufbauen eines Bauzauns, der nicht nur bauliche Gründe hat. Allein: Keiner der Bettler machte von dem Angebot Gebrauch. Mögliche Gründe: dass die rumänischen Frauen sich nicht in die Gesellschaft fremder männlicher Obdachloser begeben wollen. Überdies hätten sie dort Schwierigkeiten, tagsüber, wenn sie unterwegs sind, ihr Hab und Gut zu verstauen – oder sie müssten für die Benutzung eines Schließfachs bezahlen.

          Eine andere Lösung zeichnet sich nun ab. Der Immobilienunternehmer Novak Petrovic, der in der Stadt schon im Zusammenhang mit dem Occupy-Zeltlager als Fürsprecher der Roma auftrat, stellte mehrere leerstehende Wohnungen zur kostenlosen Miete zur Verfügung. Das wurde von der Gruppe offenbar angenommen. Ein Arbeiter, der am Dienstagnachmittag mit dem Bauzaun an der Kirche beschäftigt war, sagte, er gehe davon aus, dass heute Abend niemand komme.

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