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Sprachnotstand an Grundschulen : Unsere Kinder verlernen das Schreiben

Die Kästner-Schule genießt bei den Eltern den Ruf, mehr zu verlangen. „Na ja, da gehen die Bildungsaffinen hin“, sagt ein Lehrer einer Nachbarschule, als wollte er noch hinzufügen, dass das in diesem Einzugsbereich auch kein Kunststück sei. Dabei gibt es an der Schule auch viele Kinder, die frühmorgens im Hort abgegeben und spätabends wieder abgeholt werden und ähnliche Schwierigkeiten haben wie Kinder aus bildungsfernen Familien. Dass den Schülern hier etwas abverlangt wird, ist offenkundig, von Überforderung kann allerdings nicht die Rede sein. Jedenfalls ist es keine Seltenheit, dass ganze Klassen nach dem vierten Schuljahr in ein humanistisches Gymnasium wechseln, sie können dort dem Unterricht folgen und ersparen sich das deprimierende Scheitern mit einem Wechsel auf die Sekundarschule.

Kinder in diesem Alter wollen wie Erwachsene behandelt werden

An diesem Morgen betritt die Musiklehrerin den Klassenraum. Die Schüler stehen auf und beginnen mit einem Lied: „Alle Vögel sind schon da.“ Das macht ihnen sichtlich Spaß. Danach wird die Geschichte weitergelesen, die in den Wochen davor begonnen wurde, bis eine kleine Sanduhr durchgelaufen ist. Dann heftet die Lehrerin einige Gemälde des niederländischen Konstruktivisten Piet Mondrian an die Tafel. Die Schüler sollen eine Ausstellung zusammenstellen. „Ich würde die Bilder mit dem gleichen Stil zusammenhängen“, sagt eine Schülerin. Dann geht es um Stil, um abstrakte Kunst. Abstraktheit zu erklären ist für Viertklässler nicht einfach. Immer wieder setzt eine Schülerin an zu einem Vergleich, der immer konkret ausfällt, bis eine Erklärung gefunden ist. Es handle sich um Nomen, die man denken, aber nicht anfassen kann. Damit können die Schüler etwas anfangen. Sie verteilen die Bilder auf Tischen und gehen dann umher, um ihre Lieblingsbilder zu markieren. Später werden Musikgrafiken zunächst beschrieben, eine abgezeichnet und später im Musikraum mit Instrumenten zum Klingen gebracht. Es ist ein abwechslungsreicher Vormittag mit viel Bewegung, reger Beteiligung der Schüler bei subtiler Lehrerleitung. Diszipliniert geht es zu, aber auch lebhaft und kreativ. Denn es galt ja, gemeinsam zu überlegen, wie die abstrakten Linien in Klänge gebracht werden können.

Nach dieser Phase mit experimenteller Musik folgt noch eine Stunde Grammatikunterricht bis 13.30 Uhr. Die meisten Schüler sind schon ein wenig müde. Einige bekommen ein Schild mit einem Wort eines Satzes umgehängt. Sie stellen sich im Klassenraum so auf, dass der Satz einen Sinn gibt. Überrascht stellen sie fest, dass es mehrere Möglichkeiten gibt, und wechseln die Stellung, lernen dabei noch die Satzteile mit den lateinischen Bezeichnungen. „Vorsichtig führt Antonia ihren kleinen Bruder an der Hand über die breite Straße“, lautet eine Lösung. „Über die breite Straße führt Antonia ihren kleinen Bruder vorsichtig an der Hand“, eine andere. Jetzt stellt sich auch heraus, dass das Satzglied, das nie wechseln musste, das Prädikat war. „Man muss das Niveau oben ansetzen, dann fühlen sie sich ernst genommen und gehen auch mit, ein Schwächerer wird mitgerissen“, sagt die Lehrerin. Von Schonhaltungen will sie nichts wissen. Kinder in diesem Alter wollten ohnehin wie Erwachsene behandelt werden, sagt sie.

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