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Flüchtlinge in Hamburg : Landauf, landab, Land unter

Leben auf einem Parkplatz: Ehrenamtliche bringen Spenden für die Asylbewerber im Hamburger Containerdorf. Bild: Henning Bode

Warum in einem Erstaufnahmelager für Flüchtlinge in Hamburg alle überfordert sind: die Asylbewerber, der Wachschutz, die Ehrenamtlichen – und vor allem die Behörden.

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          Rober ist krank. Er hat, wie viele Flüchtlinge, Hautprobleme, die sich durch das salzige Mittelmeerwasser während seiner Flucht verschlimmert haben. Doch der Arzt, zu dem Rober gegangen ist, hat ihn nicht behandelt, denn der Junge hat keine Versichertenkarte. Rober ist 18 Jahre alt und kommt aus Eritrea. Er gehört zur Gruppe der sogenannten unbegleiteten Flüchtlinge. Vor einem Monat ist er in Deutschland angekommen und lebt nun in der Erstaufnahme in Wilhelmsburg in der Dratelnstraße.

          Frank Pergande
          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Zum Arzt begleitet wurde Rober von einem Mann, der selbst aus Eritrea stammt und schon 1973 nach Hamburg gekommen ist, wie er erzählt. Er sei Beamter gewesen, jetzt sei er frühpensioniert und versuche ehrenamtlich, seinen Landsleuten als Dolmetscher und überhaupt als Lebensberater zu helfen.

          Wegen Rober werde er mit dem Sozialarbeiter sprechen. Auf achtzig Bewohner in der Flüchtlingsunterkunft kommt ein Sozialarbeiter. „Es gibt so viele junge Leute aus Eritrea, sie sind über die Erstaufnahmelager in der Stadt verteilt, und ihnen fehlt es an Geld und der Versichertenkarte. Viele sind krank“, sagt der Mann. Zuerst nennt er auch seinen Namen. Später meldet er sich noch einmal und sagt, er wolle seinen Namen doch nicht der Zeitung sehen. „Ich hatte Stress mit der Security am Eingang. Die haben gefragt, weshalb ich so lange mit Ihnen gesprochen habe.“

          Leben auf dem früheren Parkplatz

          Stress mit dem Wachschutz in der Dratelnstraße bekommt jeder, der über die Einrichtung berichten will. Wer etwas fragt, erlebt sich abrupt wegdrehende Männer vom Wachschutz. Wer fotografiert, wird rüde beschieden, das zu unterlassen. Die Wachleute haben ihre Anweisungen. In der Dratelnstraße entstand zuerst ein Containerdorf für Flüchtlinge, Anfang der Woche kam ein Zeltlager hinzu.

          Inzwischen leben fast 1500 Flüchtlinge auf der Fläche, welche der Internationalen Gartenausstellung in Hamburg vor zwei Jahren als Parkplatz diente. Die Wilhelmsburger Reichstraße begrenzt zur anderen Seite das Gebiet. Pausenlos lärmt dort der Verkehr. Wenn die Straße erst einmal verlegt wird, so wie geplant, könnte hier ein schönes Stadtviertel entstehen. Momentan aber erhebt sich hier das größte Container- und Zeltlager für Flüchtlinge in Hamburg.

          Die Insel hilft

          Auch anderswo in der Stadt sind Zelte für Flüchtlinge aufgeschlagen worden, weil es keine andere Möglichkeit mehr gibt, die vielen Asylbewerber unterzubringen. Also schlafen sie in Zelten auf dem Parkplatz der HSV-Arena in Stellingen, im Moorpark mitten in Jenfeld, an der Zentralen Erstaufnahme in Harburg in der Poststraße und so weiter.

          Unter den Bedingungen haben auch die Männer vom Wachschutz zu leiden. Ihre Arbeit ist eine emotionale Belastung, weil viele Flüchtlinge das Wachhäuschen als einen Kummerkasten sehen. Manchmal kämen Flüchtlinge nachts zu ihnen und würden von zu Hause und von der Flucht sprechen – keine Geschichten für schwache Nerven.

          Solche Anekdoten erzählt, vor dem Eingang der Erstaufnahme stehend, Lutz Cassel, der Vorsitzende des Stadtteilbeirats Wilhelmsburg. Er berichtet auch, wie die Nachbarn helfen. Sogar ein Verein hat sich dafür gegründet, „Die Insel hilft“ heißt der. Er organisiert Deutschunterricht für die Kinder in der Unterkunft, damit sie so schnell wie möglich auf die Schule vorbereitet werden.

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