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Hans-Jochen Vogel wird 80 : Der Anti-Polemiker

  • -Aktualisiert am

August 2005: Auch bei Schröder findet Vogel Gehör Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Zum 80. Geburtstag von Hans-Jochen Vogel schreibt F.A.Z.-Korrespondent Günter Bannas. Der frühere SPD-Vorsitzende war - und ist - gewiß kein Mann, der dem Streit aus dem Wege ginge. Polemik um ihrer selbst willen hat er vermieden.

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          Daß sich seit der Bildung der großen Koalition der Stil der politischen Auseinandersetzung verändert habe, hat Hans-Jochen Vogel wahrgenommen - als eine Wohltat, wie er es schildert. Der frühere SPD-Vorsitzende war - und ist - gewiß kein Mann, der dem Streit aus dem Wege ginge.

          Ehedem schien es, als könne er sich wie auf Knopfdruck empören. Die Fähigkeit hat er behalten, auch wenn andere Sozialdemokraten seiner Generation zuletzt eine Altersmilde an ihm bemerkten. Doch hatte er sich stets bemüht, Polemik um ihrer selbst willen zu vermeiden, was auch damit zusammenhängen mag, daß sein jüngerer Bruder Bernhard der CDU angehörte und Ministerpräsident (zunächst in Rheinland-Pfalz, später in Thüringen) war.

          Ein gefragter Mann geblieben

          Mindestens einen Teil der Politikverdrossenheit führt der ältere Vogel, der an diesem Freitag vor 80 Jahren in Göttingen geboren wurde, auf jene Form der Auseinandersetzung zurück, die nun einer sachlichen Debatte weiche. Gern bezeichnet er die Ursache der Entwicklung, die große Koalition, als eine „List der Vernunft“. Angesichts der Anforderungen, vor denen die Politik stehe, hält er das Bündnis der Volksparteien auch für angemessen.

          Hans-Jochen Vogel

          Vor mehr als elf Jahren ist Vogel aus der aktiven Politik, in seinem Fall aus dem Bundestag, ausgeschieden, was freilich nicht ausschloß, daß er ein gefragter Mann blieb. Sogar als Bundeskanzler Schröder und der SPD-Vorsitzende Müntefering im Mai vergangenen Jahres die vorzeitige Auflösung des Bundestages verabredet hatten, war das der Fall. Schröder rief an jenem Sonntag der nordrhein-westfälischen Landtagswahl bei ihm an, die Gründe zu erläutern - da war die Entscheidung schon gefallen.

          Lob über die Gegenwart als Kritik an Vergangenem

          Vogel war zunächst skeptisch, was mit den Umständen zu tun hatte, unter denen Helmut Kohl 1983 die Auflösung des Bundestages betrieben hatte. Nun aber sah er, daß die Alternativen - Weiterquälen der rot-grünen Koalition gegen den schwarz-gelben Bundesrat oder auch Rücktritt des Kanzlers - noch schlechtere Lösungen seien. Über das Ergebnis jener Entscheidung klagt er nicht, und auch die SPD sei - dank des Wahlkampfes - aus der Depression gekommen.

          Kritisches über die Vergangenheit scheint er in Lob über die Gegenwart zu kleiden. Matthias Platzeck sei der richtige Mann an der Parteispitze, auch deshalb, weil sich nun nicht wiederholen werde, daß grundsätzliche Entscheidungen - wie die „Agenda 2010“ - zuerst im Bundestag und erst danach einem SPD-Parteitag vorgetragen würden.

          „Klarsichthüllenregiment“

          In seinen Jahren als Fraktionsvorsitzender der SPD im Bundestag (von 1983 bis 1991) und dann auch als Parteivorsitzender (1987 bis 1991) hatte Vogel einen anderen Führungsstil gepflegt, der ihm zwar Kritik (“Klarsichthüllenregiment“) einbrachte, der Lage und der zunächst neuen Oppositionsrolle aber angemessen war: Die Meinungsbildung wurde wie in einem Regierungsapparat bürokratisiert.

          Über Alleingänge des Vorsitzenden konnte sich keiner beschweren, was freilich nicht bedeutete, daß Vogel ohne Vorgaben und Grundsätze geführt hätte - und sei es gegen den eigenen Kanzlerkandidaten (Lafontaine, 1990) und dessen Deutschland-Politik. Im Kern aber war es Vogels Verständnis von Pflichtbewußtsein, das ihn von den Jüngeren, die vom linken Parteiflügel kamen, unterschied. Sie mögen das als bigott wahrgenommen haben - seine Pünktlichkeit und seinen Hang zur Genauigkeit, die den Prädikatsjuristen auszeichneten.

          Steile politische Karriere in jungen Jahren

          Zu Beginn seines Wirkens in der Politik wurde er vom Erfolg verwöhnt: Mit gerade 34 Jahren wurde er in München - das war 1960 - zum jüngsten Oberbürgermeister einer europäischen Millionenstadt gewählt. 1966 wurde er in direkter Wahl mit 77,9 Prozent bestätigt. Er trug maßgeblich dazu bei, die Olympischen Spiele 1972 nach München zu holen. Als sie dann begannen, war er - wegen heftiger Querelen in der städtischen SPD - soeben aus dem Amt geschieden. Damals war Vogel ein Mann des rechten Parteiflügels.

          Vogel wurde Bundespolitiker. Brandt machte ihn zum Wohnungsbauminister, Schmidt später zum Justizminister. Vergeblich kandidierte er in Bayern als Spitzenkandidat (1972). 1981 wechselte er von Bonn nach Berlin - wegen einer Senatskrise dort als Regierender Bürgermeister. Bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus unterlag seine SPD der CDU Richard von Weizsäckers. Ein gutes Jahr später wechselte er zurück nach Bonn.

          Ein Mann der Exekutive

          Nach dem Zerfall der SPD/FDP-Koalition und der Wahl Kohls zum Bundeskanzler 1982 hatte Vogel Kanzlerkandidat der SPD zu werden und 1983 in eine nicht zu gewinnende Schlacht zu ziehen. Seine 38,2 Prozent nehmen sich aus heutiger Sicht respektabel aus. Doch blieb es sein einziger Versuch, Bundeskanzler zu werden.

          Vogel, an sich ein Mann der Exekutive, wurde Oppositionspolitiker. In seine Zeit als SPD-Vorsitzender fiel die Beschlußfassung über ein neues Grundsatzprogramm (Berlin, 1989) und die Vereinigung der westdeutschen SPD mit der jungen ostdeutschen SPD-Organisation (1990). Vogel organisierte seinen Rückzug aus den Spitzenämtern selbst - nicht hinausgetrieben von anderen. Die erste Verfassungsreform nach der Vereinigung Deutschlands prägte er. Von der zweiten hofft er, daß sie gelinge.

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