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Ehemaliger Außenminister : Schweigen über Westerwelle

Als politischer Vergleichsmaßstab fehlt der kranke Westerwelle in der FDP-Debatte. Das gebietet der Anstand. Andererseits muss sich die Nachfolgegeneration dann auch nicht an Westerwelles früheren Stärken messen lassen. Vermisst wird allenthalben der beinharte Wahlkämpfer, der mitreißende Redner. Einer aus der heutigen Parteiführung sagt, vermisst werde vor allem, dass die FDP im Bundestag sitze, ob mit oder ohne Westerwelle. Der frühere FDP-Chef hatte in seiner großen Zeit geradezu einen Heldenkult um die Altvorderen betrieben und die früheren Partei-Größen wie Lambsdorff, Scheel oder Genscher mit pompösen Festen geehrt. Als Oppositionsführer posaunter er fröhlich hinaus, er wolle „Freiheitsstatue der Berliner Republik“ sein.

Der FDP fehlt ein Redner seines Formats

Das ist vorbei. Heute stehen FDP-Politiker als Gartenzwerge im großen Lande Merkel. Die Leuchten früherer Tage hatten Westerwelle allerdings auch falsche Wege gewiesen, etwa den ins Auswärtige Amt. 2009 hätte die FDP unbedingt das Finanzministerium erobern müssen. Das erklärt heutzutage der Parteivorsitzende Christian Lindner. Eigentlich müsste er sagen: „... hätte Westerwelle das Finanzministerium erobern müssen“. Denn Westerwelle war ja der entscheidende Mann. Stattdessen formuliert die neue Führung: „wir hätten“. So wohlmeinend eingebettet verschwindet Westerwelle im Ungefähren.

Ab und zu taucht er schemenhaft aus dem Halbvergessen auf. Boulevardblätter präsentieren im Abstand von Monaten kleine medizinische Bulletins und Bilder: Bereits einen Monat nach der Krebs-Nachricht wurde er im Juli bei einem Reitturnier in Aachen fotografiert. „Der starke Auftritt des Guido Westerwelle“, schrieb die „Bild“-Zeitung Ende Oktober über einen kurzen Besuch bei seiner Schwiegermutter, einer Kölner Galeristin. „Der Blutkrebs ist jedoch noch nicht besiegt“, meldete das Blatt. Einige Wochen später in der Weihnachtsausgabe stand in der „Bild“: „Hier genießt Guido Westerwelle die Sonne auf Mallorca.“ Die Zeitung berichtete diesmal, Westerwelle „kommt sichtbar zu Kräften“. Das Foto sah allerdings nicht danach aus. Zuletzt, Anfang März, behauptete die „Bunte“: „Die Genesung macht große Fortschritte.“ Und: „Nach der Chemo hat er wieder sein volles Haar.“

Westerwelle sei, so behauptete das Glamour-Blatt, „mental gut drauf und blickt voller Zuversicht in die Zukunft“. Es klang, als berste Westerwelle vor Tatendrang. Tatsächlich hat ihn das monatelange Ringen viel Kraft gekostet. Beinahe alle. Westerwelle sei „ein großer Kämpfer“, hatte Merkel gesagt, als sie von der Leukämie erfuhr. Er hat tatsächlich gekämpft. Aber nach jeder Schlacht kommt die Erschöpfung. Sie ist noch nicht besiegt. Wann Westerwelle sich wieder seinem Stiftungs-Projekt widmen kann, ist ungewiss. „Es gibt keinen Horizont für die Wahrnahme öffentlicher Termine“, heißt es auf Nachfrage in seinem Büro. So schlendert man abends auf dem Heimweg an Westerwelles Berliner Wohnung vorbei, die nie erleuchtet ist. Im Bundestag langweilen die Zwergen-Reden fast zu Tode. Alsbald möchte man sich doch wieder über Westerwelles liberale Frechheiten ärgern und sich selbst seine Verachtung gefallen lassen.

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