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Hamburg : Letzte Bastionen günstigen Biers

Bloß die Linien nicht überschreiten: Ein Sommerabend im Hamburger Schanzenviertel, im Hintergrund die Ruine der „Roten Flora“ Bild: Gerald Haenel/laif

Das Hamburger Schanzenviertel war lange eine Arbeitergegend. Wer dort hinzog, verdiente sein Geld auf dem Fleischmarkt, nicht in der Agentur. Jetzt ist alles anders, die Mieten explodieren.

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          Die gelben Striche auf dem Bürgersteig galten eine Zeitlang als der beste Schildbürgerstreich in Hamburg: Für Teile im sogenannten Schanzenviertel war durch die Stadt festgelegt worden, dass die Außenbereiche für die Gaststätten gelb oder blau markiert werden müssen. Über so etwas lässt sich natürlich leicht lachen. Man schiebt dann ganz gern seinen Stuhl über die Linie. Die Linien aber waren der Versuch, einen typischen Interessenkonflikt zu meistern: das Recht der Fußgänger auf einen Fußweg hier, Außenplätze für die Gastronomie dort. Und das alles hatte mit dem Erfolg des Schanzenviertels zu tun. Das Viertel ist „hip“, wie Heinz Evers sagt.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Evers ist vom zuständigen Bezirksamt Altona vor fünf Jahren als Gebietsbeauftragter eingesetzt worden. Solche Gebietsbeauftragten gibt es in Hamburg überall dort, wo es um Besonderheiten der Stadtentwicklung geht oder ein Stadtteil Gefahr läuft, seine Identität zu verlieren. In St. Pauli gibt es einen, aber auch in St. Georg, im Kern von Altona oder in Ottensen. Evers hatte auch bei den gelben Strichen im Schanzenviertel vermittelt. Es half nichts. Die Striche auf dem Bürgersteig wurden schließlich zu Symbolen der Gentrifizierung überhöht, also der Umwandlung städtischer Wohnquartiere in einem Maße, dass das soziale Gleichgewicht verlorenzugehen droht. „Im Stadtteil Sternschanze vollzieht sich gerade ein sozialer Austauschprozess“, sagt Evers dazu.

          Mit Lärmschutzschirmen und ummantelten Ketten

          Die Striche sind inzwischen verschwunden. Das Bezirksamt hat jedoch in jüngster Zeit mit einem ganzen Bündel von Entscheidungen auf die Konflikte reagiert. So wurde die Susannenstraße, wo es die meisten Restaurants und Kneipen gibt, verengt, um Platz für Tische und Bänke zu schaffen, ohne dass der Bürgersteig verstellt ist - freilich auf Kosten von Parkplätzen und verbunden mit mehr Lärm für die Anwohner. Und es gibt für das Schanzenviertel etwas, was für Hamburg neu ist: Die Restaurants, Kneipen und Bars, die in den vergangenen Jahren aus einem Wildwuchs hervorgegangen sind, genießen Bestandsschutz. Neue Gastronomie aber wird nicht mehr genehmigt. Den Betreibern sind außerdem sogenannte Schallschutzschirme zur Pflicht gemacht worden. Auch darf nur noch bis maximal 23 Uhr geöffnet sein. Und wenn abends die Tische und Bänke mit Schlössern gesichert werden, müssen die Ketten ummantelt sein, um Lärm zu vermeiden.

          Das Schanzenviertel galt noch bis in die sechziger Jahre hinein als arme und heruntergekommene Gegend. Wer hier wohnte, arbeitete zumeist auf dem Schlachthof gleich um die Ecke, wo jetzt noch der Fleischgroßmarkt zu finden ist. Der Charakter eines reinen Arbeiterviertels ging verloren, als junge Leute, Studenten und Künstler den preiswerten Wohnraum für sich entdeckten. Fast gleichzeitig machte die Stadt Hamburg das Viertel zum Sanierungsgebiet. Das hieß, dass durch besondere Förderung sich einerseits die Lebens- und Wohnbedingungen verbesserten, andererseits aber die soziale Struktur erhalten bleiben sollte, etwa durch geförderten Wohnungsneubau und -modernisierung mit Mietpreisbindung.

          Ankämpfen gegen den „Megatrend“

          Das Schanzenviertel war eines der ersten Beispiele für behutsame Stadtentwicklung in Hamburg. Gerade ist der Status Sanierungsgebiet ausgelaufen. Jetzt soll über eine soziale Erhaltungsverordnung bewahrt bleiben, was erreicht wurde. Aber Evers sagt auch: „Gegen einen Megatrend kann man sich nicht stellen.“ Und der Megatrend bedeutet für das Schanzenviertel: Immer mehr Hamburger würden hier gern wohnen, vor allem solche mit gutem Einkommen. Die Mieten steigen unaufhörlich - von fünf Euro je Quadratmeter im sozialen Wohnungsbau bis zu 16 Euro auf dem freien Markt. Schon werden Gewerberäume in Wohnungen umgewandelt. Knapp 500 Gebäude gibt es im Stadtteil mit knapp 4000 Wohnungen. Fünfhundert Wohnungen sind erst in den vergangenen Jahren entstanden, viele davon in aufgegebenen Gewerbebauten. 19 Prozent des Bestandes sind Sozialwohnungen. Das Netz sozialer Einrichtungen ist hier besonders eng. Allerdings musste jüngst auch eine Schülernachhilfe ausziehen, weil sie die Miete nicht mehr tragen konnte. Dafür kam wieder ein Restaurant.

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