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Ehemaliger Außenminister : Schweigen über Westerwelle

„Marginalisiert“: Außenminister Guido Westerwelle (FDP) 2013 bei einem Besuch im Feldlager der Bundeswehr im afghanischen Kundus Bild: dpa

Ein Politiker verschwindet von der Bühne. Der frühere FDP-Vorsitzende und Außenminister Guido Westerwelle kämpft gegen den Krebs. Manche schreiben Abschiedsbriefe. Manche tun, als wäre er nie dagewesen.

          5 Min.

          Eigentlich spricht man nicht darüber: Ein Ex-Politiker ringt mit einer schweren Krankheit. Er hat sich ganz zurückgezogen, vielleicht aus Angst vor Häme und grausamer Schaulust. Früher war Guido Westerwelle jemand, der fast alles von sich öffentlich gemacht hat, seine Ansichten, seine Hobbys, seinen Mann. Er schien Lärm, Trubel und Aufmerksamkeit zu brauchen. Jetzt ist es still geworden um ihn. Die Leute lassen ihn in Ruhe, auf zwei Arten: Anteilnahme ohne große Worte – und Totschweigen.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          Westerwelles Art, Politik zu machen, war polarisierend. Maximale Aufmerksamkeit war die Währung, in der er für seine Angriffslust belohnt wurde. Westerwelle wurde als politischer Schaumschläger verachtet, als FDP-Chef und Redner bewundert, gefeiert und beschimpft. Alles war ihm recht. Nur schwach hat man ihn nie sehen dürfen. Wenn es ihm schlecht ging, etwa nach dem Streit mit Jürgen Möllemann und nach dessen Selbstmord, verschwand er für eine Weile von der Bildfläche. Und kam dann zurück. „Ihr! Kauft mir! Den Schneid nicht ab!“, schmetterte er bei einem Parteitag einmal Kritikern entgegen, als sie ihn ziemlich in die Enge getrieben hatten. Im vergangenen Jahr ist aus dem allgegenwärtigen Politiker erst ein Privatier mit globalen Ambitionen geworden. Dann ein Krebs-Patient.

          Ein Arztbesuch zerstörte Mitte Juni seinen Alltag. Eigentlich plagte den dreiundfünfzig Jahre alten Westerwelle bloß eine Sportverletzung. Lästig, schmerzhaft. Bei der Untersuchung wurde ihm Blut abgenommen. Ein Routinevorgang. Westerwelle baute zu diesem Zeitpunkt eine Stiftung für internationale Politik auf, die „Westerwelle Foundation“. Gut gelaunt gab er Interviews, gewürzt wie immer mit spitzen Bemerkungen, und präsentierte sich allenthalben als junger „elder statesman“ mit starkem Eigenlob: „Ich finde es eine gute Haltung“, hatte er der Welt erklärt, „das eigene Wissen und das eigene Netzwerk einzusetzen, um die internationalen Beziehungen und die internationale Verständigung zu fördern“. Und dann flappste er noch hinterher: „In Deutschland bekommen Politiker erst eine Stiftung, wenn sie sterben. Das erschien mir zu spät.“

          Ein paar Tage später, am 20.Juni, ließ Westerwelle auf seiner Facebook-Seite mitteilen, er habe „akute Leukämie“ und befinde sich bereits in medizinischer Behandlung. Von Nachfragen bitte er abzusehen. Die eher zufällige Blutprobe hatte den lebensbedrohlichen Blutkrebs ans Licht gebracht. Ohne Behandlung wäre Guido Westerwelle innerhalb weniger Wochen gestorben. Sofort musste er sich einer intensiven Chemotherapie unterziehen, um die Leukämiezellen abzutöten. Danach folgten weitere harte Therapien, neues Knochenmark, ein strapaziöses Ringen zwischen alten und neuen Zellen.

          In dieser ersten Zeit erhielt Westerwelle eine Unzahl von Briefen. Es waren viele Ermutigungen darunter, aber auch Schreiben, die etwas voreilig nach Abschied klangen oder durchströmt waren von schlechtem Gewissen. Immerhin hatten Westerwelle und seine FDP im politischen Niedergang jede Menge Hohn und Spott auf sich gezogen. Als der damalige Spitzenkandidat Rainer Brüderle im Wahlkampf unglücklich stürzte und sich den Oberschenkel brach, wurde das im Internet hämisch kommentiert: Das sei ein guter Anfang. Bald werde der FDP auch das Genick gebrochen. Am Wahlabend 2013 jubelten SPD-Anhänger, als das schlechte FDP-Ergebnis über die Bildschirme lief. Das tröstete sie über das eigene Versagen hinweg. Es stimmt: Westerwelle konnte hart und witzig austeilen. Dafür wurde er in linken Kreisen gehasst wie die Pest.

          Kaum Spuren im Auswärtigen Amt

          Mit der Nachricht über seine Krankheit verschwand Westerwelle von allen Bühnen. Bei vielen Krebspatienten unterbricht die Krankheit die Beziehungen zu den Gesunden. Viele Bekannte oder Arbeitskollegen sieht man nur wieder, wenn man überlebt. Westerwelle verbanden einmal Hunderte Fäden mit Freunden, Bekannten, anderen Politikern weltweit, Anhängern, Wählern, Gegnern und Feinden. Die meisten sind durchtrennt. Er fällt ins Vergessen. Westerwelle war Deutschlands Außenminister und fast jeden Tag im Fernsehen. Wie lange ist das her? Fünfzehn Monate oder fünfzehn Jahre? Alles ist so schnell in die Ferne entrückt: die FDP, die schwarz-gelbe Koalition, Westerwelle.

          Einige Wochen nach seinem Gang ins Krankenhaus feierte Angela Merkel in Berlin ihren sechzigsten Geburtstag. Sie sagte an diesem Abend, die Erkrankung Westerwelles zeige, „dass wir füreinander einstehen sollen in guten und in schlechten Tagen“. Das war eine liebenswerte Geste. Merkel hat Westerwelle nach dem Ausbruch seiner Krankheit besucht, ruft ihn an. Auch andere erkundigen sich bei ihm.

          Ansonsten ist Westerwelle in einem nebligen Zwischenreich verschwunden. Im Außenministerium spielt seine Amtszeit keine Rolle mehr. Westerwelle kann sich nicht durch Zwischenrufe oder Artikel in Erinnerung bringen, so wie es seine Vorgänger Fischer und Genscher seit Jahren und Jahrzehnten tun. Die weltweite Abrüstung, die ihn als Genscher-Enkel und am liebsten gemeinsam mit Präsident Obama in die Geschichtsbücher bringen sollte, ist von der politischen Tagesordnung verschwunden.

          Die dafür zuständige Abteilung im Auswärtigen Amt gibt es so nicht mehr. Westerwelles Doktrin einer „Kultur der militärischen Zurückhaltung“ wird heute als Vorwand fürs Wegsehen verworfen. Schon als Westerwelle das Außenministerium verließ, wurde geschrieben, er habe es „an Frank-Walter Steinmeier zurückgegeben“. Als hätte der SPD-Politiker es ihm nur mal kurz ausgeliehen.

          FDP zwischen Nähe  und Distanz

          Westerwelles Amtszeit, mutmaßt ein früherer Weggefährte, solle „marginalisiert“ werden. Tatsächlich bleibt wenig. Man müsse fast schon fürchten, sagt ein anderer halb im Scherz, dass Westerwelle aus den alten Fotos heraus retuschiert werde, so wie früher die politischen Gegner von Stalin und Mao. Ein außenpolitischer Experte sieht das anders: So viel Mühe würde sich mit Westerwelle doch keiner machen. Er sei dem Auswärtigen Amt ganz einfach gleichgültig.

          Bei der FDP ist das komplizierter. Denn Westerwelle hatte die Partei viele Jahre dominiert und zur Spaß- und Steuerpartei überspitzt. Jetzt will sie ganz anders werden. Trotzdem darf die Partei die Ära Westerwelle in seiner gegenwärtigen Lage nicht abschreiben. Sie muss zu ihm stehen und will sich gleichzeitig von ihm distanzieren. Das ist kaum zu schaffen.

          Als politischer Vergleichsmaßstab fehlt der kranke Westerwelle in der FDP-Debatte. Das gebietet der Anstand. Andererseits muss sich die Nachfolgegeneration dann auch nicht an Westerwelles früheren Stärken messen lassen. Vermisst wird allenthalben der beinharte Wahlkämpfer, der mitreißende Redner. Einer aus der heutigen Parteiführung sagt, vermisst werde vor allem, dass die FDP im Bundestag sitze, ob mit oder ohne Westerwelle. Der frühere FDP-Chef hatte in seiner großen Zeit geradezu einen Heldenkult um die Altvorderen betrieben und die früheren Partei-Größen wie Lambsdorff, Scheel oder Genscher mit pompösen Festen geehrt. Als Oppositionsführer posaunter er fröhlich hinaus, er wolle „Freiheitsstatue der Berliner Republik“ sein.

          Der FDP fehlt ein Redner seines Formats

          Das ist vorbei. Heute stehen FDP-Politiker als Gartenzwerge im großen Lande Merkel. Die Leuchten früherer Tage hatten Westerwelle allerdings auch falsche Wege gewiesen, etwa den ins Auswärtige Amt. 2009 hätte die FDP unbedingt das Finanzministerium erobern müssen. Das erklärt heutzutage der Parteivorsitzende Christian Lindner. Eigentlich müsste er sagen: „... hätte Westerwelle das Finanzministerium erobern müssen“. Denn Westerwelle war ja der entscheidende Mann. Stattdessen formuliert die neue Führung: „wir hätten“. So wohlmeinend eingebettet verschwindet Westerwelle im Ungefähren.

          Ab und zu taucht er schemenhaft aus dem Halbvergessen auf. Boulevardblätter präsentieren im Abstand von Monaten kleine medizinische Bulletins und Bilder: Bereits einen Monat nach der Krebs-Nachricht wurde er im Juli bei einem Reitturnier in Aachen fotografiert. „Der starke Auftritt des Guido Westerwelle“, schrieb die „Bild“-Zeitung Ende Oktober über einen kurzen Besuch bei seiner Schwiegermutter, einer Kölner Galeristin. „Der Blutkrebs ist jedoch noch nicht besiegt“, meldete das Blatt. Einige Wochen später in der Weihnachtsausgabe stand in der „Bild“: „Hier genießt Guido Westerwelle die Sonne auf Mallorca.“ Die Zeitung berichtete diesmal, Westerwelle „kommt sichtbar zu Kräften“. Das Foto sah allerdings nicht danach aus. Zuletzt, Anfang März, behauptete die „Bunte“: „Die Genesung macht große Fortschritte.“ Und: „Nach der Chemo hat er wieder sein volles Haar.“

          Westerwelle sei, so behauptete das Glamour-Blatt, „mental gut drauf und blickt voller Zuversicht in die Zukunft“. Es klang, als berste Westerwelle vor Tatendrang. Tatsächlich hat ihn das monatelange Ringen viel Kraft gekostet. Beinahe alle. Westerwelle sei „ein großer Kämpfer“, hatte Merkel gesagt, als sie von der Leukämie erfuhr. Er hat tatsächlich gekämpft. Aber nach jeder Schlacht kommt die Erschöpfung. Sie ist noch nicht besiegt. Wann Westerwelle sich wieder seinem Stiftungs-Projekt widmen kann, ist ungewiss. „Es gibt keinen Horizont für die Wahrnahme öffentlicher Termine“, heißt es auf Nachfrage in seinem Büro. So schlendert man abends auf dem Heimweg an Westerwelles Berliner Wohnung vorbei, die nie erleuchtet ist. Im Bundestag langweilen die Zwergen-Reden fast zu Tode. Alsbald möchte man sich doch wieder über Westerwelles liberale Frechheiten ärgern und sich selbst seine Verachtung gefallen lassen.

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