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Ehemaliger Außenminister : Schweigen über Westerwelle

Kaum Spuren im Auswärtigen Amt

Mit der Nachricht über seine Krankheit verschwand Westerwelle von allen Bühnen. Bei vielen Krebspatienten unterbricht die Krankheit die Beziehungen zu den Gesunden. Viele Bekannte oder Arbeitskollegen sieht man nur wieder, wenn man überlebt. Westerwelle verbanden einmal Hunderte Fäden mit Freunden, Bekannten, anderen Politikern weltweit, Anhängern, Wählern, Gegnern und Feinden. Die meisten sind durchtrennt. Er fällt ins Vergessen. Westerwelle war Deutschlands Außenminister und fast jeden Tag im Fernsehen. Wie lange ist das her? Fünfzehn Monate oder fünfzehn Jahre? Alles ist so schnell in die Ferne entrückt: die FDP, die schwarz-gelbe Koalition, Westerwelle.

Einige Wochen nach seinem Gang ins Krankenhaus feierte Angela Merkel in Berlin ihren sechzigsten Geburtstag. Sie sagte an diesem Abend, die Erkrankung Westerwelles zeige, „dass wir füreinander einstehen sollen in guten und in schlechten Tagen“. Das war eine liebenswerte Geste. Merkel hat Westerwelle nach dem Ausbruch seiner Krankheit besucht, ruft ihn an. Auch andere erkundigen sich bei ihm.

Ansonsten ist Westerwelle in einem nebligen Zwischenreich verschwunden. Im Außenministerium spielt seine Amtszeit keine Rolle mehr. Westerwelle kann sich nicht durch Zwischenrufe oder Artikel in Erinnerung bringen, so wie es seine Vorgänger Fischer und Genscher seit Jahren und Jahrzehnten tun. Die weltweite Abrüstung, die ihn als Genscher-Enkel und am liebsten gemeinsam mit Präsident Obama in die Geschichtsbücher bringen sollte, ist von der politischen Tagesordnung verschwunden.

Die dafür zuständige Abteilung im Auswärtigen Amt gibt es so nicht mehr. Westerwelles Doktrin einer „Kultur der militärischen Zurückhaltung“ wird heute als Vorwand fürs Wegsehen verworfen. Schon als Westerwelle das Außenministerium verließ, wurde geschrieben, er habe es „an Frank-Walter Steinmeier zurückgegeben“. Als hätte der SPD-Politiker es ihm nur mal kurz ausgeliehen.

FDP zwischen Nähe  und Distanz

Westerwelles Amtszeit, mutmaßt ein früherer Weggefährte, solle „marginalisiert“ werden. Tatsächlich bleibt wenig. Man müsse fast schon fürchten, sagt ein anderer halb im Scherz, dass Westerwelle aus den alten Fotos heraus retuschiert werde, so wie früher die politischen Gegner von Stalin und Mao. Ein außenpolitischer Experte sieht das anders: So viel Mühe würde sich mit Westerwelle doch keiner machen. Er sei dem Auswärtigen Amt ganz einfach gleichgültig.

Bei der FDP ist das komplizierter. Denn Westerwelle hatte die Partei viele Jahre dominiert und zur Spaß- und Steuerpartei überspitzt. Jetzt will sie ganz anders werden. Trotzdem darf die Partei die Ära Westerwelle in seiner gegenwärtigen Lage nicht abschreiben. Sie muss zu ihm stehen und will sich gleichzeitig von ihm distanzieren. Das ist kaum zu schaffen.

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