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Hamburg : Freiherr einer freien Stadt

  • -Aktualisiert am

Hanseatisches Machtzentrum Bild: dpa/dpaweb

Wahlkampf an der Alster: Wer ist der bessere Hanseat - der Hamburger Bürgermeister von Beust oder Mirow, sein sozialdemokratischer Herausforderer bei den Wahlen an diesem Wochenende?

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          Wer ist der bessere Hanseat - der Hamburger Bürgermeister Freiherr Ole von Beust oder sein sozialdemokratischer Herausforderer bei den Wahlen an diesem Wochenende, Dr. Thomas Mirow? Natürlich Mirow, möchte man meinen, schmückt ihn doch kein Adelstitel.

          Denn von jeher war in dieser alten Bürger-Republik das Mißtrauen gegenüber dem Adel als Repräsentant einer "höheren" Autorität - womöglich gar gegenüber Berliner Bevormundungen - groß, Adelige durften an der Elbe weder Haus noch Grundstück kaufen, erst vor knapp 150 Jahren wurde ihnen dieses Privileg zugestanden. Der Stolz, einer derart "freien" Stadt anzugehören, lebt heute noch fort in vielfältiger Form, etwa der Weigerung vieler Hamburger, einen Orden - gern als "Hundemarke" bezeichnet - von wem auch immer anzunehmen. Damit aber hat es sich auch schon mit Mirows Vorteil, der allenfalls mit dem "Makel" eines nicht in Hamburg, sondern in Paris geborenen Diplomatensohnes leben müßte: Auf den Gesellschaftsseiten hiesiger Gazetten werden inzwischen fast täglich derart viele Adelige abgebildet, daß bunte Wochenblätter erblassen müßten und Adelige in Hamburg schon fast hoffähig sind.

          Hanseatische Tugenden

          Sein "Freiherr" also schließt Beust keineswegs aus dem Kreis der Hanseaten aus. Wie wäre es mit Fleiß - eine oft genannte hanseatische Tugend? Auch da hat Mirow erst einmal die Nase vorn. Denn Beust wird von Gegnern als "Champagner-Bürgermeister" verunglimpft; die mit mittelalterlicher Elle messende Nachtwachen-Opposition scheint auszuspähen, wann in Beusts Dienstzimmer im ersten Stock des Rathauses das Licht ausgeht, wann er sich zum Kochen oder zur Flugsimulation in seine Wohnung nahe der Alster zurückzieht, wann er auf seiner Lieblingsinsel Sylt auftaucht. Mirow dagegen ist ein Aktenstudien-Sozialdemokrat; er wirkt wie ein Einserschüler mit Fleißkärtchen, lernte bei Willy Brandt, diente den Hamburger Bürgermeistern von Dohnanyi, Voscherau, Runde - zuletzt als Wirtschaftssenator.

          Er ist einer, der sich alles merkt, grundsolide selbst im Wahlkampf nicht viel verspricht und sich mit einem "Kompetenz-Team" umgeben hat, das nun auf Einfallstraßen von Riesenplakaten den Wählern frohgemut entgegenblickt. Beust thront daneben einsam wie eine Ikone - und läßt einen anderen aus der CDU-Riege auf Kritik an seinem Arbeitsethos antworten: Er kümmere sich eben nicht um jeden "Scheißdreck". Allerdings wurde Beust dann doch der sozialdemokratischen Mäkelei an seinem Arbeitsstil überdrüssig: Als die Jungsozialisten ihn in einem Flugblatt als den "wohl faulsten Bürgermeister, den Hamburg je hatte" verunglimpften und Mirow sich nicht von dem Text distanzierte, sagte er einen geplanten Fernsehauftritt mit ihm ab - und berief sich dabei auf eine andere hanseatische Tugend: Fairneß.

          „Kompetenzteam“

          "Nur wagen, was man auch erreichen kann" - eine andere Maxime der Hanseaten. Beust strebt die absolute Mehrheit an, läßt sich im Wahlkampf nicht auf Koalitions-Spielereien ein. Mirow dagegen denkt an Rot-Grün, würde sich aber als Juniorpartner auch nicht einer großen Koalition verschließen. Hier hat Beust als Hanseat die Nase vorn: Eine CDU-Alleinregierung erscheint derzeit durchaus möglich. Mirow hingegen hätte schon vor Monaten erkennen müssen, daß er als Repräsentant der alten SPD, die 44 Jahre lang die Geschicke der Stadt bestimmte, in der Hamburger Politik nichts mehr wagen sollte, weil er kaum noch etwas erreichen kann: Denn allenfalls unverbrauchte Gesichter - wie etwa das des Arztes Petersen, Mitglied einer angesehenen hanseatischen Familie und nun im "Kompetenzteam" - hätten der SPD, die sich nach zwei Jahren auf der Oppositionsbank noch nicht regeneriert hat, den Weg in die Zukunft weisen können.

          Eine Entscheidung hätte dem Image Beusts als Hanseat zum Schaden gereichen müssen: die Koalition mit dem ehemaligen Amtsrichter Schill, der mit seinen Ausfällen das Bild der Hansestadt in Deutschland nachhaltig beschädigt hat, dessen Treiben Beust recht lang tatenlos zusah. Doch der Bürgermeister argumentiert, nicht er, sondern die Wähler hätten sich für Schill entschieden, ohne ihn sei ein politischer Wechsel vor zwei Jahren nicht möglich gewesen. Und so sehr sich die SPD und die Grünen jetzt auch bemühen, Schill und Beust in einem Atemzug zu nennen - Beust kontert mit dem Hinweis, schließlich habe ja er seinen Stellvertreter im vergangenen Jahr aus dem Amt gejagt und sich nach politischen Erpressungsversuchen ganz allein für Neuwahlen entschieden - Entschlußkraft und Gespür für den richtigen Zeitpunkt: auch dies sind hanseatische Tugenden.

          Es gibt noch eine Vielzahl anderer Eigenheiten, die man Hanseaten nachsagt - oder deren sich solche, die sich dafür halten, brüsten: Seemannschaft, Sparsamkeit, Mäzenatentum, Anglophilie, Weltoffenheit - und auch in diesen Kategorien unterscheiden sich die beiden Kandidaten nicht wesentlich voneinander. Letztlich aber sind die meisten genannten Eigenschaften nicht auf die Region beschränkt. Ohne sie hat ein großes Gemeinwesen - ob an der Isar oder am Hudson - heute keine Zukunft. So bleibt die Einsicht: "Den" Hanseaten gibt es nicht, aber manchen Hamburger Bürger, der hanseatischen Idealen entsprechen und dem Gemeinwohl dienen möchte. Ob dabei Mirow oder Beust ein besseres Bild abgeben, entscheiden die Wähler am Sonntag.

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