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Hannover : Die schwindende Kultur des Schonens

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Der schöne Schein hat nicht getrogen: Hannover, die Stadt, in der sich viele gut verstanden Bild: look-foto

Der Kitt der „Erbfreundschaften“ um Bundespräsident Wulff bröckelt. Die Hannoveraner Verbindungen von politischer Macht, Geschäftsinteressen und Rotlichtmilieu scheuen inzwischen zumindest das Tageslicht.

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          Die Schlagzeilen der vergangenen Tage ähnelten sich: Sie sprachen von der „Hannover-Bande“, vom „Klüngel von der Leine“, Hannovers berühmten „Erbfreundschaften“ und vom Sumpf, in dem Karrieren blühen. Der Eindruck hat sich verfestigt, dass es in Hannover eine Gemengelage gebe zwischen „schillernden“ Unternehmern und Politikern, die es in dieser Form anderswo nicht gebe.

          Ob das zutrifft, ist nicht gewiss - möglicherweise gibt es nur entsprechende Berichte aus Köln oder München nicht. Ungewöhnlich ist in Hannover jedenfalls, dass viele der Landespolitiker anschließend in Berlin eine herausgehobene Rolle spielten: Gerhard Schröder, Christian Wulff, Philipp Rösler, Ursula von der Leyen, Sigmar Gabriel, Frank-Walter Steinmeier, Patrick Döring, Peter Struck, Brigitte Zypries sind nur einige von vielen. Die meisten von ihnen arbeiteten auch irgendwann in der niedersächsischen Staatskanzlei. In früheren Jahren umfasste der Kreis auch Ernst Albrecht und Walther Leisler Kiep. Wenn man auf ganz Niedersachsen blickt, kommen weitere dazu von Jürgen Trittin über Thomas Oppermann bis zu Hubertus Heil.

          Stadt des Maßes und des Mittelmaßes

          Da mag die geographische Nähe zu Berlin zumindest im letzten Jahrzehnt eine (wiewohl geringe) Rolle spielen - ein Besuch in der Bundeshauptstadt ist für Hannoveraner nur ein kurzer Sprung, während er für Stuttgarter oder Mainzer eine halbe Tagesreise ist. Ein weiterer Grund mag die politische Wechsellage sein: Niedersachsen ist weder typisches CDU- noch SPD-Stammland. Es ist indes ein Trendland, in dem Farbspiele von Rot-Grün bis Schwarz-Gelb früh erprobt und dann anderswo fortgesetzt werden.

          Alte Zeiten: Öffentliche Begegnungen mit Maschmeyer scheint Wulff inzwischen zu scheuen

          Hannover ist zudem, anders als München oder Köln, eine Stadt des Maßes und des Mittelmaßes, der Gewerkschaften und des Mittelstandes - Ausschläge nach unten oder oben fehlen weitgehend. Der Umgang miteinander ist, norddeutschem Stil entsprechend, pfleglicher als anderswo. Man zerfleischt sich weder zwischen den Fronten noch innerhalb der Parteien, wie das in manchen anderen Ländern der Brauch ist. Auch das Verhältnis zwischen Journalisten und Politikern ist geprägt von einem Begriff, den Thomas de Maizière in vertrautem Kreis mit „Vertrauen gegen Loyalität“ umschrieb.

          Zurückhaltende Lokalmedien

          Nach außen sichtbar wurde das am Verhältnis zwischen den Regierungsparteien CDU und FDP. Die Koalition in Hannover war und ist von gegenseitigem Respekt getragen und von Geschlossenheit zumindest nach außen, auch von persönlichen, also echten Freundschaften. Rösler erfuhr, dass es auch andere Umgangsformen unter „Freunden“ gibt, nach seinem Umzug nach Berlin. Das dürfte ein wesentlicher Grund dafür sein, warum es Ministerpräsident David McAllister zumindest auf absehbare Zeit nicht in seine Geburtsstadt Berlin zieht.

          Diese Nähe und Kultur des Schonens erstreckt sich bisweilen auf die lokalen Medien. Über die Rockerbande Hell’s Angels, die in Hannover ihre stärkste Basis findet, und deren Einfluss berichtete vor allem der Bremer „Weser-Kurier“; die hannoverschen Zeitungen taten das eher spät und zurückhaltend. Ähnlich war es zumindest bis vor kurzem bei Berichten über den hannoverschen Unternehmer Carsten Maschmeyer, der stärker als wohl jeder andere in diesem Gemisch Kontakte und „Freundschaften“ pflegt. Über ihn berichtete der Norddeutsche Rundfunk mehrfach. Koordiniert werden diese Berichte in Hamburg, nicht im großen Funkhaus Hannover.

          Ende der Schonzeit

          In einer derart bewährten Kultur des Schonens mag mancher Politiker darauf vertraut haben, dass das immer so bleibe. Er mag darüber großzügig geworden sein beim Abgrenzen, was geht und was nicht. Doch die Phase der Schonzeit scheint sich dem Ende zuzuneigen. Die Reaktion von Hannoveranern auf die Berichte des letzten Jahres und die der jüngsten Tage schwankt. Die einen sind froh, dass „endlich“ etwas beschrieben werde, was „alle“ wüssten. Andere fühlen sich in ihrem Lokalstolz getroffen und glauben, so untypisch sei das nicht. Wieder andere meinen, das alles sei maßlos übertrieben. Sie verweisen auf viele Politiker, die nicht in jenem Umfeld der Seilschaften auftauchen.

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