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Umstrittene Moschee : Beten zwischen Gärtnerei und Autowerkstatt

  • -Aktualisiert am

Immer in Richtung Mekka: Grundsteinlegung am Dienstag in Erfurt. Bild: dpa

In Erfurt hat die Ahmadiyya-Gemeinde den Grundstein für ihre erste Moschee in Ostdeutschland gelegt. Im Vorfeld schlug den Gläubigen viel Ablehnung entgegen.

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          Also für mich ist das ein Wunder“, sagt Suleman Malik, aber noch ist von dem Wunder nichts zu sehen. Am Tag vor der Grundsteinlegung steht der Sprecher der Thüringer Ahmadiyya-Muslime in einem kleinen, weißen Zelt und zeigt auf eine Mulde, in die tags darauf der Grundstein für die Erfurter Moschee gelegt werden soll. „Wir richten den Stein in Richtung Mekka aus“, erklärt Malik. „Hier wird künftig der zentrale Punkt unserer Moschee sein.“ Draußen planieren Männer mit Radlader und Rüttelplatte den Baugrund, damit während der Zeremonie niemand im Schlamm waten muss; auch ein Festzelt mit Stühlen für gut 100 Gäste haben sie aufgebaut, denn es ist ein großer Tag: Der Bundesvorsitzende der Ahmadiyya-Gemeinde, Abdullah Uwe Wagishauser, wird kommen, auch Bodo Ramelow, der Thüringer Ministerpräsident, Andreas Bausewein, der Erfurter Oberbürgermeister, sowie Vertreter der jüdischen Gemeinde und der christlichen Kirchen Thüringens.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Der Neubau in Erfurt ist – abgesehen von Berlin – der erste der Ahmadiyya-Gemeinde im Osten Deutschlands, und es war ein langer, schwieriger Weg bis hierhin. „Eine Moschee zu bauen ist so kompliziert wie ein Atomkraftwerk“, sagt Malik, der seit 17 Jahren in Thüringen lebt. Sein Vater war 1990 aus Pakistan geflohen, er hatte in Deutschland Asyl erhalten und war eher zufällig in Erfurt gelandet. Zehn Jahre später kamen seine Frau und drei Kinder nach, darunter Suleman; ein viertes Kind ist in Deutschland geboren. Inzwischen ist Suleman Malik selbst verheiratet und hat drei Kinder; die Familie lebt in einem Plattenbau-Hochhaus im Norden der Landeshauptstadt, drei Zimmer, Küche, Bad, und bis heute ist die Wohnung auch eine der Gebetsstätten der Gemeinde. Mal kommen zwei Dutzend, mal nur eine Handvoll Mitglieder zum Gebet vorbei, doch spätestens im kommenden Jahr soll das Provisorium ein Ende haben. Dann soll die Moschee stehen, mit Platz für bis zu 200 Menschen. „Sie wird unser zentraler Begegnungsort“, sagt Malik, der hofft, dass damit auch die Gemeinde wieder wächst. In den neunziger Jahren habe es in Thüringen schon mal 400 Mitglieder gegeben, zurzeit sind es kaum noch 100, überwiegend Studenten und Flüchtlinge.

          Suleman Malik
          Suleman Malik : Bild: Stefan Locke

          „Wir wollen raus aus den Hinterhöfen und endlich für alle sichtbar werden“, erzählt Malik, der mehrfach betont, wie sehr er Deutschland, das Grundgesetz und die Religionsfreiheit schätzt. Die Ahmadiyyas sind eine kleine Gemeinschaft mit hierzulande rund 45 000 Mitgliedern. Weltweit gehört der politisch liberalen, aber religiös konservativen Gemeinschaft, die etwa strikt auf die Trennung von Frauen und Männern achtet, rund ein Prozent der Muslime an. Sie wurde 1889 im von den Briten besetzten Indien gegründet und versteht sich selbst als Vertreterin eines friedlichen Islam, gilt allerdings in vielen islamischen Ländern als Sekte, deren Mitglieder verfolgt werden. „Für die Regierung in Pakistan sind wir Häretiker“, sagt Suleman Malik. Die Ahmadiyya-Gemeinde gilt dort offiziell als „unislamisch“, das Oberhaupt der weltweiten Gemeinde, der Kalif, lebt im Exil in London.

          Die religiöse Verfolgung in Pakistan werde immer schlimmer, sagt Malik und verweist auf den aktuellen Fall Asia Bibis. Die Katholikin war wegen Blasphemie 2010 zum Tode verurteilt und kürzlich freigesprochen worden, woraufhin es in dem Land tagelang gewalttätige Proteste islamistischer Fundamentalisten gab. Bibi fürchtet seitdem um ihr Leben, Deutschland hat ihr Asyl angeboten. Malik sagt, dass mindestens fünf Ahmadiyya-Mitglieder ebenfalls wegen Gotteslästerung in Pakistan in Haft säßen. Auch wegen dieser Erfahrungen schätze er Deutschland sehr. „Hier können wir unsere Religion frei leben.“ Daran änderten auch die Anfeindungen nichts, denen er und andere Gemeindemitglieder bisweilen in Erfurt ausgesetzt seien. „Ich bin schon angeschrien, getreten und bespuckt worden“, erzählt Malik. Erst am vergangenen Wochenende, als er auf dem Weg zum Bauplatz war, habe ein Moped-Fahrer neben ihm gehalten und ihn unvermittelt angespuckt.

          Das Moschee-Grundstück liegt im Norden Erfurts, in einem Gewerbegebiet am Rande des Stadtteils Marbach zwischen Feuerwehr, Stadtgärtnerei und einer Autowerkstatt. Als die Gemeinde vor vier Jahren ihre Pläne auch auf einer Einwohnerversammlung öffentlich machte, gab es sofort Widerstand. „Die Marbacher verstehen die Welt nicht mehr“, sagt eine ältere Frau, die am Bauzaun die Vorbereitungen verfolgt. Sie persönlich habe nichts gegen die Moschee, aber es gebe verbreitet Angst, dass es hier zu gewalttätigen Konflikten auch unter Muslimen kommt. Nur wenige haben offenbar eine Vorstellung eines friedlichen Islams, vielen Leuten stehen dagegen Bilder aus Fernsehen und Internet vor Augen, in denen Muslime sich entweder in die Luft sprengen oder „Allahu akbar!“ rufen.

          Die Thüringer AfD hat sich an die Spitze der Gegenbewegung gesetzt, sie initiierte eine Petition gegen das Gotteshaus, die bundesweit 5000 Menschen unterschrieben haben, und der Landesvorsitzende Björn Höcke fachte den Unmut bei einer Demonstration in der Innenstadt an. „Ich bin in Sorge, dass, vielleicht nicht morgen, dass aber vielleicht in einer nicht zu fernen Zukunft auf unserem Dom der Halbmond zu sehen sein wird“, rief er. „Und ich frage euch: Wollt ihr das?“ Seine Anhänger riefen „Nein!“ und „Niemals!“ – für sie ist die Moschee der sichtbare Beginn der „Islamisierung des Abendlandes“. Der Baubeginn sei „ein Paradebeispiel für die Ignoranz und Demokratieverachtung der Altparteien“, teilte die AfD-Fraktion am Dienstag mit; der Volkswille werde nicht beachtet. Der angekündigte Protest während der Grundsteinlegung, zu dem auch die NPD aufgerufen hatte, blieb jedoch gering.

          Mobilisierung gegen den Bau der Moschee

          Von Anfang an wurde auch im Internet gegen den Bau mobilisiert, schon bald folgten Taten: Überdimensionale Holzkreuze tauchten neben dem Gelände auf, die die fremdenfeindliche Ein-Prozent-Bewegung aufgestellt hatte, bald darauf folgten ein auf Pfählen aufgespießter Schweinekopf und -pfoten, die auf dem Grundstück verteilt wurden, und in der Innenstadt inszenierte ein Thüringer Neonazi eine Scheinhinrichtung mit Kunstblut. Auch Unterstützer traf der Protest, im September zog ein gutes Dutzend Demonstranten maskiert und zum Teil in Burkas gehüllt durch Marbach und vor das Privathaus der Landtagsabgeordneten Astrid Rothe-Beinlich. „Wir kommen wieder“ und „Das war erst der Anfang“, skandierten sie. Sie habe das als Bedrohung empfunden, sagte die Grünen-Politikerin, die auch Gespräche zwischen Anwohnern und Ahmadiyya-Vertretern moderiert hatte. Sie könne nicht verstehen, dass die Behörden eine solche vermummte Demonstration erlaubten.

          Auch Suleman Malik sagt, er verstehe nicht, warum der Rechtsstaat diese „Angriffe auf die demokratische Grundordnung“ zulasse. Die Behörden seien zwar nicht auf dem rechten Auge blind, aber sie nähmen den Protest auf die leichte Schulter. „Ich kann nachvollziehen, dass manche Menschen Wut haben, aber ich kann das nicht lösen“, sagt Malik. „Das kann nur die Politik.“ Mit Björn Höcke hat er sich einmal zum Gespräch getroffen, auf einen Konsens kamen beide nicht. Ängste, wonach der ausschließlich aus Spenden finanzierte, 650000 Euro teure Neubau Marbach überragen und fünfmal täglich der Muezzin rufen werde, hat die Gemeinde entkräftet. Die Moschee werde nicht größer sein als ein Zweifamilienhaus, die Kuppel sei sieben, das Schmuck-Minarett acht Meter hoch, sagt Malik. Allein der Feuerwehrturm gegenüber ist fast doppelt so hoch, und die Silos einer Agrarfirma auf der anderen Straßenseite ragen gut 60 Meter in den Himmel.

          Mit der Zeremonie am Dienstag ist Malik sehr zufrieden, ein fester Begegnungsort sei nun endlich in Sicht. Dass er eher abgelegen ist, stört ihn nicht, im Gegenteil. „Hier können wir ungestört, aber auch ohne zu stören, beten“, sagt er, und er ist sich sicher: „Die Moschee wird dazu dienen, Vorurteile abzubauen.“ Das sei bisher auch stets im Westen Deutschlands so gewesen, wo die Gemeinschaft bisher über mehr als 50 kleine, aber sichtbare Moscheen verfügt.

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