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Hackerangriffe auf Politiker : „Wir haben Fingerabdrücke“

„Wir müssen Abgeordnete und Parteien besser schützen“, sagt Thomas Rid Bild: Lorenz Hemicker

Amerikas Demokraten und deutsche Bundestagspolitiker eint eine Schwäche. Ihre Netzwerke sind leichte Opfer. Wer der Angreifer ist, ist für Cyberexperte Thomas Rid klar, wie er im Interview sagt.

          Herr Rid, deutsche Politiker sind abermals Opfer eines Hackerangriffs geworden. Welche gesicherten Erkenntnisse gibt es?

          Der Angriff betrifft Abgeordnete mehrerer Parteien. Ausgelöst wurde er durch E-Mails in ihren Posteingängen, die vorgaben, von der Nato zu kommen. Ein Link führte dann auf einen Server, durch den sich Schadsoftware auf die Computer der Politiker aufspielten sollte. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) und der Bundesnachrichtendienst (BND) scheinen davon auszugehen, dass es sich um die Operation eines ausländischen Nachrichtendienstes handelt.

          Sie sprechen von Russland?

          BSI-Präsident Arne Schönbohm hat überraschend deutlich gesagt, dass die Ereignisse im Kontext der amerikanischen Präsidentschaftswahlen stehen. Dort beeinflussen russische Nachrichtendienste die Stimmung bereits: Über das Hacken und Leaken von Informationen, etwa sensiblen E-Mails von Hillary Clinton.

          Russland wurde von Experten auch schon als Drahtzieher für den Hackerangriff auf den Deutschen Bundestag 2015 verantwortlich gemacht. Dabei gilt die Zuordnung von Angriffen als extrem schwierig. Welche Beweise gibt es?

          Man kann inzwischen verschiedene Netzwerkangriffe einander zuordnen. Die Akteure, die im Mai 2015 in das Netzwerk des Bundestags eingebrochen sind, sind auch in das System „Democratic National Comittee“ (DNC) eingebrochen, der Organisation der demokratischen Partei in den Vereinigten Staaten. Das ist keine Spekulation, sondern das Ergebnis forensischer Arbeit. Wir haben gewissermaßen digitale Fingerabdrücke der Einbrecher vorliegen.

          Die nächsten Wahlen finden in Amerika statt. Warum werden jetzt gerade deutsche Politiker zum Ziel?

          Bei den Opfern in Deutschland wie im Amerika handelt es sich um „niedrig hängende Früchte“, wie wir in der technischen Debatte sagen. Ziele also, die relativ leicht erreichbar sind. Das DNC oder ein Bundestagsabgeordneter sind leichter zu hacken als das Weiße Haus oder das Verteidigungsministerium in Berlin. Ansonsten ist das Ausspähen politischer Ziele erst einmal Alltagsgeschäft nachrichtendienstlicher Operationen.

          Neu ist aber, dass diese Informationen wiederholt und verdeckt an die Öffentlichkeit gegeben werden.

          Wir müssen davon ausgehen, dass russische Akteure erkannt haben, wie gut ihre Methode funktioniert, auch wenn sie erwischt wurden. Und dass sie diese Methode in zahlreichen weiteren Ländern anwenden werden; auch in Vorbereitung lange vor einer Wahl, um die öffentliche Meinung langfristig zu beeinflussen. Das passiert gerade wohl auch in Deutschland.

          Sie vermuten hinter diesen Operationen steckt schon lange eine Strategie des Kremls?

          Vielleicht nicht von Anbeginn. Die ersten Angriffe waren recht primitiv. Sie könnten auch von einzelnen Vertretern oder Gruppen des Sicherheitsapparates ohne Kenntnis des Präsidenten in Auftrag gegeben worden sein. Aber die jetzigen Angriffe sind so wagemutig und ausgeklügelt, dass sie mit Sicherheit von Präsident Putin gebilligt worden sind. Unumstritten im russischem Sicherheitsapparat sind sie damit aber noch nicht  Es widerspricht eigentlich der Organisationskultur der russischen Nachrichtendienste, sich bei ihrer Arbeit erwischen zu lassen. Wir sollten also vorsichtig sein und Russland nicht als einen Akteur mit einer Stimme sehen.

          Momentan gibt es dennoch keine Hinweise darauf, dass die Hackerangriffe wieder aufhören werden. Wie sollte die deutsche Politik reagieren?

          Wir müssen Abgeordnete und Parteien besser schützen. Und wir müssen die deutschen Meinungsführer für das Problem sensibilisieren. In Amerika sind die Medien untereinander hoffnungslos zerstritten. Für einen externen Akteur ist es ein leichtes, diese Risse auszunutzen. Das darf uns nicht passieren.

          Thomas Rid ist Professor für Security Studies am King's College London. Das Gespräch erfolgte auf dem Cyber Security Summit 2016 der Münchner Sicherheitskonferenz und der Deutschen Telekom an der Stanford University in Palo Alto.

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