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Radikale Islamisten : Deutschlands Neo-Salafisten

Anhänger des Salafisten-Predigers Pierre Vogel versammeln sich im Juni 2014 zu einer Predigt in Offenbach Bild: Fricke, Helmut

Hans-Georg Maaßen hat sie mit den vier „M“ charakterisiert: Männlich, muslimisch, Migrationshintergrund, Misserfolg. Mit der ursprünglichen innerislamischen Reformbewegung verbindet Deutschlands Salafisten wenig.

          Die deutschen Salafisten haben eines erreicht: Die radikalen Islamisten stehen im Mittelpunkt von Debatten und – für sie noch wichtiger – von Auseinandersetzungen auf den Straßen. Die Zahl der deutschen Salafisten hat sich in nur wenigen Jahren auf 6300 verdreifacht. Das sei „besorgniserregend“, sagt Hans-Georg Maaßen, der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz. Von ihnen könnten, so Schätzungen der Sicherheitsbehörden, 1800 nach Syrien ausgereist sein. Maaßen charakterisiert Salafisten mit vier „M“: Sie sind männlich, muslimisch, mit Migrationshintergrund und hatten Misserfolg.

          Bilden eigenständige neo-salafistische Jugendbewegung

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Die deutsche Salafistenszene hat kaum mehr als den Namen mit der innerislamischen Reformbewegung gemein, die Ende des 18. Jahrhunderts vom heutigen Saudi-Arabien ihren Ausgang genommen hatte. Der puritanische Gelehrte Ibn Abd al Wahhab hatte damals dazu aufgerufen, den Islam von allen Neuerungen zu reinigen, so dass er in seine ursprüngliche Form wie zu Zeiten des Propheten Muhammad zurückgeführt werde. Vorbild war die Epoche der „frommen Altvorderen“ (al salaf al salih), was der bereits im Ansatz intoleranten Reformbewegung den Namen gegeben hat.

          Die deutschen Salafisten haben davon zwar Elemente übernommen. Sie bilden aber zunehmend eine eigenständige neo-salafistische Jugendbewegung. Die Mehrzahl der deutschen Salafisten folgt nach wie vor einem politischen Salafismus; dabei verbreiten sie mit intensiver Propagandatätigkeit ihre extremistische Ideologie. Eine Minderheit der dschihadistischen Salafisten will ihre Ziele mittels Gewalt durchsetzen. Der Übergang ist fließend, und nahezu alle islamistischen Terrorstrukturen entwickelten sich aus dem salafistischen Milieu heraus. Das salafistische Gedankengut ist damit der Nährboden für die Rekrutierung von Dschihadisten. Der Bürgerkrieg in Syrien hat maßgeblich zum Wachstum der Szene beigetragen. Salafisten haben in Benefizveranstaltungen mehr Geld für den Dschihad in Syrien gesammelt als andere Gruppen, sie feierten den „heldenhaften“ Kampf gegen die „Ungläubigen“, und sie ließen sich in den Bann des ausgerufenen Kalifats ziehen.

          Die deutsche Salafistenszene ist keine in sich geschlossene Bewegung, ist aber ein neues deutsches Extremismusphänomen. Die meisten Salafisten sind deutsche Staatsbürger, untereinander kommunizieren sie auf deutsch. Spannungen bestehen zwischen Konvertiten und gebürtigen Muslimen. Sie praktizieren einen archaischen Islam, der Äußerlichkeiten betont, etwa den Bart in der Art des Propheten und die höchstens knöchellange Hose. In kleinen Gemeinschaften bieten sie verunsicherten jungen Menschen Geborgenheit in einer Umwelt, die sie als feindlich empfinden. Lange war der Prediger Pierre Vogel ihr Star. Heute sind Prediger wie Ibrahim Abou Nagie wichtiger, der radikaler ist und zur Vernichtung der Feinde des Islam aufgerufen hat. Seine Missionsorganisation „Die wahre Religion“ hatte in deutschen Städten kostenlos den Koran verteilt. Die Aktion bescherte den Salafisten Aufmerksamkeit, verschaffte ihnen zudem einen Raum zur Kontaktanbahnung.

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