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Hamburger Piratenprozess : Vor Gericht und auf hoher See

Verurteilter Pirat: Aktuell sind noch elf Schiffe mit 188 Geiseln in den Händen somalischer Piraten. Bild: dpa

Nach 105 Verhandlungstagen hat das Hamburger Landgericht sein Urteil gefällt: Wegen des Überfalls auf einen deutschen Frachter sollen zehn somalische Piraten für Jahre in Haft.

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          Die Beweislage war erdrückend. Und doch ahnte man von Anfang an, dass es kein schneller Prozess werden würde. Zehn somalische Piraten hatten den deutschen Frachter „Taipan“ gekapert, wurden dabei geschnappt und landeten vor dem Hamburger Landgericht. Schon zum Auftakt dieses Verfahrens - dem ersten Piratenprozess auf deutschem Boden seit Jahrhunderten - im November 2010 wurde sichtbar, dass hier Welten aufeinanderprallten, die gegensätzlicher kaum sein konnten.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Die mutmaßlichen Seeräuber, allesamt von schmächtiger Statur, verfolgen zunächst ungläubig und dann zunehmend gelangweilt die Fragen und Diskussion im Saal 337 des Strafjustizgebäudes am Sievekingplatz, das ins seiner architektonischen Wucht furchteinflößend wirken muss auf einen mittellosen Tagedieb aus dem bettelarmen Somalia, einem „Failed state“ in Ostafrika, wo allein schon der Begriff „Rechtsstaat“ einer ausführlichen Übersetzung bedarf.

          Dass dies ein sehr ungewöhnlicher Prozess werden würde, wurde dem Vorsitzenden Richter Bernd Steinmetz schnell klar. Einer der Somalier bittet die Richter zum Auftakt, ihn nicht zu foltern. Ein anderer antwortet auf die Frage seiner Herkunft: „Ich bin unter dem Baum geboren worden.“ So zieht sich der Prozess über 105 Verhandlungstage, zumal zwanzig Verteidiger gehört werden und drei Dolmetscher wechselweise übersetzen müssen. Für den deutschen Steuerzahler ist das teuer: Jeder Verhandlungstag, so schätzt man, kostet 35000 Euro.

          Seeleute versteckten sich im Schutzraum

          Dabei war die Sache zumindest für die Staatsanwaltschaft von Anfang an klar. Die Angeklagten hätten den Angriff professionell vorbereitet, arbeitsteilig organisiert und quasi militärisch durchgeführt, trug Oberstaatsanwältin Friederike Dopke bei ihrem Plädoyer vor. Den konkreten Überfall vor der Küste Somalias im April 2010 schilderte sie wie folgt: Von einem Mutterschiff aus jagten die Piraten mit zwei Schnellbooten (Skiffs) auf die „Taipan“ zu und nahmen die Brücke des Frachters unter Beschuss. Der deutsche Kapitän Dierk Eggers und zwei weitere Besatzungsmitglieder, die sich zu diesem Zeitpunkt noch auf dem Kommandostand befanden, warfen sich zu Boden und flüchteten dann in einen Sicherheitsraum tief im Inneren des Schiffs. Dort hatte bereits der Rest der Crew Zuflucht gesucht. Da die Angreifer die Besatzung nicht fanden und mithin auch nicht als „lebendes Schutzschild“ einsetzen konnten, hatte eine herbeigeeilte niederländische Fregatte freie Bahn. Ein Sondereinsatzkommando seilte sich von einem Hubschrauber auf die „Taipan“ ab und zwang die Piraten unter Waffengewalt zur Aufgabe.

          Angesichts der erdrückenden Beweise, die von den sichergestellten Feuerwaffen bis hin zu detaillierten Zeugenaussagen des Kapitäns der „Taipan“ reichten, gestanden mehrere Angeklagte, an dem Überfall beteiligt gewesen zu sein. Sie nannten Armut und Hunger als Grund, und sie versuchten ihren Angriff damit zu entschuldigen, dass sie zwangsrekrutiert worden seien. Mit der Waffe im Anschlag habe man ihn gezwungen, eines der Boote zu steuern, sagte einer. Diese Aussagen verloren freilich an Glaubwürdigkeit, als einer der Angeklagten eine ganz andere Version verbreitete: Khalief-D. erklärte dem Richter im Sommer, dass alle freiwillig an der Attacke teilgenommen hätten. Alle anderen Geschichten seien nur Märchen.

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