https://www.faz.net/-gpf-9s54b

Harte Kritik an AFD : „Der politische Arm des Rechtsterrorismus“

  • Aktualisiert am

Polizisten begleiten AfD-Mitglieder vorbei an Demonstranten, die gegen den Landesparteitag der AfD in Oldenburg protestierten (27.10.2018) Bild: dpa

Nach der Bluttat von Halle wird der Vorwurf lauter, dass die AfD der „geistige Brandstifter“ für rechtsextremistische Gewalttaten in Deutschland sei. Immer mehr Politiker fordern eine Beobachtung durch den Verfassungsschutz.

          3 Min.

          Nach dem terroristischen Anschlag von Halle mehren sich die Stimmen, die der AfD eine Mitschuld an der Tat geben. CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt sprach sich für eine Beobachtung der AfD durch den Verfassungsschutz aus. „Ich hielte es für richtig, die AfD vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen. Man muss bei AfD-Parteigliederungen wie dem sogenannten Flügel genau hinschauen, ob sie sich noch auf dem Boden der Verfassung bewegen“, sagte er der „Passauer Neuen Presse“. Manche Vertreter der AfD hätten längst die gedanklichen Grenzen zum Rechtsextremismus überschritten.

          Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) hatte im Januar die Jugendorganisation der AfD (Junge Alternative) und den „Flügel“ als Verdachtsfall im Bereich des Rechtsextremismus eingestuft. Das erlaubt auch den Einsatz nachrichtendienstlicher Mittel. Die AfD sprach daraufhin von einer „politischen Instrumentalisierung“ des Verfassungsschutzes.

          Dobrindt sagte der Zeitung: „Die AfD beschreitet einen Weg, der geradezu Nährboden ist für rechtsradikale Umtriebe: Die Parteiführung lässt wohl ganz bewusst Elemente an radikalem und antisemitischem Gedankengut zu.“ Der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen hatte sich bereits gegen den Vorwurf gewehrt, die Politiker seiner Partei würden sich als „geistige Brandstifter“ für rechtsextremistische Gewalttaten betätigen: Die Tat werde parteipolitisch instrumentalisiert.

          Seehofer: „Da laufen mir Schauer über den Rücken“

          Am Mittwoch hatte der schwer bewaffnete Stephan B. versucht, in die Synagoge von Halle einzudringen. Als das misslang, erschoss er vor dem Gotteshaus und in einem nahen Dönerladen eine 40 Jahre alte Frau und einen 20 Jahre alten Mann. Bei seiner Flucht verletzte er zwei weitere Menschen. Der 27-jährige Deutsche sitzt inzwischen in Halle in Untersuchungshaft. Er hat die Tat gestanden.

          Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hatte am Freitag in der ZDF-Sendung „Was nun?“ mit Blick auf die AfD gesagt, bei einzelnen Personen und Reden laufe ihm ein Schauer über den Rücken. „Deshalb wäre die AfD gut beraten, sich von solchen Reden und von solchen Personen klar zu distanzieren. Das erwarte ich als Bundesinnenminister.“

          Michael Roth, einer der Bewerber um den SPD-Vorsitz, kritisierte in der „Welt“: „Im Deutschen Bundestag und in den Landtagen sitzt der politische Arm des Rechtsterrorismus. Und das ist die AfD.“ Das gelte sicher nicht für alle Mitglieder. „Aber die Partei muss ihr Verhältnis klären zu denjenigen, die durch Hass und Hetze solchen furchtbaren Taten den Boden bereiten. Der Verfassungsschutz muss den Laden verstärkt beobachten“, verlangte auch Roth. „Das ist keine Protestpartei, das ist eine zumindest rechtsradikale Partei.“

          Appell an Juden, in Deutschland zu bleiben

          Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, verlangte Änderungen mit Blick auf das Wissen von Sicherheitsleuten. „Die Sicherheitsbehörden brauchen Kenntnisse über jüdische Bräuche und Feiertage, um entsprechend vorbereitet zu sein“, sagte er dem „Mannheimer Morgen“. „So wie in jeder Polizeidienststelle bekannt ist, dass Christen sonntags Gottesdienst feiern, müssen Polizisten auch den Sabbat und die hohen jüdischen Feiertage kennen.“ Fatalerweise sei in Halle falsch eingeschätzt worden, „dass es an dem jüdischen Feiertag Jom Kippur in einer voll besetzten Synagoge eine höhere Gefährdungslage gibt“, sagte er der Zeitung.

          Klein appellierte an die Juden in Deutschland, das Land nicht zu verlassen. „Der Anschlag von Halle sollte nicht Auslöser dafür sein, dass wir über die Abwanderung von Juden sprechen müssen“, sagte er der Zeitung. „Es gibt Juden in Deutschland, die ernsthaft überlegen, das Land zu verlassen. Das finde ich alarmierend.“

          Die Ministerpräsidenten von Hessen und Niedersachsen, Volker Bouffier (CDU) und Stephan Weil (SPD), riefen die Bürger zu stärkerem Widerstand gegen Rechtsextremismus auf. „Die Ächtung von rechtsextremer Gewalt und Hass im Netz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, sagte Bouffier der „Rheinischen Post“. Weil sagte dem Blatt: „Wir brauchen eine breite gesellschaftliche Bewegung gegen alles, was die Hemmschwelle zur Gewalt senkt.“ Hass, Gewaltaufrufe und Verunglimpfungen im Netz müssten geächtet werden, „denn den Worten folgen Taten.“ Das schafften Politik und Behörden nicht allein. „Dafür muss der Impuls auch aus der Bevölkerung kommen.“

          Die FDP-Bundestagsfraktion verlangte eine „Sofort-Initiative“ gegen Antisemitismus. Die Partei fordere, „bis zu 20 Millionen Euro bereitzustellen, um die Förderung von Programmen, Maßnahmen und Aktionen sowohl im gesellschaftlichen als auch im bundeszuständigen Umfeld gegen Antisemitismus zu verstärken“, heißt es in einem Entwurf, aus dem die „Bild“-Zeitung zitiert.

          Protest gegen AfD-Parteitag in Braunschweig

          Auch in Braunschweig formiert sich Widerstand gegen einen für Ende November geplanten AfD-Bundesparteitag. Derzeit seien fünf Kundgebungen gegen die Veranstaltung angemeldet, außerdem ein Demonstrationszug, sagte ein Sprecher der Stadt Braunschweig auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. Der Anmelder gehe von voraussichtlich 2000 Teilnehmern aus.

          Nach früheren Angaben der AfD ist der Bundesparteitag für den 30. November und 1. Dezember in Braunschweig geplant. Schon im Vorfeld war es zu Kritik gekommen. Er verstehe nicht, warum der städtische Betreiber der Halle nicht alles versuche, einen derartigen Termin zu verhindern, sagte Sebastian Wertmüller, Bezirksgeschäftsführer der Gewerkschaft Verdi, Mitte August. VW-Belegschaftsvertreter hatten zudem gefordert, den Namen Volkswagen während des Bundesparteitags in der Braunschweiger Volkswagen-Halle abzudecken. Die Organisation Campact will per Online-Petition erreichen, den Parteitag zu verhindern – zuletzt hatten fast 16.000 Menschen unterschrieben.

          Weitere Themen

          Alles scheint möglich

          Parteitag der Grünen : Alles scheint möglich

          Die Grünen profitieren enorm von der Debatte über den Klimaschutz. Auf ihrem Parteitag in Bielefeld wollen sie sich inhaltlich trotzdem weiter öffnen. Und eine Frage schwebt über allem: Wird es einen grünen Kanzlerkandidaten geben?

          „Wir müssen wachsam sein“

          Volkstrauertag : „Wir müssen wachsam sein“

          Wie gedenkt man der Toten der Kriege? Die Schüler der Frankfurter Gagern-Schule zeigen in der Paulskirche eine zukunftsweisende Erinnerungskultur.

          Topmeldungen

          Robert Habeck wirbt in der kontroversen Debatte für den Leitantrag.

          Wirtschaftsprogramm : Die Grünen fordern mehr Verbote

          Neue Klimazölle, strenge Quoten für die Automobilindustrie und eine Anhebung des Mindestlohns. Die Grünen-Spitze um Baerbock und Habeck spricht sich für einen „Green New Deal“ aus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.