https://www.faz.net/-gpf-9gk2m

Umstrittene Moschee : Beten zwischen Gärtnerei und Autowerkstatt

  • -Aktualisiert am

Das Moschee-Grundstück liegt im Norden Erfurts, in einem Gewerbegebiet am Rande des Stadtteils Marbach zwischen Feuerwehr, Stadtgärtnerei und einer Autowerkstatt. Als die Gemeinde vor vier Jahren ihre Pläne auch auf einer Einwohnerversammlung öffentlich machte, gab es sofort Widerstand. „Die Marbacher verstehen die Welt nicht mehr“, sagt eine ältere Frau, die am Bauzaun die Vorbereitungen verfolgt. Sie persönlich habe nichts gegen die Moschee, aber es gebe verbreitet Angst, dass es hier zu gewalttätigen Konflikten auch unter Muslimen kommt. Nur wenige haben offenbar eine Vorstellung eines friedlichen Islams, vielen Leuten stehen dagegen Bilder aus Fernsehen und Internet vor Augen, in denen Muslime sich entweder in die Luft sprengen oder „Allahu akbar!“ rufen.

Die Thüringer AfD hat sich an die Spitze der Gegenbewegung gesetzt, sie initiierte eine Petition gegen das Gotteshaus, die bundesweit 5000 Menschen unterschrieben haben, und der Landesvorsitzende Björn Höcke fachte den Unmut bei einer Demonstration in der Innenstadt an. „Ich bin in Sorge, dass, vielleicht nicht morgen, dass aber vielleicht in einer nicht zu fernen Zukunft auf unserem Dom der Halbmond zu sehen sein wird“, rief er. „Und ich frage euch: Wollt ihr das?“ Seine Anhänger riefen „Nein!“ und „Niemals!“ – für sie ist die Moschee der sichtbare Beginn der „Islamisierung des Abendlandes“. Der Baubeginn sei „ein Paradebeispiel für die Ignoranz und Demokratieverachtung der Altparteien“, teilte die AfD-Fraktion am Dienstag mit; der Volkswille werde nicht beachtet. Der angekündigte Protest während der Grundsteinlegung, zu dem auch die NPD aufgerufen hatte, blieb jedoch gering.

Mobilisierung gegen den Bau der Moschee

Von Anfang an wurde auch im Internet gegen den Bau mobilisiert, schon bald folgten Taten: Überdimensionale Holzkreuze tauchten neben dem Gelände auf, die die fremdenfeindliche Ein-Prozent-Bewegung aufgestellt hatte, bald darauf folgten ein auf Pfählen aufgespießter Schweinekopf und -pfoten, die auf dem Grundstück verteilt wurden, und in der Innenstadt inszenierte ein Thüringer Neonazi eine Scheinhinrichtung mit Kunstblut. Auch Unterstützer traf der Protest, im September zog ein gutes Dutzend Demonstranten maskiert und zum Teil in Burkas gehüllt durch Marbach und vor das Privathaus der Landtagsabgeordneten Astrid Rothe-Beinlich. „Wir kommen wieder“ und „Das war erst der Anfang“, skandierten sie. Sie habe das als Bedrohung empfunden, sagte die Grünen-Politikerin, die auch Gespräche zwischen Anwohnern und Ahmadiyya-Vertretern moderiert hatte. Sie könne nicht verstehen, dass die Behörden eine solche vermummte Demonstration erlaubten.

Auch Suleman Malik sagt, er verstehe nicht, warum der Rechtsstaat diese „Angriffe auf die demokratische Grundordnung“ zulasse. Die Behörden seien zwar nicht auf dem rechten Auge blind, aber sie nähmen den Protest auf die leichte Schulter. „Ich kann nachvollziehen, dass manche Menschen Wut haben, aber ich kann das nicht lösen“, sagt Malik. „Das kann nur die Politik.“ Mit Björn Höcke hat er sich einmal zum Gespräch getroffen, auf einen Konsens kamen beide nicht. Ängste, wonach der ausschließlich aus Spenden finanzierte, 650000 Euro teure Neubau Marbach überragen und fünfmal täglich der Muezzin rufen werde, hat die Gemeinde entkräftet. Die Moschee werde nicht größer sein als ein Zweifamilienhaus, die Kuppel sei sieben, das Schmuck-Minarett acht Meter hoch, sagt Malik. Allein der Feuerwehrturm gegenüber ist fast doppelt so hoch, und die Silos einer Agrarfirma auf der anderen Straßenseite ragen gut 60 Meter in den Himmel.

Mit der Zeremonie am Dienstag ist Malik sehr zufrieden, ein fester Begegnungsort sei nun endlich in Sicht. Dass er eher abgelegen ist, stört ihn nicht, im Gegenteil. „Hier können wir ungestört, aber auch ohne zu stören, beten“, sagt er, und er ist sich sicher: „Die Moschee wird dazu dienen, Vorurteile abzubauen.“ Das sei bisher auch stets im Westen Deutschlands so gewesen, wo die Gemeinschaft bisher über mehr als 50 kleine, aber sichtbare Moscheen verfügt.

Weitere Themen

Konflikt um Nagornyi Karabach eskaliert weiter Video-Seite öffnen

Armenien gegen Aserbaidschan : Konflikt um Nagornyi Karabach eskaliert weiter

Der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan über die Region Nagornyi Karabach eskaliert weiter. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron warf der Türkei vor, dschihadistische Kämpfer aus Syrien über ihr Staatsgebiet nach Nagornyi Karabach reisen zu lassen, um Aserbaidschan zu unterstützen.

Topmeldungen

Spuren der Verwüstung: Ein Mann steht in einem zerstörten Mehrfamilienhaus in Tartar, Aserbaidschan.

Rohstoffförderer Aserbaidschan : Der Krieg einer Öl-Macht

Aserbaidschan liefert wichtige Rohstoffe nach Europa. Ein militärischer Konflikt mit Armenien könnte die Handelsbeziehungen nun gefährden. Die Türkei will das verhindern – aus eigenem Interesse.
Ein Schlauchboot, mit dem Migranten über den Ärmelkanal nach Großbritannien übergesetzt sind.

London will abschrecken : Fähren für Asylbewerber?

Immer mehr Migranten erreichen Großbritannien über den Ärmelkanal. Die Regierung will die Migration jetzt eindämmen. Auch die Einrichtung von Asylzentren auf Papua Neuguinea soll dafür im Gespräch gewesen sein.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.