https://www.faz.net/-gpf-7rc96

Sprachnotstand an Grundschulen : Unsere Kinder verlernen das Schreiben

Fast überall im Land schreiben Schüler lange so, wie sie es gehört haben – und werden nicht korrigiert. Ein Fehler? Bild: Jerome Gorin/PhotoAlto/laif

In Deutschland dürfen Grundschüler fast überall drei Jahre lang so schreiben, wie sie wollen - und werden nicht korrigiert. Nicht nur viele Lehrer warnen vor drastischen Folgen.

          6 Min.

          „Was möchtest du heute machen, ein Schleichdiktat oder eine Rechenaufgabe?“, fragt die Lehrerin einer Berliner Grundschule. „Ich möchte an meiner Osterkerze weiterbasteln“, antwortet der Schüler und sucht sich Wachsplatten und eine Schere aus einem Kasten. Ein Mädchen hat sich für das Schleichdiktat entschieden. Das Schleichen ist durchaus wörtlich zu verstehen. An der Eingangstür hängen Sätze, die sie lesen, sich auf dem Rückweg zu ihrem Platz merken und in ihr Heft schreiben soll. Am Ende soll sie die Sätze selbst korrigieren, denn die meisten Schüler finden viele Rechtschreibfehler in ihrer „Abschrift“. „Wenn sie Geschichten schreiben, dürfen sie auch phonetisch schreiben. Da spielt die Rechtschreibung keine Rolle“, erläutert die Lehrerin.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          In der Klasse findet ein jahrgangsübergreifender Unterricht statt, zudem lernen behinderte Kinder zusammen mit nichtbehinderten. Die junge Lehrerin ist überzeugt vom Konzept des jahrgangsübergreifenden Lernens, auf diese Weise fühle sich kein Kind zurückgesetzt. Es sei eine elegante Lösung für sehr gute Schüler und solche, die viel länger brauchten. Dass sie alle Rechtschreibhefte korrigiert und auch schon während der ersten drei Schuljahre auf regeltreue Schreibung achtet, dürfte schon eine Besonderheit sein. Andere korrigieren die lautgetreue Schreibung überhaupt nicht.

          Einige Didaktiker, die sich mit dem jahrgangsübergreifenden Lernen beschäftigt haben, sind der Meinung, dieses müsse jedes Kind an seine Leistungsgrenze bringen - je nach Ausgangslage. Doch wie soll das in einer Klasse mit zwanzig Schülern oder mehr und einer Lehrerin und einer Erzieherin gelingen? Wie soll in solchen Klassen noch Rechtschreibung gelehrt und gekonnt werden, wenn es sich nicht um Schüler handelt, die über ein ausgesprochen fotografisches Gedächtnis verfügen und unter noch so misslichen Bedingungen lernen?

          Manche Lehrer sind selbst schwach in Rechtschreibung

          In nahezu allen Bundesländern wird in den ersten drei Schuljahren weitgehend phonetisch geschrieben; im vierten Schuljahr hagelt es dann plötzlich schlechte Noten im Deutschunterricht, weil nun die korrekte Orthographie zu bewerten ist. Vorher wurde lautgetreu geschrieben und nur verbal beurteilt. Selbst Bayern hat es vor kurzem als große Neuigkeit ausgegeben, dass nun auch in den ersten drei Schuljahren wieder regelgetreu geschrieben werden darf, wenn der Lehrer sich dafür entscheidet - natürlich ohne das Schreiben nach Gehör mit seinen abenteuerlichen Ergebnissen abzuschaffen. Diktate werden schon lange nicht mehr geschrieben. Die Schüler wachsen mit dem Gefühl auf, dass Rechtschreibung nicht so wichtig sei - und mit dem Zwiespalt, dass sie richtig geschriebene Worte in Büchern lesen und falsch geschriebene an der Tafel oder in Schulheften.

          An einigen Berliner Grundschulen, so ist von Lehrern zu hören, steigt die Anzahl der Kinder mit vermeintlichen Lese-Rechtschreib-Schwächen (LRS) erheblich. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sie sich häufig als Kinder, die vermutlich von Anfang an einen systematischen Rechtschreibunterricht mit viel Übung und Korrektur gebraucht hätten und mit dem schnellen Wechsel im vierten Schuljahr - das gilt selbst für Berlin, wo die Grundschule sechs Jahre lang dauert - nicht zurecht gekommen sind. Viele Lehrer, die jahrgangsübergreifend die ersten drei Schuljahre unterrichten, wüssten kaum, was die Schüler eigentlich in der vierten bis sechsten Klasse können müssten, häufig seien sie selbst schwach in Rechtschreibung oder kennten die Satzglieder nicht, klagt eine ältere Lehrerin. Eine adverbiale Bestimmung sei für manche schon ein Problem, so die Lehrerin an einer der vielen anderen Grundschulen.

          Mit Phantasienoten aufs Gymnasium

          Nachdem die Frage nach LRS-Kindern gestellt worden ist, wird der F.A.Z. sogleich der Schulbesuch verweigert; dazu werde man ohnehin nichts sagen. In der Schulbehörde, so wird bestätigt, würden keine Zahlen zur Lese-Rechtschreib-Schwäche erhoben und Befunde über den Zusammenhang von jahrgangsübergreifendem Unterricht und Leistungsentwicklung seien erst in einem Jahr zu erwarten. Die Schulinspektion allerdings schaut bei ihren regelmäßigen Besuchen nach der Sozialform des Unterrichts und hält in Tabellen fest, wie viel Frontalunterricht, Einzelarbeit, Partner- oder Gruppenarbeit dort stattfinden.

          Der Rektor der Mühlenau-Schule in einem bürgerlichen Wohnbezirk ist stolz auf die Inklusion und den jahrgangsübergreifenden Unterricht. Wenn er von Frontalunterricht spricht, verrät schon sein Gesichtsausdruck, was er davon hält. An anderen Grundschulen spaltet die Frage nach dem jahrgangsübergreifenden Lernen, zu dem der damalige Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) die Schulen weitgehend verpflichtet hat, das Kollegium. Eigentlich waren einmal zwei Lehrer für diese Unterrichtsform vorgesehen, heute sind es ein Lehrer und ein Erzieher.

          Eine erfahrene Grundschullehrerin ist überzeugt davon, dass sich das jahrgangsübergreifende Lernen auf alle basalen Fähigkeiten des Lesens, Schreibens und Rechnens negativ ausgewirkt hat. Viele Schulen haben es inzwischen auch wieder abgeschafft. „Die einzige Zwei hat ein russischer Schüler geschrieben, der erst zweieinhalb Jahre in Deutschland ist, alle anderen haben schlechter abgeschnitten“, berichtet sie von einer Grammatikarbeit für Viertklässler. Es handelt sich nicht etwa um einen Problembezirk, sondern um eine Wilmersdorfer Schule. Gefragt waren nur einfache deutsche Konjugationen, Deklinationen, dazu waren Präpositionen und Attribute in Beispielsätzen zu bestimmen sowie Adjektive und adverbiale Bestimmungen zu unterscheiden, also ganz gewöhnlicher Lehrstoff der vierten Grundschulklasse. Am Ende der Grundschule in der sechsten Klasse würden die Kinder mit Phantasienoten an das Gymnasium entlassen, scheiterten dort zumeist und müssten wieder an die Sekundarschule wechseln, so die Lehrerin. Was die Kinder gut könnten, sei das Präsentieren, das hätten sie geübt, auch die Leseleistung sei nicht schlecht, die Rechtschreibung dagegen katastrophal.

          Von Überforderung kann keine Rede sein

          Der neueste Länderbericht mit der Auswertung der Vergleichsarbeit Vera in der dritten Klasse gibt ihr recht. Daraus geht hervor, dass in Berlin dritte Klassen bis zu 75 Prozent den Mindeststandard bei den Lesekompetenzen verfehlen, von der Rechtschreibung gar nicht zu reden. Anonym geben selbst Vertreter übergeordneter Stellen zu, dass die Klarheit über Ziele des Grundschulunterrichts in Berlin schon seit Jahren nicht mehr systematisch abgefordert wurde. Bis auf wenige Ausnahmen - häufig Lehrer, die schon seit einigen Jahrzehnten im Schuldienst sind.

          Eine der wenigen Schulen, die dem jahrgangsübergreifenden Lernen aufgrund eines einstimmigen Kollegiumsbeschlusses immer widerstanden hat, ist die Erich-Kästner-Schule in Dahlem, die auch viele Kinder aus Steglitz anzieht. Nicht nur einmal wurde seine Schule als Ausreißer im Abgeordnetenhaus vorgeführt, als es um die Einführung des jahrgangsübergreifenden Lernens ging. Daran wäre der Rektor beinahe zerbrochen. Denn solchen Druck hatte der aus der DDR kommende Schulleiter nach der Wende nicht mehr für möglich gehalten. Er hält nichts von Excel-Pädagogik nach Berechnungen, sondern will, dass seine Schüler sich wertgeschätzt fühlen. Für ausländische Schüler findet er mit dem Kollegium Ausnahmelösungen, weil seine Schule für diese Kinder kein zusätzliches Geld bekommt.

          Die Kästner-Schule genießt bei den Eltern den Ruf, mehr zu verlangen. „Na ja, da gehen die Bildungsaffinen hin“, sagt ein Lehrer einer Nachbarschule, als wollte er noch hinzufügen, dass das in diesem Einzugsbereich auch kein Kunststück sei. Dabei gibt es an der Schule auch viele Kinder, die frühmorgens im Hort abgegeben und spätabends wieder abgeholt werden und ähnliche Schwierigkeiten haben wie Kinder aus bildungsfernen Familien. Dass den Schülern hier etwas abverlangt wird, ist offenkundig, von Überforderung kann allerdings nicht die Rede sein. Jedenfalls ist es keine Seltenheit, dass ganze Klassen nach dem vierten Schuljahr in ein humanistisches Gymnasium wechseln, sie können dort dem Unterricht folgen und ersparen sich das deprimierende Scheitern mit einem Wechsel auf die Sekundarschule.

          Kinder in diesem Alter wollen wie Erwachsene behandelt werden

          An diesem Morgen betritt die Musiklehrerin den Klassenraum. Die Schüler stehen auf und beginnen mit einem Lied: „Alle Vögel sind schon da.“ Das macht ihnen sichtlich Spaß. Danach wird die Geschichte weitergelesen, die in den Wochen davor begonnen wurde, bis eine kleine Sanduhr durchgelaufen ist. Dann heftet die Lehrerin einige Gemälde des niederländischen Konstruktivisten Piet Mondrian an die Tafel. Die Schüler sollen eine Ausstellung zusammenstellen. „Ich würde die Bilder mit dem gleichen Stil zusammenhängen“, sagt eine Schülerin. Dann geht es um Stil, um abstrakte Kunst. Abstraktheit zu erklären ist für Viertklässler nicht einfach. Immer wieder setzt eine Schülerin an zu einem Vergleich, der immer konkret ausfällt, bis eine Erklärung gefunden ist. Es handle sich um Nomen, die man denken, aber nicht anfassen kann. Damit können die Schüler etwas anfangen. Sie verteilen die Bilder auf Tischen und gehen dann umher, um ihre Lieblingsbilder zu markieren. Später werden Musikgrafiken zunächst beschrieben, eine abgezeichnet und später im Musikraum mit Instrumenten zum Klingen gebracht. Es ist ein abwechslungsreicher Vormittag mit viel Bewegung, reger Beteiligung der Schüler bei subtiler Lehrerleitung. Diszipliniert geht es zu, aber auch lebhaft und kreativ. Denn es galt ja, gemeinsam zu überlegen, wie die abstrakten Linien in Klänge gebracht werden können.

          Nach dieser Phase mit experimenteller Musik folgt noch eine Stunde Grammatikunterricht bis 13.30 Uhr. Die meisten Schüler sind schon ein wenig müde. Einige bekommen ein Schild mit einem Wort eines Satzes umgehängt. Sie stellen sich im Klassenraum so auf, dass der Satz einen Sinn gibt. Überrascht stellen sie fest, dass es mehrere Möglichkeiten gibt, und wechseln die Stellung, lernen dabei noch die Satzteile mit den lateinischen Bezeichnungen. „Vorsichtig führt Antonia ihren kleinen Bruder an der Hand über die breite Straße“, lautet eine Lösung. „Über die breite Straße führt Antonia ihren kleinen Bruder vorsichtig an der Hand“, eine andere. Jetzt stellt sich auch heraus, dass das Satzglied, das nie wechseln musste, das Prädikat war. „Man muss das Niveau oben ansetzen, dann fühlen sie sich ernst genommen und gehen auch mit, ein Schwächerer wird mitgerissen“, sagt die Lehrerin. Von Schonhaltungen will sie nichts wissen. Kinder in diesem Alter wollten ohnehin wie Erwachsene behandelt werden, sagt sie.

          Weitere Themen

          Chinas Präsident Xi warnt vor „neuem Kalten Krieg“ Video-Seite öffnen

          Digitale Ansprache : Chinas Präsident Xi warnt vor „neuem Kalten Krieg“

          Chinas Präsident Xi Jinping hat Spitzen von Politik und Wirtschaft vor einem „neuem Kalten Krieg“ gewarnt. Eine solche Konfrontation werde „in einer Sackgasse“ enden, sagte Xi in einer digital übertragenen Ansprache an die Teilnehmer des diesjährigen Weltwirtschaftsforums.

          Topmeldungen

          Ob er gerade spielt? Ramelow im Juli 2020 im Thüringer Landtag

          PR-Profis auf Clubhouse : Besser als „Bodo“

          Clubhouse gilt als Trend-App und hat in Deutschland nun das erste PR-Desaster verursacht. Wie verhält man sich richtig in den virtuellen Quasselrunden? Wie aktiv sind die PR-Agenturen schon? Und lohnt es sich, dabei zu sein?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.