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Guido Westerwelle : Das Karussell wird sich weiter dreh’n

  • -Aktualisiert am

Auf Westerwelles Party: Der ganze Berliner Zirkus in einem Zelt Bild: dapd

Ein Geburtstag, viel Sentiment: Die Berliner Politik feiert Guido Westerwelle. Der will in der FDP wieder stärker mitmischen und „weiter für die liberale Sache kämpfen.“

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          Eigentlich war es eine Woche, in der man maritime Vergleiche besser gemieden hätte. Aber das konnte Guido Westerwelle noch nicht ahnen, als er am vergangenen Sonntag seinen Platz in der FDP „nicht auf der Brücke, aber im Maschinenraum“ ausmachte. Dachte er daran, dass der Maschinenraum auf einem sinkenden Schiff ein gefährlicher Ort sein kann? Fragte er sich, ob überhaupt noch jemand auf der Brücke steht bei der FDP?

          Wie dem auch sei. Westerwelle nutzte den Neujahrsempfang der nordrhein-westfälischen Liberalen in Düsseldorf, um sich zurückzumelden an Bord. Er will nicht länger im Beiboot der Außenpolitik neben dem Geschehen herschippern. Er will wieder dabei sein in der Partei- und Innenpolitik. Aber natürlich nur im Maschinenraum.

          Geburtstagsempfang an einem Ort der Illusionen

          Eigentlich schien Westerwelle nach seinem Sturz als Parteivorsitzender vor noch nicht einem Jahr direkten Kurs auf den Ehrenvorsitz zu nehmen. Hans-Dietrich Genscher, Wolfgang Gerhard, Klaus Kinkel - in dieser Reihe sah sich der Außenminister, mit ihnen stand er auf den Empfängen der Partei zusammen. In seinen Reden begannen die Sätze mit „In meiner Jugend...“ oder „Ich erinnere mich noch, wie...“ oder „Damals, als...“. Das ist der Fluch des frühen Erfolgs: Mit Anfang dreißig Generalsekretär, mit Mitte 40 auf dem Höhepunkt seines Erfolgs - und mit 50? Ein Jubilar.

          Der runde Geburtstag, den Westerwelle am Mittwochabend in Berlin im Kreis von 850 Gästen beging, kam zur rechten Zeit, um die Sympathie zu pflegen, die als zartes Pflänzchen für den chronisch Unsympathischen aufkeimt. Nach seinem Sturz im Frühjahr war Westerwelles Lage so prekär gewesen, dass er um sein Ministeramt bangen musste. Jetzt, da der Gegenwind abgeflaut ist, sondiert er geschickt das Gelände. Angesichts der blassen Auftritte des Parteivorsitzenden Philipp Rösler sehnt sich mancher in der FDP nach dem rhetorischen Feuer, das Westerwelle entfachen kann, nach Kampfgeist und Schlagzeilen.

          Anlässlich des Fünfzigsten hatten Partei- und Fraktionsführung zum Geburtstagsempfang geladen. Als Ort hatte man das „Tipi am Kanzleramt“ gewählt, jenen seltsamen Zirkus, der als Dauerprovisorium vor den Toren der Macht gastiert, eine Mischung aus Varieté, Kabarett und leichter Muse, ein bisschen plüschig, ein bisschen halbseiden. An diesem Ort der Illusionen gelang, was das trübsinnige Dreikönigstreffen der Liberalen in Stuttgart nicht vermocht hatte: der FDP in ihrer verzweifelten Lage ein wenig Stärkung einzuhauchen. Und wenn es nur für einen Abend war. „Die Wüste lebt“, rief im Getümmel des Festzelts der designierte Generalsekretär Patrick Döring.

          Eine Woge der Sympathie

          Alle waren gekommen. Der ganze Berliner Zirkus in einem Zelt: Die Kanzlerin, Partei- und Fraktionsvorsitzende, Minister, Freund und Feind und Parteifreund, diejenigen, die Westerwelle bei seinem Aufstieg verdrängt hatte, und diejenigen, die ihn vom Thron gestoßen hatten. Die Freunde aus der Wirtschaft, dem Showbiz, der Kunst. Und Lady Ashton, die EU-Außenbeauftragte, die ihm zurief: „Du bist ein großer Europäer!“

          An diesem Abend wollten sie eine große Familie sein, in den Festreden trübte kaum eine Spitze die allgemeine Seligkeit. Rösler sprach brav und sympathisch, der Fraktionsvorsitzende Rainer Brüderle bieder und sorgsam darauf bedacht, nur ja nicht den Gerüchten über seine Ambitionen auf den Parteivorsitz Nahrung zu geben. Die Kanzlerin krönte alles mit einer persönlichen und witzigen Ansprache.

          Und Westerwelle genoss es, genoss, wie er selbst sagte, „die schmeichelnden Worte“, das anderthalbstündige Defilée der Gratulanten, die er gemeinsam mit seinem Lebensgefährten Michael Mronz begrüßte. Er genoss die Woge der Sympathie und schließlich die eigene, nicht enden wollende Dankesrede.

          Eine Lektion für den jungen Nachfolger?

          Er hatte Rösler mit einem Händedruck und einem Schulterklopfen gedankt, er dankte Brüderle und der Kanzlerin mit herzlichen Umarmungen. In seiner Rede umarmte er alle, ob sie nun Gregor Gysi oder Edmund Stoiber heißen. Er bat sie alle um Verzeihung für Verletzungen, dafür, dass er „manchmal zu scharf im Austeilen“ gewesen sei. „Es tut mir von Herzen leid!“, rief er, und mancher gab sich keine Mühe, seine Rührung zu verbergen. Sentimentalität machte sich breit, man hatte schon so viel miteinander erlebt, Sentimentalität, die bekanntermaßen nur die andere Seite der Grausamkeit ist. „Berlin, die Stadt der Heuchler“, ließ sich im Hinausgehen ein altgedienter CSU-Politiker vernehmen, der auf seine Ministerzeit in der Hauptstadt mit nicht allzu guten Erinnerungen zurückblickt.

          Wer wollte, konnte in einer Episode, die der Jubilar zum Besten gab, doch noch eine Spitze erkennen: Westerwelle erzählte, wie er als frisch ernannter Generalsekretär zum ersten Mal an einer Koalitionssitzung teilnahm. Kohl war gerade dabei, dem jungen Mann einen guten Ratschlag zu erteilen, wie die FDP wieder auf fünf Prozent kommen könnte. „Das darf ich nicht zulassen“, habe er sich gedacht. Sonst werde man ihn nicht respektieren. Und bot dem Kanzler Paroli. War das eine Lektion für den jungen Nachfolger?

          Irgendwann schien es Westerwelle nötig, darauf hinzuweisen, dass dies sein 50. und nicht sein 80. Geburtstag sei. „Ich habe fest vor, weiter für die liberale Sache zu kämpfen!“ Er sprach von „vielen, vielen Jahren“ und davon, dass er jetzt „die mittlere Generation“ sei. „Das Karussell wird sich weiter dreh’n“ sang später Vicky Leandros. Die Achtung galt an diesem Abend dem, was Westerwelle geleistet hat. Als Hoffnungsträger wurde er nicht gefeiert. So ist es mit dem Schicksal: Es schenkt zur Unzeit. Ein halbes Leben und mehr wartet man auf irgendwas, und wenn es dann kommt, ist es zu spät.

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