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Duell Kretschmann-Wolf : Ein gefälliges Gespräch

Einander zugewandt: Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann (Grüne/r.) und sein Herausforderer Wolf (CDU) Bild: dpa

Das Duell zwischen Winfried Kretschmann und Guido Wolf war nicht die diskursive Entscheidungsschlacht des Landtagswahlkampfs im Ländle. Zwei Lehren konnten die Zuschauer aber dennoch ziehen.

          Das vorläufig einzige Kandidatenduell zwischen Winfried Kretschmann (Grüne) und Guido Wolf (CDU) im Landtagswahlkampf in Baden-Württemberg beginnt dramatisch: Die Kandidaten betreten zur Star-Wars-Melodie die Bühne des Stuttgarter Theaterhauses, der blutrote Schriftzug „Das Duell“ suggeriert, dass es sich um die diskursive Entscheidungsschlacht des Landtagswahlkampfes handelt. So kommt es aber nicht: Gut zwei Stunden diskutieren Kretschmann und Wolf mit den früheren SWR-Journalisten Wieland Backes und Michael Zeiß. Es wird ein unterhaltsames, amüsantes und auch gefälliges Gespräch.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Zum Glück beginnen die Moderatoren nicht mit dem Flüchtlingsthema, sondern mit Fragen zur Persönlichkeit und zur Landespolitik, über die in gut acht Wochen ja vor allem entschieden wird. Wolf nutzt die Steilvorlage, die die Landesregierung am Morgen mit einer Studie zur Gemeinschaftsschule geliefert hat. Die Zwischenstudie kommt zum Ergebnis, dass die neue Schule nicht schlechter, aber auch nicht besser ist als andere Schultypen und dass es auf die Qualität der Lehrer ankomme. „Es herrscht Bildungschaos, wir müssen mehr Qualität in die Schule bringen. Unter dem selbständigen Lernen leiden gerade die schwächeren Schüler, wir wollen unterschiedliche Talente unterschiedlich fördern“, sagt Wolf. „Chaos herrscht natürlich überhaupt nicht und Chaos ist auch keine sinnvolle Debatte“, entgegnet Kretschmann. Man könne doch nicht erwarten, dass ein neuer Schultyp nach drei Jahren perfekt sei.

          Der Ministerpräsident ist viel offensiver als im Fernsehduell vor einer Woche, in dem er manchmal keine schlagfertigen Antworten auf den Angreifer Wolf gefunden hatte. Er wirft Wolf vor, in vielen Fragen keine Haltung zu haben und nicht zu sagen, wohin er das Land eigentlich führen wolle. Wolf hat das klassische Problem des Oppositionspolitikers, er muss mit wenigen Sätzen überzeugende Alternativen skizzieren, was angesichts der nicht vorhandenen Wechselstimmung noch schwerer ist.

          Zur Flüchtlingskrise fordert Kretschmann, man müsse den Kurs der Kanzlerin, der „erfahrenen Krisenmanagerin“ unterstützen. Wolf sagt auf die Frage, ob er im Streit über die Lösung der Flüchtlingskrise nun eher für die Bundeskanzlerin oder Horst Seehofer sei: „Das ist die Frage, die mir am häufigsten gestellt wird. Meine Art ist es, meinen eigenen Weg zu gehen. Die Leute wollen, dass wir die Flüchtlingsströme nachhaltig reduzieren.“ Die Abschaffung der Residenzpflicht, die zögerliche Umstellung von Geld- auf Sachleistungen, so Wolf, das seien Fehler der Grünen gewesen. Jetzt müssten die Maghreb-Staaten auch zu sicheren Herkunftsländern gemacht werden. Kretschmann verspricht, dies zu prüfen, wenn die Bundesregierung ihm einen entsprechenden Vorschlag unterbreite.

          Das gesamte politische Koordinatensystem hat sich verändert. Kretschmann vertritt in der Flüchtlingskrise und in der Wirtschaftspolitik heute Auffassungen, für die seine Partei früher die CDU kritisiert hat. Das macht Kretschmann für Wolf zu einem schwierigen Gegner.

          Kretschmann ist entschlossen, Wolf gelassen

          Diejenige Kraft, die indirekt über die Mehrheitsbildung im neuen Landtag entscheidet, ist die AfD. Sie liegt in Umfragen bei zehn Prozent. Und die etablierten Parteien streiten darüber, wie man mit dieser Partei umgehen sollte. Die Grünen und die SPD wollen mit der AfD nicht auf Podien diskutieren. Kretschmann hat Mühe, diese Position zu untermauern, im Theaterhaus liest er ein paar Passagen aus dem AfD-Programm vor, nennt sie rechtsradikal, weil sie das System ablehne. Zur „Politik des Gehörtwerdens“ und des permanenten demokratischen Diskurses, für die Kretschmann sonst ständig wirbt, passt das dennoch nicht. Wolf sagt: „Natürlich ist das grausam, was die AfD da behauptet, aber wegen Ihrer Entscheidung kann die AfD jetzt gesichtslos durchs Land marschieren.“

          Eine Wirkung im Wahlkampf entfalten solche Duelle nur, wenn sie von einem Millionenpublikum verfolgt werden und wenn es dem Amtsinhaber oder dem Herausforderer gelingt, einen thematischen oder atmosphärischen Akzent zu setzen, über den mehrere Tage die gesamte Nation debattiert. Eine solche Wirkung geht von der Diskussion im Theaterhaus nicht aus. Mit zwei Botschaften sind die Zuschauer an diesem Abend aber nach Haus gegangen: Sie haben einen Ministerpräsidenten Kretschmann gesehen, eigentlich kein Mann des Wahlkampfes, der äußerst entschlossen ist, sein Amt zu verteidigen. Und sie haben einen Guido Wolf erlebt, der sehr gelassen und mit einer inneren Ruhe – angesichts der aktuellen Meinungsumfragen - damit rechnet, dass ohne ihn und die CDU nach dem 13. März keine Regierung gebildet werden kann.

          Am Schluss folgt Kretschmann im Stil von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die hatte im Fernsehduell vor der Bundestagswahl 2013 mit dem Satz „Sie kennen mich“ um Vertrauen geworben. Kretschmann sagt: „Sie kennen mich, sie können sich ein Urteil über mich bilden.“ Wolf sagt: „Ich will Baden-Württemberg verändern, das Land braucht wieder Zukunftsperspektive.“ Darauf antwortet Kretschmann an diesem Abend und bis zum 13. März, dass das Land ja schon Spitze sei.

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