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Sea-Watch-Aktivistin : „Manche ziehen den Tod dem Leben vor“

Haidi Sadik, kulturelle Mediatorin bei Sea-Watch, im Büro in Berlin Bild: Andreas Pein

Haidi Sadik war kulturelle Mediatorin auf der „Sea Watch 3“. Sie hat mit den Geretteten gegessen, geredet, gewartet. Dann musste sie die Menschen gehen lassen – und verstehen, dass sie nicht alles kann.

          Wenn Haidi Sadik ihre Augen schließt, sieht sie viele Gesichter, erzählt sie. Jedes Gesicht, ein Leben. Sie kennt die Namen. Sie weiß die Namen der Verwandten und Freunde in Libyen, die das eine Gesicht sucht. Bis vor kurzem war sie mit manchen von ihnen noch auf der „Sea Watch 3“, dem Schiff, das siebzehn Tage vor der italienischen Küste lag und nicht anlegen durfte. Am Mittwoch hat sie das erste Mal wieder in ihrem Bett in Berlin geschlafen.

          Sadik, 29, weißes Shirt mit türkisen und gelben Streifen, lockige Haare, sieht nicht müde aus. Sie sitzt in dem Büro von Sea-Watch, das wie eine Wohngemeinschaft wirkt. Ein Küchentisch aus Holz steht im Zentrum des Stockwerks, darauf eine Melone und Tomaten. Hier wird Pause gemacht. Die sind wichtig, denn manchmal werden Nächte durchgearbeitet. „Ich war so ausgelaugt, ich bin direkt eingeschlafen“, sagt Sadik.

          Sie ist wieder zu Hause. Die meisten Geflüchteten, die auf dem Schiff waren, sind jetzt in Messina in Sizilien, in einer Erstaufnahmestelle, weit weg von ihrem zu Hause. „Sie werden dort festgehalten und dürfen die Erstaufnahmestelle nicht verlassen“, sagt Sadik. Das sei illegal. Die Polizei bewache die Tore, nicht mal ein Anwalt dürfe rein. Wenn Sadik davon spricht, scheint sie immer noch ein bisschen da zu sein. „Ich bin es, denn für unsere Gäste ist es noch nicht vorbei“, sagt sie.

          Haidi Sadik beim Gespräch im Büro von Sea-Watch in Berlin.

          Die Zeit an Bord sei extrem gewesen. Sadik ist als kulturelle Mediatorin nah an den Geretteten. Sie hat mit ihnen über zwei Wochen auf engem Raum verbracht. Sie ist der Anlaufpunkt für die Geflüchteten. Sadik arbeitet an der Schnittstelle zwischen den Geretteten und den Dienstleistungen, die diese empfangen können, an Bord und an Land. Sie übergibt Menschen mit speziellen Anliegen an andere Organisationen, die für die Unterstützung an Land zuständig sind, zum Beispiel Minderjährige oder Opfer von Gewalt.

          Sie redet mit ihnen, hört sich ihre Ängste und Lebensgeschichten an. Das kann sie, Zuhören, doch ist sie weder eine Medizinerin noch eine Therapeutin. Normalerweise ist die Schifffahrt begrenzt, ein paar Tage, doch diesmal waren es siebzehn. Das hätte alles anders gemacht. „Die Menschen haben Zeit gehabt, zu verstehen, was mit ihnen passiert ist“, sagt Sadik.

          Manche hätten Suizidgedanken geäußert. „Ich kann das nicht behandeln und ein Schiff auf offener See ist nicht der richtige Ort dafür“, sagt sie. Eine Zeit, in der die Grenze verschwimmt, zwischen Rettern und Geretteten. Manche aus der Crew hätten bei den Geretteten geschlafen, um zu verhindern, dass sie vom Boot springen. Das war eine spezielle Situation. Normalerweise sind die Schlafbereiche der Crew und der Geretteten getrennt. Auch unter den „Gästen“, wie Sadik sie nennt, gibt es unterschiedliche Bereiche: es gibt einen „safe space“ für Frauen und Kinder, der im Inneren des Schiffes liegt, andere schlafen auf dem Deck. Durch diese besondere Situation entstehen Freundschaften, es entsteht Nähe. „Die Menschen haben uns die ganze Zeit vertraut“, sagt Sadik.

          Auch dann noch, als es immer aussichtsloser geworden sei, als die Tage, die Stunden vorangingen, als einige Menschen von der italienischen Küstenwache abgeholt wurden, um medizinisch versorgt zu werden. Sadik wurde dann von denen gefragt, die noch auf dem Schiff waren: „Was muss noch mit mir passieren, damit verstanden wird, dass ich in Not bin und Sicherheit brauche?“

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