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Neue Indizien aufgetaucht : Haben die Nazis den Reichstag abgefackelt?

  • -Aktualisiert am

Der brennende Reichstag in der Nacht des 27. Februar 1933 Bild: dpa

Die meisten Historiker glauben nicht, dass die Nazis hinter dem Reichstagsbrand von 1933 stecken. Jetzt ist allerdings ein Dokument aufgetaucht, das der These zu neuem Aufschwung verhilft.

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          Hat Marinus van der Lubbe den Reichstag doch nicht allein angezündet? In dem seit Jahrzehnten geführten erbitterten Streit um die Urheberschaft des Reichstagsbrandes am 27. Februar 1933 ist jetzt ein Dokument aufgetaucht, das von Bedeutung für den Ausgang dieses Streits sein könnte. Es handelt sich dabei um eine 1955 vor einem Notar in Hannover getätigte eidesstattliche Versicherung eines ehemaligen SA-Mitglieds namens Hans-Martin Lennings. Dieser Zeitzeuge gibt an, er habe den später wegen Brandstiftung und Hochverrat verurteilten und hingerichteten holländischen Anarchisten Marinus van der Lubbe am Abend des Brandes zwischen 20 und 21 Uhr auf Befehl des NSDAP-Reichstagsabgeordneten und SA-Mannes Karl Ernst zum Reichstagsgebäude gefahren. Als er den Reichstag mit van der Lubbe betreten hatte, habe es bereits nach Feuer gerochen und es habe auch Rauchschwaden gegeben. Demnach könne van der Lubbe den Reichstag nicht angezündet haben, da dieser schon brannte, als van der Lubbe und er dort eintrafen.

          Rechtlich ist van der Lubbe schon seit 2007 vollkommen rehabilitiert. Zunächst wurde 1967 das Todesurteil von 1933 in acht Jahre Zuchthaus umgewandelt, was den Mann natürlich nicht wieder lebendig machte. Aufgrund des „Gesetzes zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile“ wurde 2007 auch dieses Urteil aufgehoben. Eines Freispruches, den der niederländische „Telegraaf“ am Freitag in der neuen Entdeckung in Hannover erkannt haben will, bedarf es daher nicht mehr. Viel bedeutender an dem Fund ist jedoch, dass er als möglich erscheinen lässt, dass die Nazis tatsächlich den Reichstagsbrand planten, durchführten und im entscheidenden Augenblick den hilflosen und verwirrten van der Lubbe auf die Bühne schoben.

          Gezielte Reaktionen der Nazis

          Noch in Nacht des Reichstagsbrandes begannen die Verhaftungen meist linker Intellektueller und Politiker nach längst vorbereiteten Listen, die schon Stunden vor dem Brand an die Dienststellen im Reich durchgegeben wurden. Ebenfalls verdächtig schnell legten die Nazis dem greisen Reichspräsidenten Hindenburg am nächsten Tag eine „Notverordnung zum Schutz von Volk und Staat“ vor. Der Reichstagsbrand gab den Nazis die Möglichkeit, „das politische Feld abzuräumen“, wie der Historiker Sebastian Haffner es einmal formuliert hatte.

          Kaum bekannt ist, dass sich Vertreter von KPD und SPD am Morgen des 28. Februar 1933 im Reichstag erstmals zusammensetzen wollten, um den erbitterten Streit, der aus dem Revolutionswinter 1918/1919 herrührte, zu beenden und doch noch gemeinsam gegen Hitler vorzugehen. Sicher anzunehmen ist, dass diese Aktionseinheit zum Bürgerkrieg geführt hätte – aber was war die Alternative? Wie dem auch sei, nach dem Reichstagsbrand gab es keine Möglichkeit mehr zu legaler Opposition; es begann die absolute Diktatur, die Unterdrückung, der Terror.

          Trotzdem gibt es bis heute erbitterten Streit über die Frage, wer denn nun den Reichstag angezündet hat. Zwei Positionen stehen sich seit Jahrzehnten gegenüber: Die eine sagt, die Nazis hätten den Reichstag nicht selbst angezündet, van der Lubbe allein habe das hinbekommen. Diese Sicht geht auf einen früheren Mitarbeiter des niedersächsischen Verfassungsschutzes zurück, Fritz Tobias, der sie 1959 in einer elfteiligen Serie im „Spiegel“ darlegte. Es gelang ihm, nicht immer mit lauteren Mitteln, seine These in der Wissenschaft durchzusetzen. Nahezu alle Historiker folgen inzwischen dieser Ansicht. Kritiker halten dagegen, dass es einem Einzelnen nicht möglich gewesen sei, ohne eine größere Menge chemischer Substanzen einen derartigen Brand in so kurzer Zeit zu entfachen. Lubbe hatte lediglich ein paar Kohlenanzünder dabei, die Brandflecke auf Teppichen außerhalb des Plenarsaales erzeugten.

          Van der Lubbe als Komplize der Nazis?

          Es erscheint zwar schwer vorstellbar, dass die Nazis van der Lubbe für ihre Zwecke einspannten. Doch gab es Hinweise auf Kontakte des Niederländers zu SA-Leuten. Eine Quartiergeberin van der Lubbes in Berlin-Schöneberg will heimlich dessen Kleidung durchsucht und einen SA-Ausweis auf seinen Namen gefunden haben. Von diesem Ausweis gibt es sogar ein Foto, abgedruckt in einer Zeitschrift namens „Schwarze Front“, eine im Exil erschienene Publikation von in Ungnade gefallenen Nationalsozialisten um Otto Strasser. Dieser Ausweis soll van der Lubbe unmittelbar vor der Tat von SA-Leuten abgenommen worden sein.

          Marinus van der Lubbe wurde wegen des Reichstagsbrandes angeklagt und 1934 zum Tode verurteilt.

          Noch nie gab es jedoch ein Geständnis eines ehemaligen SA-Mannes. Die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ hat das Dokument am Freitag veröffentlicht. Überprüft man die Fakten, halten sie stand. Es hat diesen Notar gegeben; Paul Siegel war vor und nach dem Krieg in Hannover tätig und ist Träger des Bundesverdienstkreuzes. Die von Lennings erwähnte Gastwirtschaft „Schwarzer Kater“ oder „Schwarze Katze“ in Mahlsdorf ist lediglich ungenau erinnert; gemeint ist die Gastwirtschaft „Zum strammen Kater“ in der Hönower Chaussee 147. Mit dem von ihm so genannten „SA-Lazarett“ in der Lützowstraße im Berliner Bezirk Tiergarten ist sicher ein SA-Sturmlokal mit Behelfsschlafstellen und einer angeschlossenen Box-Schule in der Lützowstraße 93 gemeint.

          Van der Lubbe wurde Lenning, so seine Aussage, von einem Unbekannten mit den Worten „Bringen Sie diesen Herrn van der Lubbe in den Reichstag!“ übergeben. Ihm fiel an van der Lubbe auf, dass „er sich in einem benommenen Zustand befand“. Ein Rechtsanwalt hatte 1979 in einem Schriftsatz an das Berliner Landgericht ausgeführt, dass van der Lubbe „manipuliert, gedopt, entsprechend umfunktioniert, von den eigentlichen Tätern vorgeschoben“ worden sei.

          Alle Beteiligten erschossen

          Die Fahrt ging zu dem der Kroll-Oper gegenüberliegenden Portal des Reichstages. Er habe van der Lubbe in den Reichstag gebracht und ihn im Inneren des Gebäudes einem ihm unbekannten Zivilisten übergeben. Es habe nach Feuer gerochen, und er habe Rauchschwaden bemerkt. Als er später das Foto van der Lubbes in der Zeitung gesehen und bei Vorgesetzten dagegen protestiert habe, dass man ihn der Brandstiftung beschuldigte, sei er eine Woche in Schutzhaft genommen worden. SA-Führer Röhm, mit dem er befreundet gewesen sein will, habe ihn dann freigelassen, nachdem er einen Revers des Inhalts unterschrieben habe, von nichts zu wissen.

          Im Juni 1934, als sowohl Röhm als auch Karl Ernst von der SS erschossen worden waren, sei er gewarnt worden und habe Deutschland rechtzeitig verlassen. Lennings weiter: „Bei der sogenannten Röhm-Revolte sind fast alle erschossen worden, die zum engeren Kreis der am Reichstagsbrand beteiligten Personen gehörten. Nach meiner Überzeugung wurde auch Karl Ernst nur aus diesem Grunde erschossen.“ Abschließend ermächtigt Lennings den Anwalt des Bruders von Marinus van der Lubbe, Arthur Brandt, eine Abschrift dieser eidesstattlichen Versicherung anzufordern.

          Aber stimmt sie auch? Jedenfalls steht sie im Widerspruch zu den Ermittlungsakten von 1933 und zu van der Lubbes eigenen Aussagen. Demnach inspizierte er den Reichstag gegen 14 Uhr erstmals, drückte sich dann einige Stunden in Berlin-Mitte herum, bevor er abends um halb neun zum Reichstag zurückkehrte, in ihn eindrang und Feuer legte.

          Gefunden wurde die Aussage des SA-Mannes in einem Archiv des Hannoveraner Amtsgerichts. Man beschäftigt sich dort derzeit mit der eigenen Geschichte und sah in diesem Zusammenhang auch den riesigen Nachlass des Verfassungsschutzmitarbeiters Fritz Tobias durch – dort war die Erklärung Lennings. Wie sie da hingekommen ist, bleibt ungewiss. Tobias hat sie jedenfalls niemals publiziert – sie hätte nicht zu seiner Alleintäter-These gepasst.

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