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Hamburg : Die Wut auf den Straßen

Ein Randalierer wirft im Juli 2009 im Hamburger Schanzenviertel einen Stuhl auf einen Wasserwerfer. Bild:

Hamburg bekommt die Gewalt nicht in den Griff: Autos brennen, Jugendliche verletzen Polizisten schwer. Der Unmut der Bürger wächst, längst debattiert die Bürgerschaft über das Problem. Und der Senat setzt Sonderkommissionen ein.

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          Eine Reihe von Gewalttaten in Hamburg beschäftigt inzwischen auch die Politik in der Hansestadt. An diesem Donnerstag will sich die Bürgerschaft auf Antrag der Linksfraktion damit beschäftigen. Der schwarz-grüne Senat hat zudem eine Sonderkommission „Gegen Gewalt in der Öffentlichkeit“ eingesetzt, die unter Leitung der Innenbehörde steht.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Anlass war ein brutaler Überfall von Jugendlichen auf Polizisten am vergangenen Wochenende im Stadtbezirk Harburg. Fünf Polizisten wurden dabei verletzt. Ein 46 Jahre alter Beamter so schwer, dass er mit mehreren Trümmerbrüchen immer noch im Krankenhaus liegt und womöglich bleibende Schäden davonträgt. Er war mit Fußtritten ins Gesicht traktiert worden. Zunächst hatten Beamte an einem S-Bahnhof einen Betrunkenen festgenommen, der sich vor den Passanten entblößt hatte. Der Betrunkene wehrte sich derart, dass ein Polizist seinen Schlagstock benutzte.

          Viele der Täter sind der Polizei bekannt

          Das wurde auf einem Video festgehalten, das im Internet gezeigt wird. Allerdings nur diese Szene, nicht die Vorgänge zuvor und danach. Während des Polizeieinsatzes sammelte sich eine Gruppe von etwa zwanzig Jugendlichen, die auf die Polizei losging. Sechzehn Jugendliche wurden schließlich festgenommen, nachdem Verstärkung eingetroffen war. Später stellte sich heraus, dass der am meisten aggressive Täter, der auf den Namen Amor hört, der Polizei bekannt ist und schon einmal im Gefängnis gesessen hatte, nachdem er 1997 einen Jugendlichen derart terrorisiert hatte, dass der sich vor einen Zug warf und tötete.

          Hamburgs Innensenator Christoph Ahlhaus (CDU)

          Nur wenige Tage zuvor war ebenfalls in Harburg ein 22 Jahre alter Mann durchs sechs Messerstiche getötet worden. Er hatte seine Freundin schützen wollen. Auch hier stellte sich heraus, dass der Täter der Polizei bekannt und durch ähnliche Taten aufgefallen war – ohne dass er verhaftet worden wäre. Am Tatort protestierten Freunde des Opfers durch eine Sitzblockade gegen „die Unfähigkeit einer ganzen Stadt“, solche Taten zu verhindern. Der mutmaßliche Haupttäter beim Überfall auf die Polizisten hat sich inzwischen selbst gestellt. Die Mordkommission ermittelt.

          Innensenator Ahlhaus ist in einer schwierigen Situation

          Die vom Senat eingesetzte Kommission soll sich nach Auskunft einer Senatssprecherin nicht nur mit dem Überfall an sich beschäftigen, sondern die Situation in Hamburg insgesamt beleuchten und unter anderem mit anderen Städten vergleichen. Tatsächlich gilt Harburg etwa keineswegs als Hort der Kriminalität. Aber die jüngste Entwicklung zeigt, dass Gewalt an beliebigen Orten auftritt. So wurden seit Jahresbeginn in verschiedenen Hamburger Stadtteilen insgesamt mehr als dreißig Autos angezündet.

          Die Auswahl scheint zufällig, ein politisches Motiv ist den Tätern nicht zu unterstellen. Betroffen sind auch längst nicht mehr wie früher nur Luxusautos. Für Innensenator Christoph Ahlhaus (CDU) ist eine besonders schwierige Situation entstanden. Er kam nach der Bürgerschaftswahl 2008 ins Amt, nachdem er zuvor schon Staatsrat in der Innenbehörde gewesen war. Er gilt als ein Mann, der Recht und Ordnung durchzusetzen versteht, und hat zudem Ambitionen, Bürgermeister zu werden, sollte Amtsinhaber Ole von Beust (CDU) demnächst zurücktreten. Wegen der Autobrände hat die Polizei bereits vor Monaten eine Sonderkommission eingesetzt, die jedoch wegen der scheinbaren Unmotiviertheit der Taten nicht recht voranzukommen scheint.

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