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Herbst : Halloween ist nur eine leere Hülle

Kinder der achtziger Jahre konnten weder mit dem Wort „Halloween“ noch mit einem Kürbis etwas anfangen. Bild: dpa

Anfang der 2000er noch stark in der Kritik, ist Halloween inzwischen in unserer Gesellschaft angekommen. Doch längst sind viele Halloween-Scherze nicht mehr witzig.

          Kinder, die in den achtziger Jahren Peanuts-Comics lasen, begegneten darin immer wieder dem großen Kürbis und dem Wort „Halloween“. Wer noch kein Englisch hatte, las es auch genau so: Hal-lo-we-en. Von Kürbissen hatten viele damalige Kinder eine eher undeutliche Vorstellung. Gegessen hatten sie die Frucht jedenfalls noch nie, weder als Suppe mit Kumin und Ziegenkäse noch gebraten zu Salbei-Risotto. Weitaus geheimnisvoller aber als der Kürbis blieb dieses Halloween. Eine Generation später weiß natürlich jedes Kind, worum es dabei geht: ums Gruseln, ums Verkleiden und um Süßigkeiten.

          Halloween ist, so wird es jedenfalls berichtet, 1991 nach Deutschland gekommen, als Ersatz für den wegen des Golfkriegs ausgefallenen Karneval. Kostümhersteller und Süßwarenhändler verzeichneten seitdem steigende Absätze vor dem Termin in der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November; nach der Jahrtausendwende etablierte sich das modische Fest. Manche Kinder haben seitdem einmal im Jahr Angst, wenn im Dunkeln Vampire, Hexen und Gespenster an der Tür klingeln. Andere ziehen, sanft behütet von den wenige Meter Abstand haltenden Eltern, selbst um die Häuser und plärren „Süßes oder Saures!“. Falls sie nicht bloß stumm eine Tüte aufhalten.

          Nur noch leise Kulturkritik

          Auch unter Erwachsenen schieden sich von Anfang an die Geister. Die einen verweigerten jeglichen Konsum rund um den heidnischen Quatsch, die anderen sahen die Sache sofort locker: Warum nicht auch diese Gelegenheit nutzen, um Spaß zu haben? Nach dem Laternenbasteln für den Martinszug in der Kita geht es eben noch zur Schauer-Party bei Marvin. Lehrer luden bald Unterrichtsmaterialien zu Halloween vom Bildungsserver herunter, Handarbeitsgruppen bastelten Bommelfledermäuse.

          Die Kulturkritik an Halloween ist über die Jahre leiser geworden. Bei denen, die das neue Fest anfangs verachteten, hat sich Resignation breitgemacht. Es wird ja auch niemand gezwungen, selbst in einen Skelett-Overall zu steigen oder Spinnen aus Lakritz und Schaumgummi zu essen.

          Der Unterschied

          Die Kirchen haben ihren konfrontativen Kurs aufgegeben und fahren eine Umarmungstaktik. Die Katholiken in Amerika werden nicht müde zu betonen, dass das heidnisch-keltische Fest doch eigentlich christlich sei, schließlich kommt Halloween von All Hallows’ Eve, das ist der Abend vor Allerheiligen. Und die evangelische Kirche, die am 31. Oktober den Reformationstag begeht, argumentiert hierzulande tapfer, Konkurrenz belebe das Geschäft. Wer an Halloween Luther-Bonbons verteile, rege zum Nachdenken an. Passenderweise leuchten die protestantischen Merchandising-Süßwaren sogar in Kürbisorange.

          Es gibt einen Unterschied zwischen Halloween und den kirchlichen Festen. Halloween ist nur eine Hülle, jedenfalls in Deutschland, wo weder keltische noch amerikanische Traditionen verwurzelt sind. Nun lässt sich einwenden, auch Ostern und Weihnachten seien in der säkularisierten Gesellschaft weitgehend entleert. Sie sind es aber nicht für die, denen christliche Feiertage noch etwas mehr bedeuten als Freizeit und Geschenke. Und wenn es nur der Brauch ist, an Allerheiligen auf den Friedhof zu gehen.

          Zerstörungstrieb und Gefährdung anderer

          Die Hülle Halloween hat hierzulande nie einen Kern geborgen. So lässt sie sich leicht auch mit dummen und sogar bösen Dingen füllen. Das wird dadurch verstärkt, dass Halloween ja ohnehin die dunklen Mächte feiert. Anders als an Karneval geht es nicht um eine letzte Narretei vor einer ernsten, kargen Zeit.

          Der Tag bietet schlicht eine Gelegenheit für schlechtes Benehmen außer der Reihe. Kinder dürfen an Türen um Süßes betteln, ohne wie die Sternsinger auch selbst etwas zu geben. Das ist nervig und trägt sicher nicht besonders zur Charakterbildung bei. Wenn aber Jugendliche und Erwachsene, hinter Masken verborgen, ihrem Zerstörungstrieb frönen, Häuser mit Eiern beschmutzen und Gullydeckel aus Straßen reißen, schaden sie anderen und bringen sie in Gefahr. Die Horror-Clowns, die derzeit durch Straßen und das Internet geistern, sind nur der Gipfel der Unsitten, die rund um Halloween wuchern.

          Wahrscheinlich wird es nächste Woche schnell ruhig um die maskierten Freaks – schon jetzt nehmen die Nachrichten darüber erfreulicherweise ab. Vielleicht sind die Erschrecker und Eierwerfer sogar auf bestem Weg, das Image von Halloween nachhaltig zu beschädigen. In manchen Gegenden empfinden Polizisten und Einwohner den Termin schon jetzt als Vandalen-Veranstaltung. Wenn aber immer mehr Leute Halloween satthaben oder gar abgeschreckt davon sind, fehlt den Clowns vielleicht bald der Anlass. Die Fratzen wird es ohnehin nur noch am Ramschtisch geben, falls die Kaufhäuser sie überhaupt wieder ins Sortiment nehmen. Nicht ausgeschlossen, dass Halloween sich selbst abschafft. Wer Kürbis mag, kann ihn ja trotzdem weiter essen.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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