https://www.faz.net/-gpf-y8qm

Guttenberg verzichtet auf Doktortitel : „Solche Stürme hält man aus“

Der Verteidigunsminister trägt sich vor seiner Rede ins Goldene Buch der Stadt Kelkheim ein Bild: Marcus Kaufhold

Es war Guttenbergs erster öffentlicher Auftritt seit Beginn der Schummel-Affäre. Im hessischen Kelkheim betrat er unter großem Jubel und der Musik von AC/DC die Bühne - um dann den Verzicht auf seinen Doktortitel zu verkünden.

          3 Min.

          Als die Blaskapelle den Defiliermarsch anstimmt, ist „KT“, wie ihn seine Freunde und Horst Seehofer nennen, noch im Vorraum und trägt sich in das Goldene Buch der Stadt ein. Eigenhändig, wie es heißt. Rhythmisches Klatschen im Saal, der Marsch schwillt an, der Kapellmeister wippt im Takt, eine zünftigere Begrüßung hätte sich Franz Josef Strauß zu seinen besten Zeiten nicht wünschen können. Dann, das hörte man bei solcher Gelegenheit in diesem Saal noch nicht, E-Gitarren, die ersten donnernden Takte von „Hell's bells“ von AC/DC. Die Menge jubelt, Doktortitel hin oder her, und mit den ersten krachenden Tönen des Riffs betritt Karl-Theodor zu Guttenberg im hellen Blitzlichtgewitter den Saal. Was immer man in den vergangenen Tagen über schale Inszenierungen und schlechtes Timing sagen konnte: Das Timing hat er in Kelkheim wiedergefunden.

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Guttenberg will souverän wirken bei diesem Auftritt, der vielleicht der wichtigste seiner politischen Laufbahn ist. Jedes Wort gilt; wenn er sich jetzt angezählt zeigt oder noch einmal so dünnhäutig wie am vergangenen Freitag, als er bei seiner Erklärung in Berlin die Hauptstadtpresse gegen sich aufbrachte, weil er nicht vor der Bundespressekonferenz sprach, sondern vor „ausgewählten“ Journalisten im eigenen Ministerium, die zufällig dort waren, ist sein Nimbus vielleicht endgültig dahin. Ein paar Stunden früher haben die Plagiatsucher von „GuttenPlag“ ihre „Zwischenbilanz“ zu seiner Dissertation online gestellt - was sie zu sagen haben, war schon vorher bekannt: Nicht nur an ein paar Stellen, sondern durch die gesamte Arbeit hindurch soll der Minister abgekupfert haben. Guttenberg federt die letzten Schritte hinauf auf die Bühne, die er später wieder mit einem Sprung in den Saal verlässt. Er winkt der Parteiprominenz zu. Von Bouffier über Riesenhuber bis Koch sind alle gekommen. Sie wissen: Jetzt kommt es darauf an.

          Schauspiel aus dem Handbuch für angewandten Populismus

          Was der Minister in den nächsten Minuten in einer kleinen Stadt im Taunus ablegt, ist ein Schauspiel aus dem Handbuch für angewandten Populismus; ein „Kotau“, wie er noch selten gegeben wurde: „Ich habe gravierende Fehler gemacht, die den wissenschaftlichen Kodex nicht erfüllen“, ruft Guttenberg, der mit jedem folgenden Wort befreiter wirkt, befreit durch den Jubel des Publikums. Das habe er am Wochenende festgestellt, als er sich die Arbeit „noch einmal angesehen“ habe. Er habe „an der ein oder anderen Stelle“ den „Überblick über die Quellen verloren“, darunter auch bei „besonders peinlichen Stellen“ wie der Einleitung, in der sich Teile aus einem F.A.Z.-Artikel wiederfanden. „Blödsinn“ habe er geschrieben, gesteht Guttenberg, aber jetzt, jetzt stehe er hier und heute öffentlich dazu, „mit großer Freude und von Herzen gerne vor Ihnen und nicht vor der Hauptstadtpresse.“

          „Ich habe mich am Wochenende nochmals mit meiner Doktorarbeit beschäftigt . Es war richtig, dass ich gesagt habe, dass ich den Doktortitel
nicht mehr führen werde”

          Die Stimmung im Saal ist längst hellauf begeistert, das ist wieder der Guttenberg, wie sie ihn sich projiziert haben, der Politiker, der so anders zu sein vorgibt, der sich an landläufigen Kategorien nicht messen lassen will. „Ich habe die Arbeit selbst geschrieben.“ Heftiger Beifall. „Ich habe nicht absichtlich getäuscht.“ Wieder frenetischer Applaus. Von seinen drängenden Aufgaben in Afghanistan redet Guttenberg jetzt, von toten Soldaten, die zur „Randnotiz“ geworden seien im Angesicht einer Debatte über die „Fußnoten in einer ministeriellen Doktorarbeit“, von einer Presse, die aufpassen müssten, dass sich die „Maßstäbe nicht verschieben“. Das sei „kein wirkliches Beispiel für exzellenten Journalismus“ gewesen. Und dann die Sätze, die Guttenberg unbedingt hier in der Provinz sagen wollte und nicht in Berlin: Es gehe darum, den Schaden „für eine Universität, bei meinem hoch geschätzten, honorigen Doktorvater und einem Zweitkorrektor“ zu begrenzen. Bei der Durchsicht der Arbeit habe er festgestellt, „wie richtig es war, dass ich gesagt habe, dass ich den Doktortitel nicht führen werde“. Auch wenn dies schmerze. Die Guttenberg-Gemeinde ist aufs Tiefste gerührt.

          „Eine fränkische Wettertanne hauen solche Stürme nicht um“

          Es braucht mehrere Nachfragen, bis klar ist: Guttenberg will wegen der Plagiatsaffäre auf seinen Doktortitel verzichten - nicht nur zeitweilig, sondern dauerhaft und endgültig. Nur präzise sagen kann und will er das in Kelkheim noch nicht, weil nur die Universität Bayreuth seinen Titel zurücknehmen kann. Noch am Abend wird sie mitteilen, sie habe bereits einen Brief Guttenbergs erhalten, in dem dieser wegen „gravierender handwerklicher Fehler“ in seiner Dissertation um die Aberkennung seines Titels bittet. Eine „fränkische Wettertanne“, sagt der Minister, hauen solche Stürme nicht um.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Coronakrise : Kein „Tschernobyl-Moment“

          Chinas Führung kämpft gegen unliebsame Informationen über das Coronavirus. Jetzt hat Staatschef Xi gesprochen. Das zeigt, dass die Lage ernst ist. Problem: Wenn Xi im Spiel ist, muss alles besser werden – zumindest offiziell.
          Offenbar gehört der Mensch doch nicht sich selbst, jedenfalls nicht im Sinne eines frei verfügbaren Eigentumsverhältnisses zum eigenen Körper.

          Organspende-Entscheidung : Wem der Mensch gehört

          Das Parlament hat die Organspende unlängst im Sinne der erweiterten Zustimmungslösung geregelt. Aber was wurde damit eigentlich genau entschieden? Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.