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Harald Ringstorff gestorben : Er versuchte Wunden zu heilen

Harald Ringstorff (hier auf einem Archivbild aus dem Jahr 2006) Bild: ddp

Als Ministerpräsident führte er Mecklenburg-Vorpommern nach der Einheit durch schwierige Jahre - und schaffte der SPD eine strategische Schlüsselposition. Zum Tod von Harald Ringstorff.

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          Wenn man wirklich verstehen will, warum im Osten nach der Wende alles so gekommen ist, wie es gekommen ist, sollte man auch auf die Politiker und ihre Lebensläufe schauen, die in den Jahren nach der Einheit darüber entschieden und darum gerungen haben, wie es weitergeht. Bei denen nach 1989 nicht einfach alles weiterlief, sondern für die ein neues Leben begann; eines, das für sie vorher nicht vorstellbar gewesen war. Und in dem sie sich als Politiker plötzlich in einer Rolle wiederfanden, in der sie Verantwortung dafür trugen, ihre Mitmenschen in dieses neue Leben mitzunehmen.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Harald Ringstorff war einer von diesen Politikern, und einer der auffälligsten zudem. Als Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern von 1998 bis 2008 versuchte er, Wunden zu heilen, ostdeutsche Antworten auf die politischen Herausforderungen zu geben – und seine Partei taktisch so zu positionieren, dass sie trotz kaum vorhandener Verwurzelung im Land an der Macht bleiben könnte. Zumindest das letzte ist ihm gelungen; seit seinem ersten Wahlsieg 1998 sitzen nur noch Sozialdemokraten in der Schweriner Staatskanzlei, derzeit ist es Manuela Schwesig. Ringstorff habe „mit seiner großen Heimatverbundenheit, seiner bodenständigen, ruhigen und zugleich zupackenden Art und seiner Liebe zur plattdeutschen Sprache das Amt des Ministerpräsidenten hervorragend ausgefüllt“, würdigte sie ihn am Montag. „Dass Mecklenburg-Vorpommern sich in den dreißig Jahren seit der Deutschen Einheit sehr gut entwickelt hat, verdanken wir ganz erheblich Harald Ringstorff.“

          Als Chemiker für Schiffsfarben zuständig

          Bevor die Wende aber kam, war an so eine Karriere gar nicht zu denken. Ringstorff war 1989 schon 50 Jahre alt, ein in Wittenburg geborener Chemiker, der für Schiffsfarben in Rostock zuständig war. Politisch aktiv war er nicht – bis er Ende 1989 zu den Gründungsmitgliedern der Sozialdemokraten in Rostock gehörte und innerhalb weniger Monate Kreisvorsitzender, Landesvorsitzender und im März 1990 Mitglied der ersten frei gewählten Volkskammer wurde. Die DDR verschwand, ein neues Leben begann. Nach der Auflösung der Volkskammer zog Ringstorff in den Landtag ein und verfolgte zunächst als Oppositionsführer und für kurze Zeit auch als Minister –, wie die CDU-geführten Landesregierungen sich mit den Umbrüchen abmühten. Werftkrisen erschütterten (und erschüttern bis heute) das Land, die Arbeitslosigkeit stieg und die Laune sank. 1998 war die CDU schließlich müde und ohne Partner, und Ringstorff gelang der Wahlsieg.

          In die Staatskanzlei aber konnte er nur einziehen, weil er sich auch gegen die eigene Bundespartei mit dem Plan durchsetzte, die Linke zum Koalitionspartner zu machen. Das verschaffte ihm den Ministerpräsidentenposten und Aufmerksamkeit in der Bundesrepublik. Die Empörung aber schien Ringstorff nicht viel auszumachen. Die Koalition war seine Antwort auf die lange währende Debatte, ob der Versöhnung Vorrang einzuräumen sei oder doch der Aufarbeitung, wie die CDU es verlangte. Und sie war nicht ohne machttaktisches Kalkül: Ringstorff verschaffte seiner Partei damit eine strategische Schlüsselposition im Land, 2006 tauschte er die Linke einfach gegen die CDU aus – und fing schon in der rot-roten Koalition für eine bessere Zukunft zu sparen an, ausgerechnet. Es folgten Jahre der schmerzhaften Einschnitte, und auch wenn Ringstorff nicht mit jedem Projekt für die Zukunft des Landes Erfolg haben sollte – die Kreisgebietsreform wurde eine bittere Niederlage –, sieht es doch heute im Nordosten lange nicht mehr so trübe aus wie noch in den neunziger Jahren. Im Oktober 2008 trat Ringstorff ab, am Tag der deutschen Einheit natürlich. 

          In den vergangenen Jahren wurde es dann sehr ruhig um ihn, bei seinen wenigen öffentlichen Auftritten war nicht zu übersehen, dass er schwer erkrankt war. Wie erst am Montag bekannt wurde, starb Harald Ringstorff, der verheiratet war und eine Tochter hatte, bereits am vergangenen Donnerstag im Alter von 81 Jahren.

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