https://www.faz.net/-gpf-8zqvi

Gülen-Anhänger in Deutschland : In ständiger Angst

Eine Veranstaltung für Gülen-Anhänger in Bottrop-Ebel Bild: Leonie Feuerbach

Schon in der Nacht des Putschversuchs vor einem Jahr beschuldigte Ankara Fethullah Gülen, Urheber des Aufstands zu sein. Dessen Anhänger sehen sich auch hierzulande als Verfolgte und trauen sich nicht mehr in die Türkei.

          6 Min.

          Die vermeintlichen Verschwörer verhalten sich an diesem Abend tadellos. Weil Anhänger des islamischen Predigers Fethullah Gülen im katholischen Matthiashaus in Bottrop tagen, muss die Theatergruppe, die hier sonst probt, wieder gehen. Einer der Veranstalter, Hemd, feine Schuhe, bittet den Hausmeister um deren Kontaktdaten: Er wolle sich persönlich für die Unannehmlichkeiten entschuldigen.

          Leonie Feuerbach
          Redakteurin in der Politik.

          Höflich, verbindlich, gut angezogen: So treten die Gülen-Anhänger stets in der Öffentlichkeit auf. Kritiker monieren, die Vereinigung weise sektenartige Züge auf, sei intransparent und erzkonservativ. Dass die Bewegung hinter dem gescheiterten Putsch in der Türkei vom 15. Juli 2016 steckt, glauben hierzulande allerdings die wenigsten. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hingegen ist davon überzeugt. Und darunter leiden die Anhänger Gülens seit einem Jahr auch in Deutschland. Wie sehr, das diskutieren sie an diesem Abend in einer dörflich anmutenden Siedlung am Rand der Stadt im Ruhrgebiet.

          Die Anzahl derjenigen, die sich in Deutschland in der Bewegung engagieren, ist von fast 150.000 auf rund 70.000 zurückgegangen – so die Schätzung von Ercan Karakoyun, dem Vorsitzenden der Stiftung Dialog und Bildung, der zentralen Institution der Gülen-Bewegung in Deutschland. Viele wollen nicht mehr offen mit Hizmet (Dienst), so der offizielle Name der Bewegung, in Verbindung gebracht werden. Etwa auf Internetseiten von Schulen, Kulturvereinen oder Studentenwohnheimen.

          Türkei : Ein Jahr nach dem Putschversuch

          Die Nachhilfezentren der Bewegung in ganz Deutschland haben mehr als die Hälfte ihrer Schüler verloren. Besuchten im März 2016 noch fast 2800 Schüler die Zentren, waren es ein gutes Jahr später nur noch knapp 1250. Rund ein Viertel der einst knapp 150 Nachhilfezentren haben deshalb schon dichtgemacht. Von den rund 30 staatlichen anerkannten Privatschulen musste je eine in Ludwigsburg und Würzburg schließen. Jede einzelne Schule kämpft mit einem Schülerschwund von etwa einem Viertel. Weil durch den Rückgang an Mitgliedern und Spenden Geld fehlt, mussten viele hauptamtliche Mitarbeiter entlassen werden. Die deutsche Ausgabe der Gülen-nahen Zeitung „Zaman“ musste eingestellt werden, weil Abos und Spenden zurückgingen und redaktionelle Inhalte aus der Türkei fehlen, wo die Redaktion bereits drei Monate vor dem Putschversuch von der Polizei gestürmt worden war.

          Was nach dem Putschversuch in der Türkei passierte, ist auf Plakaten zu lesen, die Gülen-Anhänger aus ganz Nordrhein-Westfalen an den Wänden des schmucklosen Vereinshauses angebracht haben: In den vergangenen zwölf Monaten wurden in ihrem Herkunftsland rund 100.000 Personen verhaftet und 154.000 entlassen, 1000 Schulen und mehr als 1200 Wohltätigkeitsorganisationen und Stiftungen wurden geschlossen sowie 150 Zeitungen, Rundfunksender und Presse-Agenturen.

          Fast niemand traut sich noch, in die Türkei zu reisen

          Die Auswirkungen in Deutschland wirken da vergleichsweise harmlos. Dennoch ist es erschreckend, wie sehr dieser innertürkische Konflikt in den vergangenen zwölf Monaten nach Deutschland getragen wurde. In Gelsenkirchen und Duisburg wurden die Scheiben Gülen-naher Schulen zertrümmert, Anhänger der Bewegung wurden auf der Straße verprügelt. Bekannte verfeindeten sich, Familien brachen auseinander. Von den Anwesenden in Bottrop – rund 60 Personen, mehrheitlich Männer, von den Frauen viele mit Kopftuch, manche noch Schüler, manche schon grauhaarig – haben die meisten im vergangenen Jahr unangenehme Erfahrungen gemacht. Fast niemand hier traut sich noch, in die Türkei zu reisen, viele stehen auf der Terroristenliste des türkischen Geheimdienstes, wurden deshalb von den deutschen Behörden gewarnt.

          Viele haben Verwandte im Gefängnis, manche wurden von ihren Nachbarn beleidigt und bedroht. Zum Beispiel Süheda, eine 17 Jahre alte Schülerin aus Duisburg. Mit ihren Eltern lebte sie im Bezirk Marxloh in einer Gegend mit vielen Deutschtürken, in unmittelbarer Nachbarschaft einer Moschee des türkischen Dachverbands Ditib, die der türkischen Religionsbehörde Diyanet untersteht. Nach dem Putschversuch hörten die Nachbarn auf, die Familie zu grüßen. Einige beschimpften und bedrohten sie gar, den Eltern wurde das Auto zerkratzt. Dann erfuhren sie, dass die Ditib-Moschee ihre Namen nach Ankara gegeben hatte, sie künftig nicht mehr in die Türkei reisen konnten. Daraufhin seien sie umgezogen, in ein „deutsches Viertel“ Duisburgs.

          „Man hat immer Angst“

          Ein etwa sechzigjähriger Mann will nicht einmal seinen Vornamen nennen. Er ist Mitglied im Vorstand einer Gülen-nahen Schule in Duisburg. Dreimal wurden die Scheiben der Schule eingeschlagen, bis heute wurde niemand gefasst. Die ersten zwei Monate nach dem Putschversuch seien am schlimmsten gewesen. Doch bis heute werde er regelmäßig auf der Straße als Vaterlandsverräter und Terrorist beschimpft. Eine Vierundzwanzigjährige, die in Essen Mathematik und Türkisch auf Lehramt studiert, erzählt, ihr Großvater sei krank. Ihre Mutter würde ihn gerne ein letztes Mal sehen. Weil ihr Name auf der Liste des Geheimdienstes stehe, sei eine Reise in die Türkei aber zu riskant. Doch auch hier fühle sie sich nicht mehr sicher. „Man hat immer Angst.“

          Ein Redner an diesem Abend, Murat Yazgi, Ingenieur um die 30 und im Gülen-Verein „Dialog-NRW“ engagiert, ist überzeugt: Der Konflikt wird gezielt aus der Türkei angeheizt. Eine besonders unrühmliche Rolle spielen nach seiner Überzeugung die Ditib-Moscheen. Regierungstreue Imame haben Informationen über Gläubige nach Ankara weitergegeben. Regierungskritische Imame wurden teils entlassen. In der Türkei droht ihnen Verhaftung – oder zumindest Perspektivlosigkeit. Einigen türkischen Imamen wurde deshalb in Deutschland schon Asyl gewährt. An einigen Ditib-Moscheen hingen Zettel: Anhänger des Fetö-Kults, wie Erdogans Anhänger die Gülen-Bewegung nennen, hätten dort nichts verloren.

          Der türkische Geheimdienst spitzelt hierzulande, führt Listen von deutschen Gülen-Anhängern, inklusive Adressen, Telefonnummern und heimlichen Fotos. Reisen sie in die Türkei, droht ihnen Inhaftierung. Die Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD), eine Lobbyorganisation der AKP, verbreitet Angst und Hass in sozialen Netzwerken. Der Vorsitzende der UETD in der Region Essen, einer der Veranstalter der Pro-Erdogan-Demo in Köln kurz nach dem Putschversuch, schrieb etwa auf Twitter: „Ihr Ehrenlosen. Für euch gibt es keinen leichten Tod.“

          Druck aus Ankara

          Europäische Ausgaben türkischer Medien heizen die Stimmung weiter auf. Redner Yazgi hat die aktuelle Deutschland-Ausgabe der türkischen Tageszeitung „Sabah“ nach Bottrop mitgebracht. Darauf prangt eine Frankfurter Telefonnummer und der Aufruf, sie zu wählen, wolle man einen Gülen-Anhänger denunzieren. Die „Sabah“ gilt als Sprachrohr der AKP und ihres Vorsitzenden, des Präsidenten Erdogan. Viele Gülen-Anhänger sind auch überzeugt, dass die türkischen Konsulate sie ausspionieren. Oft fehlt es hierfür an Beweisen. Nicht im Fall von Genc Osman Esen und seiner Dialog-Schule in Köln-Buchheim: Das türkische Generalkonsulat wandte sich einige Wochen nach dem Putschversuch an den Bezirksbürgermeister Norbert Fuchs. Es wollte wissen, was man gegen die Schule unternehmen und wie Fuchs dabei behilflich sein könne. Der wandte sich empört an die Öffentlichkeit.

          Noch immer ist unklar, was genau sich in der Nacht vom 15. auf den 16. Juli 2016 abspielte. Ein gescheiterter Putsch, angeführt von Gülen, sagt Erdogan. Ein kontrollierter Putsch, sagt die türkische Opposition: Geheimdienst und Regierung hätten von dem Putsch gewusst, verhinderten ihn aber nicht, um eine Legitimation für die anschließenden Massenverhaftungen zu haben. Ein inszenierter Putsch unter falscher Flagge, der einen Vorwand für die Zerschlagung der Bewegung geben sollte, sagen viele der in Bottrop Anwesenden.

          Beobachter in Deutschland gehen davon aus, dass unter den Putschisten neben Kemalisten auch viele Anhänger der Bewegung waren, die ihrer ohnehin anstehenden Verhaftung zuvorkommen wollten. Dass Gülen, der seit 1999 im selbstgewählten Exil in Pennsylvania lebt, persönlich den Befehl zum Putsch erteilt hat, glauben die deutschen Behörden nicht. Bruno Kahl, Präsident des Bundesnachrichtendienstes, sagte im März dieses Jahres, es gebe keinerlei Hinweise auf eine Täterschaft Gülens. Er erklärte außerdem, die Bewegung sei keine Terrororganisation, sondern eine „zivile Vereinigung zur religiösen und säkularen Weiterbildung“. Ganz so positiv sehen viele Fachleute die Bewegung nicht. Der türkische Schriftsteller und Journalist Ahmet Sik beschrieb in seinem Buch „Die Armee des Imams“ schon vor Jahren, wie die Bewegung Geheimdienst, Armee und Justiz in der Türkei unterwandert. Aussteiger in Deutschland berichten, sie wurden dazu gedrängt, Kontakte zu einflussreichen Personen zu knüpfen, Parteien beizutreten.

          Eine lockere Verbindung Gleichgesinnter?

          Die Gülen-Anhänger in Bottrop wollen von alledem nichts wissen. Sie stellen sich als eine lockere Vereinigung Gleichgesinnter dar, ohne Mitgliedsausweise oder ähnliches. Yazgi erzählt, wie er im Studium Deutschtürken kennenlernte, die ganz anders waren: Trotz Diskriminierungserfahrung verteufelten sie die Deutschen nicht. Trotz ihrer ausgeprägten Religiosität schotteten sie sich nicht ab, gingen mit deutschen Mitstudenten in Bars und bestellten dort einfach Cola statt Bier. Das imponierte ihm und so wurde er wie sie ein Anhänger der Lehre Gülens, der die Bedeutung von Bildung betont und die Vereinbarkeit des Islams mit Demokratie und Menschenrechten.

          Wie geht es jetzt weiter? Ercan Karakoyun sagt, ihm tue es besonders um die vielen Abmeldungen von den Nachhilfezentren leid: Dort habe man vor allem bildungsferne und sozial schwache Kinder angesprochen, unter deren Eltern offenbar überproportional viele Erdogan-Anhänger seien. Dabei mache diese Unterstützung bildungsferner Familien für ihn den Beitrag der Hizmet-Bewegung in Deutschland aus. Die Gülen-nahen Privatschulen würden hingegen eher von Kindern der türkischen Mittelschicht besucht, für sie gebe es für das kommende Schuljahr wieder viele Anmeldungen. Das stimmt ihn zuversichtlich. Und auch manche der Gülen-Anhänger in Bottrop sind voller Hoffnung: Es würden inzwischen so viele Menschen in der Türkei grundlos inhaftiert, dass selbst die glühendsten Erdogan-Anhänger ein oder zwei Freunde oder Verwandte im Gefängnis hätten. Das lasse sie langsam umdenken.

          Weitere Themen

          Gespräche über Ukraine ohne Ergebnisse Video-Seite öffnen

          USA und Russland : Gespräche über Ukraine ohne Ergebnisse

          Keine Verhandlungen sondern ein Austausch von Positionen lautet das Fazit des US-Außenministers Blinken. Er und sein russischer Amtskollege Lawrow trafen sich in Genf, um dort vor allem über die Situation der Ukraine zu diskutieren.

          Topmeldungen

          Strenge Kontrollen: Teststation in Zhengzhou am 15. Januar

          Omikron in China : Post aus dem Ausland? Ab zum PCR-Test!

          Die chinesische Seuchenschutzbehörde ist in Erklärungsnot. Trotz strenger Maßnahmen gibt es immer wieder Corona-Ausbrüche. Die Schuld daran gibt sie dem üblichen Verdächtigen: dem Ausland.
          Pierin Vincenz im Februar 2015

          Schweizer Wirtschaftskrimi : Auf Spesen ins Striplokal

          Dem ehemaligen Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz drohen bis zu sechs Jahre Haft. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Banker gewerbsmäßigen Betrug und Veruntreuung vor. In der Anklage geht es nicht nur um Ausflüge in Rotlichtbars.
          EZB-Präsidentin Lagarde

          EZB-Präsidentin : Lagarde: Wir haben die Inflation unterschätzt

          Die EZB-Präsidentin hebt beim Weltwirtschaftsforum hervor: Die Notenbank müsse jetzt zumindest offen bleiben für Änderungen des Inflationsausblicks. Von anderer Seite gibt es heftige Kritik.
          Friedrich Merz im Deutschen Bundestag

          Wahl des neuen Vorsitzenden : Wohin führt Merz die CDU?

          Im dritten Anlauf erreicht Friedrich Merz endlich sein Ziel: Am Samstag wird er Bundesvorsitzender der CDU. Bis zu den anstehenden Landtagswahlen muss er eine Richtung vorgeben. Aber welche?