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Zum Tod von Guido Westerwelle : Triumph und Niederlage

Guido Westerwelle (1961 - 2016): Sein Leben in Bildern Bild: Barbara Klemm

Guido Westerwelle war ein „political animal“; ein sich stets neu erfindender Politiker, der messerscharf formulieren und noch leidenschaftlicher polarisieren konnte. Dass die FDP unter ihm nicht nur ihre größten, sondern auch ihre schlimmsten Zeiten erlebte, hat ihn bis zuletzt geschmerzt.

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          Unter Guido Westerwelle hat die FDP ihren größten Sieg gefeiert und ihren jähsten Absturz erlebt. Abgesehen von Angela Merkel gibt es keinen anderen Politiker in Deutschland, der in den vergangenen zwanzig Jahren eine Partei so sehr geprägt hat wie dieser sich stets neu erfindende Mann. Westerwelles stärkste Phase in seinem politischen Leben waren jene als Oppositionsführer im Bundestag. Da konnte der messerscharf formulierende, leidenschaftliche Polarisierer sein ganzes Talent einbringen und die große Koalition vor sich hertreiben.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Diese Phase begann am Abend der Bundestagswahl 2005, als der FDP-Vorsitzende in der „Elefantenrunde“ im Fernsehen einem wie aufgeputscht wirkenden Gerhard Schröder gegenübersaß und beobachtete, wie dieser Angela Merkel anging, man möge doch bitte die Kirche im Dorf lasse, sie werde gewiss nicht Kanzlerin. Während die CDU-Vorsitzende seltsam irritiert wirkte, ging Westerwelle sogleich zum Gegenangriff über: „Herr Bundeskanzler, ich bin vielleicht jünger als Sie, aber nicht dümmer!“ Die FDP verweigerte sich einem Ampelbündnis und zwang damit die SPD in die große Koalition unter Merkels Führung. Es war dies die Voraussetzung dafür, aus den annähernd zehn Prozent für die FDP von 2005 vier Jahre später annähernd 15 Prozent zu machen. Nach diesem Triumph wurde Westerwelle Außenminister und Vizekanzler, womit sein politischer Abstieg begann.

          Damals, 2009, gehörte Westerwelle längst zum politischen Inventar der Bundesrepublik. Noch während der Kanzlerschaft Helmut Schmidts hatte der 1961 geborene Bonner Jura-Student die Jungliberalen mitgegründet und bald selbst übernommen. Als Prätorianergarde Hans-Dietrich Genschers unterstützte die neue Nachwuchsorganisation dessen Wende von der sozialliberalen zur christlich-liberalen Koalition. Westerwelle avancierte bald zur Kühlerfigur des sogenannten neoliberalen Zeitgeistes: frech, laut und schrill trat er auf, wobei er, der damals über seine Homosexualität noch nicht öffentlich sprach, sich über letztere Etikettierung später, nach seinem Coming out, mokierte, weil er darin eine homophobe Chiffre sah.

          Westerwelle blieb auch in den Jahren nach der Niederlegung des Juli-Vorsitzes das Gesicht der nächsten FDP-Generation. Die frühen neunziger Jahre waren für ihn eine Leidenszeit. Er beklagte, dass die Liberalen an der Seite Helmut Kohls zur reinen Funktionspartei verkämen: gesellschaftspolitisch brav und wirtschaftspolitisch mutlos. Als die Partei aus mehreren Landtagen flog, begann Westerwelles Zeit. 1994 machte ihn der damalige Parteivorsitzende Klaus Kinkel zum Generalsekretär, was dieser als Auftrag verstand, der Partei wieder ein schärferes Profil zu verleihen. Das führte unter dem Kinkel-Nachfolger Wolfgang Gerhardt unweigerlich zu Konflikten und irgendwann zu der Überlegung, nur ein Sturz Gerhardts biete einen Ausweg. Inzwischen – nach der rotgrünen Wende 1998 – war die FDP in der Opposition und suchte ihre neue Rolle. Westerwelle verbündete sich zeitweise mit Jürgen Möllemann, dem starken Mann der Partei aus Nordrhein-Westfalen, zermürbte Gerhardt und wurde 2001 der bis dahin jüngste Vorsitzende der FDP.

          Wahl Köhlers als Lebenswende

          Auch in dieser Zeit lagen Triumph und Niederlage dicht beieinander: Das Projekt 18, mit dem Westerwelle die FDP zur einer „Partei für das ganze Volk“ machen wollte (um das stigmatisierende Label der Besserverdiener-Partei zu überwinden ) wurde zunächst genährt durch Spaßpolitik: Guidomobil, Besuche im Big-Brother-Container und Talkshow-Auftritte mit Parteiwerbung auf den Schuhsohlen, kurzum: Dinge, die Westerwelle bald selbst peinlich waren. Hinzu kam, dass Möllemann, der schwierige Verbündeten, der nun zunehmend zum Konkurrenten wurde, das Projekt inhaltlich ganz anders füllte. Die Auseinandersetzung mit dem mächtigen Landesvorsitzenden aus Düsseldorf kulminierte im sogenannten Antisemitismus-Streit, illegalen Finanzierungsmethoden politischer Aktionen und schließlich dem Selbstmord Möllemanns. Damals drohte die gerade erst begonnene Karriere Westerwelles schon an ihr Ende gekommen zu sein. Stattdessen erfand er sich neu und legte das Luftikus-Kostüm ab. Die gemeinsam mit Merkel durchgesetzte Wahl Horst Köhlers zum Bundespräsidenten und das Auftreten mit seinem Lebenspartner Michael Mronz in der Öffentlichkeit markierten eine Wende im Leben Westerwelles: Das private Versteckspiel endete und beruflich ging es nun aufwärts.

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