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Modellbau-Affäre : Bitterböse Parodie auf eine Therapie

  • -Aktualisiert am

Geschäftsmodelle: Roland S. mit Fotografien seiner Miniaturen vor dem Untersuchungsausschuss am Freitag Bild: dpa

Mit Modellautos des Dreifachmörders Roland S. verdiente sich das Ehepaar Haderthauer eine goldene Nase. Als Zeuge im Untersuchungsausschuss erklärt er nun, wie aus seiner Therapie ein Geschäftsmodell wurde.

          3 Min.

          Auf einem schmalen Grat hat sich am Freitag der Untersuchungsausschuss des Bayerischen Landtags bewegt, der die „Modellauto-Affäre“ aufklären soll. Die Abgeordneten hörten Roland S. als Zeugen – den Mann, der als Patient im Maßregelvollzug Miniaturen anfertigte, die Höchstpreise erzielten. Sie wurden von einem Unternehmen vermarktet, an dem zunächst Christine Haderthauer, später ihr Mann Hubert beteiligt waren. Es war ein Geschäftsmodell, das Christine Haderthauer ihr Amt als Staatskanzleiministerin und ihre politische Karriere kostete.

          Bei der Vernehmung des Modellbauers, der mittlerweile 76 Jahre alt ist und immer noch im Maßregelvollzug sitzt, galt es für den Ausschuss, jeden voyeuristischen Blickwinkel zu vermeiden. Roland S. hat in den siebziger und achtziger Jahren drei Männer getötet – aus Hass auf seine eigene homosexuelle Orientierung; so haben es die Sachverständigen vor dem Nürnberger Gericht eingeschätzt, das ihn 1988 wegen einer außergewöhnlich intensiven Persönlichkeitsstörung in eine psychiatrische Einrichtung einwies.

          S. war und ist ein hilfebedürftiger Mensch. Diese Prämisse gab seiner Aussage vor dem Ausschuss beklemmende Züge gab. Denn die Quintessenz seiner Anhaben, so subjektiv sie zwangsläufig gefärbt waren, lautete, dass er lange Jahre im Maßregelvollzug nicht ärztlich, sondern geschäftlich betreut wurde – und zwar zu seinem Nachteil. Nach allem, was S. sagte und was sich mit anderen Erkenntnissen deckte, wurde in seinem Fall der Begriff einer Arbeitstherapie pervertiert.

          Kleine mechanische Wunder

          S., dem in seinem Prozess 1988 eine „extrem hohe Intelligenz“ bescheinigt wurde, sagte am Freitag ohne Belastungseifer auf. Ruhig und sachlich schilderte er, wie er nach dem Prozess in das Bezirkskrankenhaus Ansbach gekommen sei. Geschlafen habe man in einem Saal mit 34 Betten; tagsüber hätten Tüten geklebt werden sollen.

          Unvermeidlich bauten sich in einem solchen Kosmos Aggressionen auf – jeder gegen jeden, Patienten gegen Patienten, Patienten gegen Pfleger, Pfleger gegen Pfleger, sagte S. kühl wie ein Soziologe, der eine Studie vorstellt. Er und andere hätten deshalb überlegt: „Was könnte man machen?“

          Es war die Stunde, in der die besondere Begabung von S. zum Zuge kam. 1972 war er zu vierzehn Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden; er hatte einen Sexualpartner zu Tode stranguliert. In der Strafhaft in der Justizvollzugsanstalt Freiburg sollte er nach einer Empfehlung eines Sachverständigen therapiert werden; eine psychologische Betreuung kam aber erst in den letzten Haftjahren zustande, durch einen Psychologen, den S. selbst zahlte – aus Erlösen von dem Verkauf von Modellautos, die der gelernte Stahlbauschlosser fertigte. Es waren kleine mechanische Wunder, weit entfernt von gängigen Modellautos.

          Therapieplan: Modellbauen

          Gerhard Mauz, der große Gerichtsreporter, schrieb später, S. sei einer „Parodie auf eine Therapie“ ausgesetzt gewesen. Nach allem, was S. am Freitag schilderte, setzte sich diese Parodie fort, als er nach zwei weiteren Taten 1988 – er war aus der Justizvollzugsanstalt Freiburg 1980 entlassen worden – in den Maßregelvollzug kam.

          In seiner Ansbacher Zeit, die bis 2000 dauerte – danach wurde S. samt dem Modellbau in das Bezirkskrankenhaus Straubing verlegt –, habe es nie einen Therapieplan gegeben. Auch in Straubing hätte er einen solchen Plan erst im Oktober vergangenen Jahres erhalten.

          In Ansbach war Hubert Haderthauer der für S. zuständige Stationsarzt. Als die Pläne für die Modellautos entstanden seien, habe der Arzt schnell klar gemacht, dass ohne ihn nichts gehe, auch wenn er sich nicht formell an Geschäften beteilige dürfe, sagte S. am Freitag. Es wurde eine Werkstatt im Bezirkskrankenhaus eingerichtet, Werkzeuge und Material angeschafft, S. stellte eine Mannschaft aus Patienten zusammen.

          54 mal in den Modellhimmel

          Nach einigen Anfangsschwierigkeiten boomte der Modellbau; die Juristin Christine Haderthauer wurde 1993 Gesellschafterin eines Unternehmens, das die Modelle vermarktete; 2003 folgte ihr Hubert Haderthauer nach, der inzwischen Landgerichtsarzt in Ingolstadt war.

          Welche technische und künstlerische Raffinesse die Modelle auszeichneten, zeigte sich bei Auktionen. 2007 versteigerte das Auktionshaus Christie’s ein Modell eines Rolls Royce für 23.180 Dollar. Als Schöpfer wurde Hubert Haderthauer gefeiert, „a Criminal Pathologist“, der ein atemberaubendes Werk geschaffen habe. Im gleichen Jahr versteigerte das Auktionshaus ein Modell eines Mercedes-Benz SSK für 35.200 Dollar. Wieder wurde nicht Roland S., sondern Hubert Haderthauer in den Modellbauer-Himmel gehoben.

          Mit solchen Erlösen hätte S. ein ganzes Bataillon von privaten Therapeuten in Brot und Arbeit bringen könne. Er und seine Zuarbeiter im Bezirkskrankenhaus hätten in den neunziger Jahren aber nur monatlich 300 Mark in bar erhalten, sagte S. dem Untersuchungsausschuss. Welches Geschäftsvolumen dem gegenüberstand, legt die Zahl der Modellautos nahe, die von 2000 bis 2012 im Bezirkskrankenhaus Straubing gefertigt wurden: Es sollen nach einer amtlichen Zählung 54 gewesen sein.

          Freigang im privaten Wochenendhaus

          In seiner Ansbacher Zeit wurde S. nach seiner Darstellung noch in anderer Weise entlohnt; unter anderem sei er mit Christine und Hubert Haderthauer, die er beide geduzt habe, einmal essen gegangen. Christine Haderthauer hat angegeben, sie könne sich an ein solches Essen nicht erinnern

          Auch einen mehrtägigen Messebesuch mit Hubert Haderthauer und ein Wochenende in einem französischen Jagdhaus, zu dem das Ehepaar Haderthauer zu einer geschäftlichen Besprechung gekommen sei, schilderte S. vor dem Ausschuss.

          Er zeichnete eine seltsame Gegenwelt zu den gerichtlichen Überprüfungen, in denen Jahr für Jahr festgehalten wurde, S. sei nach wie vor gefährlich und müsse deshalb im Maßregelvollzug bleiben. Seine Vernehmung ließ nur einen Schluss zu: Es war eine böse, eine bitterböse Parodie auf eine Therapie, die S. erleiden musste.

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