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Rekrutierung von Dschihadisten : Welt voller Dämonen und Teufel

David G. aus Kempten (Mitte) versuchte, vermeintliche Makel mit Honig zu kurieren und trank Ziegenmilch, bevor er in den Krieg nach Syrien zog, wo er getötet wurde. Bild: Privat

Schwarzkümmelöl als Therapie gegen Krebs, Teufelsaustreibungen mit arabischen Formeln - Hassprediger nutzen okkulte Praktiken, um in Deutschland Dschihadisten zu rekrutieren. Wie Sektenführer wollen sie so junge Menschen von sich abhängig machen.

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          Silvio Koblitz ließ sich die Fußsohlen verbrennen. Nachbarn schreckten auf, als um drei Uhr am morgens Schreie aus seiner Wohnung drangen. Koblitz schickte sie fort: Er brauche keinen Arzt, sagte er. Der Teufel sei ihm gerade ausgetrieben worden. Diese Episode aus dem Ruhrgebiet liegt schon ein paar Jahre zurück. Im August 2014 drohte Koblitz schließlich mit Anschlägen in Deutschland. Da war er schon nach Syrien gereist und hatte sich dem „Islamischen Staat“ (IS) angeschlossen. „Teufelsaustreibung“ oder auch der Glaube an die Wirksamkeit allerlei Hausmittelchen sind Phänomene, die sich in vielen Karrieren junger Dschihadisten finden lassen.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Junge Salafisten, die den Gefährten des Propheten Mohammed nacheifern, therapieren körperliche Leiden mit Schwarzkümmelöl. Sie erklären sich sexuelle Bedürfnisse, Ängste oder böse Gedanken mit „Dschinn“: mit Geistern, die ihnen diese Schwächen eingepflanzt hätten - und die es auszutreiben gelte.

          David G. alias Abu Dawud al Almani aus Kempten, getötet in Syrien, versuchte, seine vermeintlichen Makel mit Honig zu kurieren. Die Familie eines Münchener Dschihadisten berichtet, dass dieser ständig Ziegenmilch zu sich nahm. Islamismusfachleute aus den Sicherheitsbehörden berichten von Gesprächen mit jugendlichen Salafisten, die behaupteten, es gebe „Dschinn“, die von Israel ausgebildet würden, um Muslime zu schwächen.

          Der Koran wird missbraucht, um junge Menschen von der Gesellschaft zu entfernen

          Das alles atmete den Geist von Folklore und Aberglaube. Doch Verfassungsschützer, Terrorfahnder und Psychologen haben im Zuge gemeinsamer Recherchen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und des ARD-Magazins „Report München“ bestätigt, dass Hassprediger im Umgang mit dschihadistischen Rekruten immer wieder solche Praktiken nutzen, um junge Menschen zu manipulieren, sie gefügig zu machen und dann zu radikalisieren. Sie seien Teil des „Gesamtpakets“, heißt es. Sie würden ausgenutzt, um eine Art „Meister-Schüler-Verhältnis“ aufzubauen, sagt ein Dschihadismusfachmann des Verfassungsschutzes. „Der Heiler wird zum Retter in der Not, für den man bereit ist, einiges zu tun.“

          Junge Menschen entfremden sich von der Gesellschaft

          Schon die deutschen Extremisten, die in die Stammesgebiete im afghanisch-pakistanische Grenzgebiet reisten, glaubten an böse Geister und Wunder. Doch je stärker der Salafismus in den vergangenen Jahren zu einer Jugendkultur wurde, desto präsenter wurden auch die Praktiken der Geisteraustreibung und der Koranheilung. Die salafistischen Prediger, die eigentlich einer puritanischen Auslegung der religiösen Quellen das Wort reden, vereinnahmen auf diese Weise auch den meist in ländlichen Gebieten verbreiteten und von abergläubischen Elementen durchsetzten Volksislam, deuten ihn um und missbrauchen ihn für ihre Zwecke.

          Die Welt der Dämonen und Teufel übe auf viele Jugendliche große Anziehungskraft aus, sagt der Berliner Psychologe Ahmad Mansour, der radikalisierte junge Menschen betreut. Es sei ein Weg von vielen, die Jugendlichen an die Idee und die Ideologie des Salafismus heranzuführen. Die selbsternannten Heiler, sagt Mansour, bestätigten die Jugendlichen in ihrer Opferrolle und versorgten sie mit klaren und eindeutigen Feindbildern. Die jungen Menschen könnten so die Verantwortung für ihre Schwächen abwälzen und gehörten dann zugleich zu einer Gruppe, die im Besitz der absoluten Wahrheit sei.

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