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Sprachnotstand an Grundschulen : Unsere Kinder verlernen das Schreiben

Fast überall im Land schreiben Schüler lange so, wie sie es gehört haben – und werden nicht korrigiert. Ein Fehler? Bild: Jerome Gorin/PhotoAlto/laif

In Deutschland dürfen Grundschüler fast überall drei Jahre lang so schreiben, wie sie wollen - und werden nicht korrigiert. Nicht nur viele Lehrer warnen vor drastischen Folgen.

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          „Was möchtest du heute machen, ein Schleichdiktat oder eine Rechenaufgabe?“, fragt die Lehrerin einer Berliner Grundschule. „Ich möchte an meiner Osterkerze weiterbasteln“, antwortet der Schüler und sucht sich Wachsplatten und eine Schere aus einem Kasten. Ein Mädchen hat sich für das Schleichdiktat entschieden. Das Schleichen ist durchaus wörtlich zu verstehen. An der Eingangstür hängen Sätze, die sie lesen, sich auf dem Rückweg zu ihrem Platz merken und in ihr Heft schreiben soll. Am Ende soll sie die Sätze selbst korrigieren, denn die meisten Schüler finden viele Rechtschreibfehler in ihrer „Abschrift“. „Wenn sie Geschichten schreiben, dürfen sie auch phonetisch schreiben. Da spielt die Rechtschreibung keine Rolle“, erläutert die Lehrerin.

          Heike Schmoll
          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          In der Klasse findet ein jahrgangsübergreifender Unterricht statt, zudem lernen behinderte Kinder zusammen mit nichtbehinderten. Die junge Lehrerin ist überzeugt vom Konzept des jahrgangsübergreifenden Lernens, auf diese Weise fühle sich kein Kind zurückgesetzt. Es sei eine elegante Lösung für sehr gute Schüler und solche, die viel länger brauchten. Dass sie alle Rechtschreibhefte korrigiert und auch schon während der ersten drei Schuljahre auf regeltreue Schreibung achtet, dürfte schon eine Besonderheit sein. Andere korrigieren die lautgetreue Schreibung überhaupt nicht.

          Einige Didaktiker, die sich mit dem jahrgangsübergreifenden Lernen beschäftigt haben, sind der Meinung, dieses müsse jedes Kind an seine Leistungsgrenze bringen - je nach Ausgangslage. Doch wie soll das in einer Klasse mit zwanzig Schülern oder mehr und einer Lehrerin und einer Erzieherin gelingen? Wie soll in solchen Klassen noch Rechtschreibung gelehrt und gekonnt werden, wenn es sich nicht um Schüler handelt, die über ein ausgesprochen fotografisches Gedächtnis verfügen und unter noch so misslichen Bedingungen lernen?

          Manche Lehrer sind selbst schwach in Rechtschreibung

          In nahezu allen Bundesländern wird in den ersten drei Schuljahren weitgehend phonetisch geschrieben; im vierten Schuljahr hagelt es dann plötzlich schlechte Noten im Deutschunterricht, weil nun die korrekte Orthographie zu bewerten ist. Vorher wurde lautgetreu geschrieben und nur verbal beurteilt. Selbst Bayern hat es vor kurzem als große Neuigkeit ausgegeben, dass nun auch in den ersten drei Schuljahren wieder regelgetreu geschrieben werden darf, wenn der Lehrer sich dafür entscheidet - natürlich ohne das Schreiben nach Gehör mit seinen abenteuerlichen Ergebnissen abzuschaffen. Diktate werden schon lange nicht mehr geschrieben. Die Schüler wachsen mit dem Gefühl auf, dass Rechtschreibung nicht so wichtig sei - und mit dem Zwiespalt, dass sie richtig geschriebene Worte in Büchern lesen und falsch geschriebene an der Tafel oder in Schulheften.

          An einigen Berliner Grundschulen, so ist von Lehrern zu hören, steigt die Anzahl der Kinder mit vermeintlichen Lese-Rechtschreib-Schwächen (LRS) erheblich. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sie sich häufig als Kinder, die vermutlich von Anfang an einen systematischen Rechtschreibunterricht mit viel Übung und Korrektur gebraucht hätten und mit dem schnellen Wechsel im vierten Schuljahr - das gilt selbst für Berlin, wo die Grundschule sechs Jahre lang dauert - nicht zurecht gekommen sind. Viele Lehrer, die jahrgangsübergreifend die ersten drei Schuljahre unterrichten, wüssten kaum, was die Schüler eigentlich in der vierten bis sechsten Klasse können müssten, häufig seien sie selbst schwach in Rechtschreibung oder kennten die Satzglieder nicht, klagt eine ältere Lehrerin. Eine adverbiale Bestimmung sei für manche schon ein Problem, so die Lehrerin an einer der vielen anderen Grundschulen.

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