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NRW-Ministerpräsidentin Kraft : Dusel in Düsseldorf

  • -Aktualisiert am

Strahlend Seite an Seite: Martin Schulz und Hannelore Kraft Bild: FunkeFotoServices

Hannelore Kraft ist eine Politikerin, der die Erfolge passieren – einfach so. Dennoch wirkte sie lange und häufig wie eine sehr angestrengte Ministerpräsidentin. Das hat sich nun geändert. Warum?

          7 Min.

          Der Jubel kennt keine Grenzen, als Hannelore Kraft und Martin Schulz Seit’ an Seit’ in den großen Festsaal des „Freischütz“ in Schwerte bei Dortmund einziehen. Die 700 Besucher johlen, pfeifen, klatschen. Manche Genossen schwenken Plakate, auf denen „Zeit für Martin!“ steht oder „Jetzt ist Schulz!“ Die Jazzband „Pilspicker“ spielt „When the saints go marching in“, eine blonde Frau singt. In dem Lied geht es um die Hoffnung der Gläubigen, am Tag des Jüngsten Gerichts zu den Auserwählten zu gehören, die ins Himmelreich einziehen dürfen. Nun ist die SPD seit mehr als 150 Jahren die Partei, die ihre Anhänger nicht aufs Jenseits vertröstet, sondern für die irdische Gerechtigkeit kämpft. Trotzdem passt der Song perfekt. Denn lange nicht fühlten sich Genossen so himmelhoch jauchzend wie derzeit.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Kaum mehr als einen Monat ist es her, da war die Bundes-SPD noch im 20-Prozent-Turm eingemauert. Doch seit aus dem Entscheidungsprozess der Spitzengenossen überraschend Martin Schulz als Kanzlerkandidat hervorging, eilt die Partei von Umfragehoch zu Umfragehoch. Landauf, landab richtet sich die so lange darbende deutsche Sozialdemokratie an ihrem Stolz auf. Schulz hat ein sagenhaftes Perpetuum mobile in Gang gesetzt: Wir legen in den Umfragen zu, weil wir wieder an den Sieg glauben. Und weil wir wieder an den Sieg glauben, legen wir in den Umfragen zu.

          Dank dem Wundermann aus Würselen

          Besonders groß ist die Erleichterung bei den Genossen in Schulz’ Heimat Nordrhein-Westfalen, wo Mitte Mai ein neuer Landtag gewählt wird. Denn die Parteimitglieder im größten Landesverband bliesen lange Trübsal. Dabei war die SPD bei der vergangenen Landtagswahl auf triumphale 39,1 Prozent gekommen. Unter Hannelore Krafts Führung hatte sie sich im wichtigsten Bundesland als Volkspartei machtvoll zurückgemeldet.

          Das beflügelte die Phantasie vieler Genossen: Eine Zeitlang galt Kraft so wie nun Martin Schulz als die große Zukunftshoffnung der deutschen Sozialdemokratie. Ihr politisches Versprechen, die „Kümmererpartei“ SPD werde wieder am „vorsorgenden Sozialstaat“ bauen, empfanden viele Genossen als Gegenentwurf zur Agenda- und Hartz-Phase. Kraft könne die deutsche Sozialdemokratie aus der Defensive führen, glaubten viele. Doch dann entsagte Kraft ein für alle Mal jeglicher bundespolitischer Ambition. „Nie, nie“ werde sie Kanzlerkandidatin, ließ sie nach der Bundestagswahl 2013 wissen. Bald danach wirkte sie auch in ihrem Amt als Ministerpräsidentin lust- und planlos.

          Vor gut einem Jahr begann Kraft damit, sich im Amtsalltag selbst mit einer kleinen Kamera zu begleiten und hernach verwackelte Video-Selfies ins Netz zu stellen. Zu sehen war eine ziemlich einsame, angestrengte Ministerpräsidentin, die auf dem Rücksitz ihrer Dienstlimousine von ihren Akten aufgefressen zu werden drohte. In einem der Filmchen schaute Kraft müde und mit mäßiger Laune in das Weitwinkelobjektiv und sagte den Satz, der alles zusammenfasste: „Erst einmal muss ich gucken, dass ich klarkomme.“

          Damals erschienen in den Medien unschöne Porträts. Sie trugen Titel wie „Landesmutter a.D.“, „Des Kümmerns müde“ oder „Die Bekümmerte“. Die SPD in Nordrhein-Westfalen hing bei nur noch knapp über 30 Prozent fest, phasenweise hatte sogar die CDU von Armin Laschet die Nase vorn. Welch eine Schmach für die Genossen in ihrem „Herzland“.

          Und nun dieser Wandel: Dank Martin Schulz, dem Wundermann aus Würselen, wirkt auch Hannelore Kraft wie befreit. Bei vielen ihrer Auftritte reißt sie derzeit ihre Parteifreunde schon mit ihren ersten Sätzen zu Begeisterungsstürmen hin. Kraft muss dann immer druckvoll gegen den Jubel der Genossen ansprechen. Wie eine Surferin auf der perfekten Welle. Kraft ist wieder in bester Wahlkampfstimmung, klingt bei ihren Reden ein wenig wie die italienische Rockröhre Gianna Nannini.

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