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Hat Gregor Gysi der Stasi zugearbeitet? : Havemanns „Postbote zum ZK“

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Gregor Gysi: Welche Rolle hatte Gysi in der SED-Zeit? Bild: ddp

In der Auseinandersetzung zwischen Marianne Birthler und dem Vorsitzenden der Linksfraktion geht nun vor allem um Dokumente aus dem Jahre 1979. Die Blätter beleuchten das Verhältnis der SED zu Robert Havemann, aber auch das von Dissident und Pflichtverteidiger. Mechthild Küpper berichtet über Akten, Theorien und Gegendarstellungen.

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          Aus dem unfangreichen Hinterlassenschaften des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR hat die Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen in der vergangenen Woche fünf Blatt herausgegeben. Marianne Birthler hatte zunächst umsichtig-vorsichtig formuliert, damit würden „endlich weitere Dokumente über die Einflussnahme der Stasi auf Anwälte und das Verhältnis Havemanns zu seinem Anwalt Dr. Gysi“ publiziert.

          Am Mittwoch setzte sie nach: Herausgegeben worden seien Unterlagen zu einem Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) der Stasi, „und der kann nach Aktenlage nur Gregor Gysi gewesen sein“. Wenn es in ihrem Haus daran Zweifel gegeben hätte, „würden wir diese Unterlagen nicht als IM-Unterlagen herausgeben“.

          „Staatsfeind Nr. 1“

          Seit der Herausgabe der Dokumente werden einige Sommer- und Herbsttage im Jahr 1979 so heftig und kontrovers ausgedeutet, dass sie wieder ganz frisch erscheinen: Der damals 31 Jahre alte Anwalt Gregor Gysi war Pflichtanwalt von Robert Havemann, dem Naturwissenschaftler, NS-Verfolgten, begeisterten Kommunisten und Agenten für den KGB, der zu dieser Zeit jedoch schon seiner Ämter und Posten entkleidet als „Staatsfeind Nr. 1“ vom SED-Regime in seinem Haus in Grünheide bei Berlin unter Hausarrest gehalten wurde. Ihm sollten unbedingt endlich seine äußerst guten Kontakte zu westlichen Medien unmöglich gemacht werden.

          Robert Havemann 1979
          Robert Havemann 1979 : Bild: dpa

          Havemann, gegen den die SED seit den sechziger Jahren vielfache Repressionen verfügte, wurde in den Jahren vor seinem Tod 1982 systematisch beobachtet, mit Strafverfahren überzogen, abgehört und unter Hausarrest gesetzt. Die fünf Blatt, die von der Stasi zur Vernichtung vorgesehen waren, wurden aus Papierschnipseln zusammengefügt und liegen seit 2005 vor. Gysi war seinerzeit von der Birthler-Behörde darüber informiert worden, dass sie publiziert werden sollten.

          Umstrittene Unterlagen

          Er klagte beim Berliner Verwaltungsgericht gegen die Herausgabe, wurde jedoch 2006 dazu verpflichtet. Gegen das Urteil legte er Berufung beim Oberverwaltungsgericht ein, die er jedoch am Tage vor der mündlichen Verhandlung zurücknahm. Danach fühlte sich die Birthler-Behörde berechtigt, die Unterlagen zu Havemann herauszugeben.

          Es sind drei Schriftstücke. Das erste und zweite stammen aus der Hauptabteilung XX/06. Eines stammt vom 10. Juli 1979 und ist der „Bericht über ein geführtes Gespräch mit Robert Havemann am 9.7. 1979“, es ist in der ersten Person Singular verfasst. Gegenstand des Gesprächs sind politische und rechtliche Erörterungen; der Autor ist nicht genannt.

          Der zweite Text trägt das Datum 11. Juli 1979 und den Titel „Bericht über ein geführtes Gespräch mit Rechtsanwalt Dr. Gysi am 10. 7. 1979“. Unten auf der Seite fehlt ein Stück. Referiert wird, was Erich Honecker in einem Gespräch mit Gysis Vater Klaus zu den Verfahren gegen Havemann veranlasst habe. Er habe die „juristisch konsequente Verteidigung von Rechtsanwalt Gysi begrüßt“, heißt es etwa, und habe diesem übermitteln lassen, er solle auf Havemann einwirken, seine „Außenpropaganda“ einzustellen.

          Im dritten Text, er stammt vom 5. Oktober 1979, trägt die Überschrift „Über weitere Aktivitäten im Zusammenhang mit Robert Havemann“. Darin heißt es: „Der IM nahm ... mit in die Stadt und erfuhr zur Person folgendes“. Die anonymisierte Person ist Thomas Erwin, damals oppositioneller Schüler in der DDR, heute Künstler, der unter dem Namen Klingenstein arbeitet. Er sei, so stellt er es dar, damals nach einem Besuch bei Havemann in Grünheide von Gysi im Auto zurück nach Berlin gefahren worden. Was er an dem Tag sagte, wusste das MfS fast sofort. Wer war also der IM? In dem Verfahren vor dem Verwaltungsgericht sollte Erwin als Zeuge auftreten.

          Ungelegener Zeitpunkt

          Da der Fraktionsvorsitzende der Linkspartei im Bundestag seine Berufung wenige Tage vor dem ersten Parteitag seiner Partei in Cottbus zurücknahm, Erwin also nicht mehr aussagen konnte, belebte sich die alte Frage, ob Gysi IM gewesen sei, was dieser seit vielen Jahren vehement bestreitet, zu einem äußerst ungelegenen Zeitpunkt. Über seine Arbeit für den Mandanten Havemann hatte Gysi schon im Verfahren gegen Richter und Staatsanwälte Auskunft gegeben, die mit Havemanns Prozessen befasst waren. Sie waren in den neunziger Jahren wegen Rechtsbeugung angeklagt. Damals wie heute erklärte Gysi, über Havemanns Prozess habe er mit der Abteilung Staat und Recht des Zentralkommitees der SED geredet, es liege also „nahe, dass vom ZK eine Information an die Staatssicherheit ging. Da Informationen vom ZK nicht direkt in Akten genommen werden durften, wären sie dann umgeschrieben worden.“

          Gysi bestreitet vehement, „wissentlich und willentlich“ mit der Stasi zusammengearbeitet zu haben. Gegen das ZDF werde er wegen der Berichterstattung zu seinem Fall klagen, ob er auch gegen Frau Birthler rechtlich vorgehen werde, wisse er noch nicht, sagte er am Mittwoch.

          Unkenntnis der „Abläufe im SED-Staat“

          Den Berliner Zeithistoriker Manfred Wilke stört an der Debatte über Gysis Arbeit für die Stasi, dass sie von einer Unkenntnis der „Abläufe im SED-Staat“ zeuge. Gysi sei vom Politbüro der SED, das über alles entschied, was mit Havemann zusammenhing, zum Pflichtverteidiger Havemanns bestimmt worden. Seine Aufgabe als Anwalt sei es gewesen, das Verfahren gegen Havemann „rechtsförmig zu machen“, nicht etwa, sich als Vertreter seines Mandanten zu verstehen. „Ob er auch IM war“, sagte Wilke am Mittwoch, sei eine „dusselige Geschichte“; er halte es „sogar für unwahrscheinlich“. Parteifunktionäre seien im Grund nicht von der Stasi angeworben worden, sie hätten ohnehin mit den Staatsorganen zusammengearbeitet.

          Man müsse, um Gysis Rolle als Anwalt in der DDR richtig zu verstehen, den „Akzent anders setzen“ und die Konstruktion des SED-Staats „endlich ernst nehmen“. Wilke und seine Frau Karin haben Havemann in den Jahren seiner Isolation häufig besucht; Havemann habe Gysi als seinen „Postboten“ zum ZK gesehen.

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