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Guttenberg und Lindner : Talente oder Stars?

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Bild: Lüdecke, Matthias

Sie galten jeweils als „größtes politisches Talent“ ihrer Partei: Wie innerhalb eines Jahres gleich zwei politische Hoffnungsträger scheiterten.

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          Am Tanzbrunnen in Köln, gelegen im Rechtsrheinischen, hat es einst eine lustig-böse Veranstaltung gegeben. Sie hieß „Udo Werners Talentprobe“ und war eigentlich eine ziemlich üble Sache. Junge Frauen und junge Männer, die glaubten, sie hätten das Talent des Singens, versuchten sich in dieser Kunst. Das Publikum aber war des Störens, nicht des Zuhörens wegen gekommen. Die Leute lärmten mit Kuhglocken. Udo Werner, ein kleiner dicker Conferencier mit braunem Anzug, der vom Alter her der Vater aller Anwesenden hätte sein können, pflegte die vermeintlichen Talente scheinbar freundlich willkommen zu heißen. Dann warf er sie der kreischenden Meute zum Fraß vor. Die Talente aber wussten stets vorher, was sie erwartete.

          Niemals zu Beginn seiner politischen Arbeit in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ist Gerhard Schröder, der Sozialdemokrat, als politisches Talent bezeichnet worden. Seine Altersgenossen in der SPD, die Jungsozialisten also, fanden ihn - je nach eigenem Standpunkt - einen Anführer oder einen rechten Wolf in linkem Schafsfell. Die älteren Sozialdemokraten, die Parteiführung also, sahen in ihm einen gewissenlosen Mann ohne Grundsätze, der nicht das Zeug zu einem anständigen Sozialdemokraten habe. Sie mögen sein Machtbewusstsein und seinen Ehrgeiz und auch seine rhetorischen Gaben gesehen haben. Doch nicht im Traum wären die Altvorderen auf den Gedanken gekommen, den Genossen Schröder öffentlich auf onkelhafte Weise als das größte politische Talent zu bezeichnen, über das die Sozialdemokratie verfüge und das deshalb gehegt und gepflegt und gefördert werden müsse.

          Wer hat, dem wird gegeben

          Niemals ist Angela Merkel, nachdem sie von der Aufgabe der stellvertretenden Pressesprecherin der letzten und frei gewählten DDR-Regierung zur Bundesministerin für Frauen und Jugend im Kabinett Helmut Kohls aufgestiegen war, das größte Talent der nun gesamtdeutschen CDU genannt worden. Eher machte in Bonn das abschätzige Wort von „Kohls Mädchen“ die Runde. Die sie besser kannten, sahen ihren Ehrgeiz, ihr analytisches Vermögen und auch ihren respektlosen Witz, mit dem sie das Auftreten Helmut Kohls karikieren konnte.

          Galt als „großes politisches Talent des deutschen Liberalismus“: Der ehemalige FDP-Generalsekretär Christian Lindner
          Galt als „großes politisches Talent des deutschen Liberalismus“: Der ehemalige FDP-Generalsekretär Christian Lindner : Bild: Reuters

          Einst, vor mehr als 2000 Jahren, war das Talent eine Maßeinheit, die sich zur Messung von Gewichten und später auch von Werten und Währungen von Babylon aus in den Raum des Mittelmeeres verbreitet hatte. Das Talent entsprach der Wassermasse im Volumen einer Amphore. Je nach deren Größe variierte das Talent zwischen 20 und 36 Kilogramm. Jesus also, wurde berichtet, habe das Gleichnis von den anvertrauten Talenten erzählt. Der Herr habe verreisen wollen und seinen Dienern Talente überantwortet. Der eine habe aus fünf Talenten Silber zehn gemacht. Nach Rückkehr des Herrn sei er belohnt worden. Der zweite habe seine zwei Talente ebenfalls verdoppelt. Auch er sei belohnt worden. Der dritte habe ein Talent gehabt. Er aber habe es vergraben und auf diese Weise sichern wollen. „Du bist ein schlechter und fauler Diener“, habe der Herr später gerufen. Nicht einmal Zinsen habe er bekommen. Der Herr habe dem Diener selbst das eine Talent genommen und anderen gegeben. Jesus habe im Gleichnis geschildert: Wer habe, dem werde gegeben. Den Diener mit dem einen Talent aber habe der Herr einem schlimmen Schicksal preisgegeben. „Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äußerste Finsternis“, habe er gerufen. „Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen.“

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