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Hambacher Forst : Auf der richtigen Seite der Abbruchkante

Den Bagger im Blick: viele Demonstranten zogen an der Abbruchkante des Hambacher Tagebaus entlang Bild: Fritz Engel / Agentur Zenit

Der Hambacher Forst ist zum Pilgerort für Waldfreunde und Kohlegegner geworden. Die Grünen wissen das für sich zu nutzen. Und Baumhäuser werden auch schon wieder gebaut.

          An der Abbruchkante des Tagebaus Hambach sind die nordrhein-westfälischen Grünen am Sonntag wieder ganz mit sich ins Reine gekommen. Vor zwei Jahren, als sie in Düsseldorf noch gemeinsam mit der SPD regierten, stimmten sie einer Leitentscheidung zu, die sie als großen Erfolg feierten. Der Kompromiss sah vor, dass das Energieunternehmen RWE im Tagebau Garzweiler etwas weniger Braunkohle abbaggern darf als bisher genehmigt. Im Gegenzug blieben aber die beiden anderen Tagebaue im rheinischen Revier, der Tagebau Inden und der Tagebau Hambach unverändert. Rot-Grün hatte RWE damit das Recht eingeräumt, in Hambach wie gehabt bis 2045 Braunkohle zu fördern und also auch weitere Teile des Hambacher Forsts zu roden. Die Grünen dachten sich: 1400 Anwohner des Tagebaus Garzweiler vor dem Abbaggern ihrer Heimatorte zu bewahren sei ein schöner Triumph.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Doch dann arbeiteten Aktivisten und die großen Umweltorganisationen immer effektiver daran, den mittlerweile schon zu 90 Prozent abgeholzten Hambacher Forst zu ihrem zentralen Kampagne-Symbol für den „Ausstieg“ aus der Braunkohleverstromung zu machen. Aus Sicht der Grünen, war es höchste Zeit, auf den Zug aufzuspringen und ihre Hambach-Position der aktuellen Stimmung anzupassen. Also verlegten sie einen schon länger geplanten kleinen Parteitag rasch an den Rand des Tagebaus.

          In einem Festzelt auf einem Acker treffen sich am Sonntagmittag 80 Delegierte, um per Leitantrag klarzustellen, dass die Grünen klimapolitisch immer auf der richtigen Seite sind. Denn der Hambacher Forst sei „das Symbol für den Irrsinn des Tagebaus und den Widerstand gegen den Klimakiller Braunkohle“, wie es nun bei den Grünen heißt. Man sei dorthin gekommen, „wo sich die erschütternden Folgen der Braunkohle in aller Wucht und Konsequenz zeigen“.

          Der Hambacher Forst ist derzeit ein Wallfahrtsort. Am Samstag folgten weit mehr Menschen als erwartet einem gemeinsamen Demonstrationsaufruf unter dem Motto „Wald retten – Kohle stoppen“ vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), Greenpeace, Naturfreunden, „Campact“ und einer örtlichen Bürgerinitiative. Schon am Morgen waren Tausende Richtung Forst unterwegs. Mütter und Väter zogen bei strahlendem Herbstsonnenschein ihren Nachwuchs in bunten Bollerwagen über die Feldwege. Junge Frauen näherten sich dem Wald barfuß und singend. Manche Demonstranten trugen auf Karton und Leinwand gemalte Liebeserklärungen an ihren Freund „Hambi“ mit sich. „Bambi braucht Hambi“, heißt es etwa. Doch zumeist lauten die Botschaften „Kohle killt Klima“, „Braunkohle ist Kacke“ oder „Hambacher Wald bleibt – Kohleausstieg jetzt“. Es ist die zentrale Heilserwartung der Demonstranten. Dass selbst die schärfsten Braunkohle-Kritiker unter den Klimapolitikern immer wieder darauf hinweisen, einen sofortigen „Ausstieg“ könne es nicht geben, spielt keine Rolle. Vielmehr sieht sich die Hambach-Bewegung durch den vom Oberverwaltungsgericht (OVG) in Münster am Freitag überraschend verhängten vorübergehenden Rodungsstopp in ihrem Glauben bestärkt.

          Rodungsstopp ist für die Grünen „Gold wert“

          Von weither reisten viele an. Sonderbusse sind von Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Bayern und natürlich aus Nordrhein-Westfalen gekommen. Immer neue Gruppen schafften die S-Bahnen heran. Am frühen Nachmittag war das Feld in der Nähe des Forsts, das RWE den Umweltschutzorganisationen kurzfristig zur Verfügung gestellt hat, von Tausenden bevölkert. Es herrschte Festival-Atmosphäre. Manche hatten sich auf Picknick-Decken niedergelassen. Väter wickelten ihre Kinder. Pärchen schmusten im Sonnenschein. Auf der Bühne wechselten sich Musikgruppen ab. „Ich bekomme gerade die Information, dass hier 50.000 Leute demonstrieren“, rief eine Sprecherin der Initiative „Campact“ am frühen Nachmittag ins Mikrofon. Die Menge jubelte. Die Aachener Polizei spricht später von 25.000 bis 30.000 Teilnehmern.

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