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Günter Bannas : Abschied von einer F.A.Z.-Institution

  • -Aktualisiert am

Nach vier Jahrzehnten wird F.A.Z.-Korrespondent Günter Bannas unter anderem von Kanzlerin Angela Merkel und Andrea Nahles in den Ruhestand verabschiedet. Bild: Daniel Pilar

Drei Kanzler und eine Kanzlerin, knapp 10.000 Artikel – und schätzungsweise zwei Millionen gerauchter Zigaretten: Nach vierzig Jahren geht der Leiter des F.A.Z.-Hauptstadtbüros, Günter Bannas, in den Ruhestand und hinterlässt im politischen Berlin wehmütige Gesichter.

          3 Min.

          Die Straße vor dem Redaktionsgebäude der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Berlin ist für schwarze Limousinen reserviert, der erste Stock gehört den Sicherheitsleuten vom Bundeskriminalamt. Im Atrium des Hauses, einem vier Stockwerke hohen, gelb geklinkerten, überdachten Innenhof, sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit feinem Lächeln und ebensolcher Ironie: „Ich freue mich, heute Abend dabei zu sein bei diesem Staatsempfang.“

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Bundestagspräsident. Die Kanzlerin. Horst Seehofer (CSU) und Olaf Scholz (SPD), die beiden Männer, die mit ihr vergangene Woche den Koalitionsvertrag unterschrieben haben. Je eine Handvoll Minister der frisch vereidigten wie auch der abgetretenen großen Koalition. Dazu prominente Vertreter der Grünen, der Linken und der FDP, Staatsminister, Abgeordnete, aber auch die erste Garde des deutschen Politikjournalismus: In der Hauptstadtresidenz des Frankfurter Blattes wird an diesem Dienstagabend der langjährige Leiter des Berliner Büros Günter Bannas gewürdigt, der nach fast vier Jahrzehnten in den Ruhestand geht. „Wir verabschieden eine Institution“, sagt Berthold Kohler, der für die Politik zuständige Herausgeber der F.A.Z., und bekommt dafür gleich zu Beginn seiner Rede einen ersten langen Applaus. Nur wenige Sätze später erntet er für eine hingetupfte Bilanz von Bannas‘ Arbeit den ersten Lacher: drei Kanzler und eine Kanzlerin, Parteitage ohne Zahl, knapp 10.000 Artikel – und schätzungsweise zwei Millionen gerauchter Zigaretten.

          „Naja - 'ne Koryphäe“

          Auch die anderen Redner des Abends, neben der Bundeskanzlerin die SPD-Fraktionsvorsitzende und designierte Parteivorsitzende Andrea Nahles und der Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung Kurt Kister, spielen zum allgemeinen Vergnügen auf die bekannten persönlichen Eigenheiten des Hauptstadtjournalisten an, zu denen nicht nur seine Leidenschaft für filterlose Gauloises gehört, sondern auch jene für den Karneval und den 1. FC Köln. Vor allem aber wird Günter Bannas als Ausnahmejournalist gewürdigt. Es fallen Worte wie präzise, unaufgeregt, fair, unprätentiös. Andrea Nahles nennt ihn „einen ganz großen seiner Zunft“. Die Kanzlerin sagt, hoffentlich sei Bannas als jemand, der immer klar zwischen Bericht und Kommentar getrennt habe, „keine Spezies, die ausstirbt“. Der SZ-Chefredakteur sagt den bewegenden Satz: „Bis heute beneide ich die F.A.Z. um Günter Bannas.“

          Man kann nur vermuten, dass die überwältigende Resonanz auf diesen Abend, die beeindruckende Zahl der Zu- und die geringe Zahl der Absagen quer über Partei- und Redaktionsgrenzen hinweg auch etwas damit zu tun hat, dass der Abschied von Bannas eine gewisse Wehmut auslöst angesichts eines Stils, der sowohl in der Politik auch im Journalismus immer stärker verloren zu gehen droht. In Zeiten, wo viel von Lügenpresse, Fake News und alternativen Fakten die Rede sei, sagt Herausgeber Kohler, müsse das Berufsverständnis eines Günter Bannas Vorbild für die gesamte Branche sein. Viele Gäste sprechen von einem großen Verlust, immer wieder im Lauf des Abends fällt der Satz: „Er wird fehlen.“ Eckart Lohse, der Nachfolger des Fünfundsechzigjährigen als Leiter des F.A.Z.-Hauptstadtbüros sagt: „Ich wünsche mir, mit einer solchen Souveränität, wie Günter Bannas das gemacht hat, diesen Job auszufüllen.“

          Hat viel zu erzählen: Günter Bannas nimmt Abschied von der F.A.Z. Bilderstrecke

          Auf dem Geschenketisch liegen neben noch verpackten Päckchen eine Schmuckausgabe des Kapitals, ein Karnevalsorden und – aus welchen Gründen auch immer – eine Tafel „Cannabis-Chocolate“. Zu essen gibt es ein Kartoffel-Brunnenkressesüppchen und in Barolo geschmorte Kalbsbäckchen. Der erwachsene Sohn des Geehrten sagt, er sei sehr stolz auf seinen Vater. Katrin Göring-Eckardt (Grüne) und Christian Lindner (FDP), die gescheiterten Jamaika-Koalitionäre, begrüßen sich mit Wangenküsschen.  Die Fraktionsvorsitzende der Grünen erzählt zudem, dass sie Bannas vergangenes Jahr im Kölner Karneval getroffen habe, sie selbst verkleidet als Martin Schulz, man habe sich höchst angeregt unterhalten – er aber habe sie, jedenfalls zunächst nicht, erkannt. Sie lacht. Die neue Justizministerin Katharina Barley (SPD) steuert die Anekdote bei, wie sie den Büroleiter der F.A.Z. vor einigen Jahren beim 1. FC-Köln-Fanklub im Deutschen Bundestag kennengelernt habe, und auch sie berichtet von einem lockeren, angenehmen Gespräch. Beim Blick auf die Visitenkarte ihres Gegenübers – „naja“, sagt sie, „‘ne Koryphäe“ – sei sie als junge, frischgebackene Abgeordnete dann „in Ehrfurcht erstarrt“.

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