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Messerangriff in Supermarkt : Terrorist oder destabilisierte Persönlichkeit?

Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz und Innensenator Andy Grote legen Blumen vor dem Supermarkt ab, in dem ein Palästinenser am Freitag einen Menschen erstach und fünf weitere verletzte. Bild: dpa

Der Messerangreifer von Hamburg will als Terrorist behandelt werden. Doch es spricht vieles dafür, dass er vor allem psychisch labil ist. Während die Behörden ermitteln, erhöht die Opposition den Druck auf Olaf Scholz.

          5 Min.

          In Hamburg werden 800 Islamisten gezählt. Nicht jeder von ihnen muss gleich als militant und deshalb besonders gefährlich gelten. Ahmad A., 26 Jahre alt, ein in den Vereinigten Arabischen Emiraten geborener Palästinenser, der seit 2015 in Hamburg lebte, war bis Freitag ein unauffälliger Eigenbrötler. Am Freitag aber wurde er zum mutmaßlichen Mörder, und es muss nun geklärt werden, welche Rolle seine Religion als Motiv gespielt hat und welche womöglich seine Persönlichkeit.

          Frank Pergande
          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
          Anna-Lena Ripperger
          Redakteurin in der Politik.

          Denn Ahmad A., so viel steht fest, ist eine „destabilisierte und verunsicherte Persönlichkeit“, wie die Ermittler sagen. Also kein willensstarker Terrorist, der gezielt und geplant einen Anschlag verübt. Doch als solcher möchte Ahmad A. offenbar wahrgenommen werden. Ein Polizeisprecher bestätigte am Montag, der Palästinenser habe bei seiner Festnahme gesagt, er wolle als Terrorist behandelt werden. Zunächst hatte die „Süddeutsche Zeitung“ in ihrer Montagsausgabe darüber berichtet. Die Zeitung schrieb aber auch, dass die Suche in den sozialen Netzwerken keinen Ahmad A. zuordenbaren Account mit radikalem Gedankengut zutage gefördert habe.

          Obwohl sich bei der Tat bislang kein eindeutig islamistischer Hintergrund feststellen ließ, sah der Haftrichter aber auch keinen Grund, den Angreifer nicht in Haft zu nehmen – wegen Verdachts auf vollendeten Mord und fünffachen versuchten Mord. Für eine verminderte Schuldfähigkeit und eine Einweisung in die Psychiatrie hätten sich „keine belastbaren Hinweise“ ergeben.

          War es ein islamistischer Terrorakt?

          Ahmad A. hatte am Freitagnachmittag im Stadtteil Barmbek unvermittelt auf Menschen eingestochen. Um 15 Uhr ging er in einen Edeka-Markt im Hamburger Stadtteil Barmbek zum Einkauf. Er verließ den Supermarkt, bestieg den Stadtbus, kehrte dann aber wie von einem plötzlichen Entschluss gepackt zurück. Er griff sich ein in einer Auslage des Supermarktes liegendes Küchenmesser, die breite Klinge zwanzig Zentimeter lang, riss die Verpackung auf, lief auf einen Kunden zu, der seinen Einkauf gerade einpackte, rief auf Arabisch „Allah ist groß“ und stach zu. Hinterrücks und ohne Vorwarnung. Mehrfach, ein willkürlich gewähltes Opfer. Der fünfzig Jahre alte Mann starb noch am Ort des Geschehens. Sieben weitere Menschen wurden verletzt, einige davon schwer.

          Ob das Motiv für die Tat tatsächlich fanatischer Islamismus ist oder in der Persönlichkeit des Täters liegt, muss nun ebenso geklärt werden, wie die Zuständigkeit für den Fall: Kann er bei den Hamburger Behörden bleiben oder wird ihn die Bundesanwaltschaft übernehmen? Dahinter steht die Frage, wie die Tat einzustufen ist: War es ein islamistischer Terrorakt? Oder war es die Tat eines Verrückten? Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) warf am Samstag die Frage auf, ob bei solchen Taten die dschihadistische Ideologie nicht nur „als Begründung oder Rechtfertigung für Taten herangezogen wird“, die aus anderen Gründen – wie persönlicher Verzweiflung – begangen werden.

          Die Hamburger Polizei versucht nun herauszufinden, warum Ahmad A. nicht vom sozialpsychiatrischen Dienst untersucht worden ist – was der Verfassungsschutz bereits zu Beginn des Jahres empfohlen hatte. Ein Bekannter von Ahmad A. hatte sich schon im September an die Verfassungsschützer gewandt und davon berichtet, dass der junge Mann, der in einer Flüchtlingsunterkunft im Stadtteil Langenhorn lebte, offensichtlich eine Wandlung durchgemacht hatte. Eine Wandlung, die man sie von vielen vergleichbaren Fällen kennt.

          Eine typische Wandlung

          Früher ging Ahmad A. gerne feiern und trank auch Alkohol, nahm Rauschgift. Damit war es auf einmal vorbei, Ahmad A. veränderte seinen Lebenswandel grundsätzlich. Er wurde religiös. Es wird berichtet, dass er einmal sogar in einem Café laut Suren aus dem Koran vorgetragen habe. Ansonsten aber lag nichts gegen ihn vor. Einmal war er bei einem Ladendiebstahl erwischt worden, aber das Verfahren wurde wegen Geringfügigkeit eingestellt.

          Hamburg : Messer-Angreifer war als Islamist bekannt

          Ahmad A. hatte sich vor acht Jahren von den Palästinensergebieten aus auf den Weg nach Europa gemacht. Er war offenbar in Spanien und Schweden, schließlich in Norwegen. Dort musste er einsehen, dass ein Asylantrag keinen Erfolg haben würde. Er zog weiter nach Deutschland. Dort kam er im März 2015 an, zuerst in Dortmund. Er wurde schließlich nach Hamburg geschickt. Sein Antrag wurde negativ beschieden. Dass er in seine Heimat, die Palästinensergebiete, noch nicht zurückgekehrt ist, lag an fehlenden Papieren.

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