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Sprachnotstand an Grundschulen : Unsere Kinder verlernen das Schreiben

Mit Phantasienoten aufs Gymnasium

Nachdem die Frage nach LRS-Kindern gestellt worden ist, wird der F.A.Z. sogleich der Schulbesuch verweigert; dazu werde man ohnehin nichts sagen. In der Schulbehörde, so wird bestätigt, würden keine Zahlen zur Lese-Rechtschreib-Schwäche erhoben und Befunde über den Zusammenhang von jahrgangsübergreifendem Unterricht und Leistungsentwicklung seien erst in einem Jahr zu erwarten. Die Schulinspektion allerdings schaut bei ihren regelmäßigen Besuchen nach der Sozialform des Unterrichts und hält in Tabellen fest, wie viel Frontalunterricht, Einzelarbeit, Partner- oder Gruppenarbeit dort stattfinden.

Der Rektor der Mühlenau-Schule in einem bürgerlichen Wohnbezirk ist stolz auf die Inklusion und den jahrgangsübergreifenden Unterricht. Wenn er von Frontalunterricht spricht, verrät schon sein Gesichtsausdruck, was er davon hält. An anderen Grundschulen spaltet die Frage nach dem jahrgangsübergreifenden Lernen, zu dem der damalige Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) die Schulen weitgehend verpflichtet hat, das Kollegium. Eigentlich waren einmal zwei Lehrer für diese Unterrichtsform vorgesehen, heute sind es ein Lehrer und ein Erzieher.

Eine erfahrene Grundschullehrerin ist überzeugt davon, dass sich das jahrgangsübergreifende Lernen auf alle basalen Fähigkeiten des Lesens, Schreibens und Rechnens negativ ausgewirkt hat. Viele Schulen haben es inzwischen auch wieder abgeschafft. „Die einzige Zwei hat ein russischer Schüler geschrieben, der erst zweieinhalb Jahre in Deutschland ist, alle anderen haben schlechter abgeschnitten“, berichtet sie von einer Grammatikarbeit für Viertklässler. Es handelt sich nicht etwa um einen Problembezirk, sondern um eine Wilmersdorfer Schule. Gefragt waren nur einfache deutsche Konjugationen, Deklinationen, dazu waren Präpositionen und Attribute in Beispielsätzen zu bestimmen sowie Adjektive und adverbiale Bestimmungen zu unterscheiden, also ganz gewöhnlicher Lehrstoff der vierten Grundschulklasse. Am Ende der Grundschule in der sechsten Klasse würden die Kinder mit Phantasienoten an das Gymnasium entlassen, scheiterten dort zumeist und müssten wieder an die Sekundarschule wechseln, so die Lehrerin. Was die Kinder gut könnten, sei das Präsentieren, das hätten sie geübt, auch die Leseleistung sei nicht schlecht, die Rechtschreibung dagegen katastrophal.

Von Überforderung kann keine Rede sein

Der neueste Länderbericht mit der Auswertung der Vergleichsarbeit Vera in der dritten Klasse gibt ihr recht. Daraus geht hervor, dass in Berlin dritte Klassen bis zu 75 Prozent den Mindeststandard bei den Lesekompetenzen verfehlen, von der Rechtschreibung gar nicht zu reden. Anonym geben selbst Vertreter übergeordneter Stellen zu, dass die Klarheit über Ziele des Grundschulunterrichts in Berlin schon seit Jahren nicht mehr systematisch abgefordert wurde. Bis auf wenige Ausnahmen - häufig Lehrer, die schon seit einigen Jahrzehnten im Schuldienst sind.

Eine der wenigen Schulen, die dem jahrgangsübergreifenden Lernen aufgrund eines einstimmigen Kollegiumsbeschlusses immer widerstanden hat, ist die Erich-Kästner-Schule in Dahlem, die auch viele Kinder aus Steglitz anzieht. Nicht nur einmal wurde seine Schule als Ausreißer im Abgeordnetenhaus vorgeführt, als es um die Einführung des jahrgangsübergreifenden Lernens ging. Daran wäre der Rektor beinahe zerbrochen. Denn solchen Druck hatte der aus der DDR kommende Schulleiter nach der Wende nicht mehr für möglich gehalten. Er hält nichts von Excel-Pädagogik nach Berechnungen, sondern will, dass seine Schüler sich wertgeschätzt fühlen. Für ausländische Schüler findet er mit dem Kollegium Ausnahmelösungen, weil seine Schule für diese Kinder kein zusätzliches Geld bekommt.

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