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Zum Tod von Guido Westerwelle : Triumph und Niederlage

Wie sehr alte Images aber auch nach den Jahren, in denen er neben dem Partei- auch den Fraktionsvorsitz inne hatte, an ihm kleben blieben, spürte Westerwelle 2009, als er auf der Regierungsbank Platz nahm. Fehler, die er anfangs beging, ob im Umgang mit britischen Journalisten oder bei der Zusammensetzung seiner Wirtschaftsdelegation auf ersten Auslandsreisen, wurden ihm ohne Gnade und mit all dem Hohn und Spott des deutschen Mediensystems vorgehalten. Westerwelles trotzige Reaktion („Ihr kauft mir den Schneid nicht ab“) machte ihn in der Folge unempfänglich für berechtigte Kritik: etwa, dass es als Außenminister nicht darum geht, nur so viel über ein Dossier zu wissen, wie für eine fehlerfrei verlaufene Pressekonferenz nötig ist.

Außenministerium als Erbhof der Liberalen

Westerwelle hatte sich in den Jahren der Opposition nicht als Außenpolitiker profiliert. Er sah in dem Amt im Grunde einen Erbhof seiner Partei, mit dem eine quasi natürliche Ansehenssteigerung des Außenministers verbunden ist. Die Amtszeit Westerwelles ist allerdings rückblickend ein Beweis dafür, dass es diesen Automatismus nicht gibt. Mehr und mehr Diplomaten im Auswärtigen Amt, die das Selbstverständnis prägte, noch aus jedem Politiker einen ordentlichen Außenminister gemacht zu haben, verzweifelten an ihm.

Europapolitisch – zumal Euro-politisch – hatte das Auswärtige Amt schon vor ihm an Kompetenz verloren. Hinzu kam nun, dass Westerwelle (und Merkel) mit der Entscheidung, sich 2011 im UN-Sicherheitsrat in der Frage der Militäraktion gegen das Gaddafi-Regime in Libyen zu enthalten, Deutschland im westlichen Bündnis isolierte. Dass die Nato, vor allem London und Paris, nach den Luftschlägen das nordafrikanische Land sich selbst überließ – mit allen Folgen, die heute zu besichtigen sind –, diente ihm nachträglich noch als Rechtfertigung. Dass Berlin dies hätte verhindern können – das wollte er nicht hören. Es barg eine Tragik, dass der Beginn der Arabellion Westerwelle eigentlich die Chance geboten hatte, seiner Amtszeit ein Thema zu geben: die Unterstützung des Freiheitsstrebens der arabischen Völker und die Abwehr islamistischer Gefahren.

In der FDP hatte damals das Rumoren längst begonnen. Westerwelle, das Zugpferd von einst, war zur Belastung geworden. Im Frühjahr 2011 musste er den Parteivorsitz und das Amt des Vizekanzlers niederlegen. Freilich muss es ihn später mit ambivalenten Gefühlen erfüllt haben, dass seine Nachfolger die Krise seiner Partei noch vergrößerten. Dass die FDP, die solange wie keine andere Partei das Land regierte, im Herbst 2013 nicht wieder in den Bundestag einzog, traf Westerwelle schwer: weil er wusste, dass die Schmach vor allem mit seinem Namen verbunden bleiben werde, aber auch, weil er spürte, dass er, mit dem die Probleme angefangen hatten, ironischerweise diese Schmach hätte verhindern können. Im Wahlkampf war dem Außenminister förmlich anzusehen, wie sehr er darunter litt, die Kampagne seinem Nachfolger Philipp Rösler überlassen zu müssen.

Der Abschied aus der aktiven Politik gelang ihm, dem „political animal“, erstaunlich gut. Westerwelle gründete eine Stiftung, die den Mittelstand in Umbruchländern fördern will, und nahm Tätigkeiten in Kuratorien an. Im Frühsommer 2014 erhielt er die Diagnose akute Leukämie. Nach einer Knochenmark-Transplantation zeigte er sich ein Jahr später, als er für einige Zeit wieder Termine in Berlin wahrnahm, vorsichtig zuversichtlich, die Krankheit besiegt zu haben. Er wusste aber, dass er noch nicht über dem Berg war. „Ich habe überlebt, weil es irgendwo in Deutschland einen Menschen gibt, der mir von seinem Blut abgegeben und mir damit ein neues Leben geschenkt hat. Mein Dank ist nicht in Worte zu fassen“, schrieb er in einem Buch über seine Erkrankung. Im November musste er abermals ins Krankenhaus – zur notwendigen Medikamenten-Umstellung. Am Freitag ist Guido Westerwelle gestorben.

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