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Grünen-Politikerin Touré : „Ich bin nicht euer Feigenblatt“

Die Grünen-Abgeordnete Aminata Touré wird nach der Sommerpause Vizepräsidentin des Kieler Landetages. Bild: dpa

Die Grünen-Politikerin Aminata Touré ist 26 Jahre alt, wuchs in einer Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge auf und ist seit Mittwoch Landtags-Vizepräsidentin in Kiel. Eine Herausforderung ist sie auch für ihre eigene Partei.

          Es gebe bestimmte Biographien, bei denen es realistischer sei, dass man in der Politik lande, sagt Aminata Touré. Und dann gibt es eben ihre. Geboren wurde sie Ende 1992 in Neumünster, ihre Eltern waren aus Mali geflohen. Einige Jahre lebte die Familie in einer Gemeinschaftsunterkunft. Lange war nicht klar, ob sie in Deutschland würden bleiben dürfen, sie waren nur geduldet. Es waren schwierige Startbedingungen, und trotzdem folgten: Abitur, Studium der Politikwissenschaft, Mitgliedschaft bei den Grünen, seit 2017 Abgeordnete im Landtag Schleswig-Holsteins. An diesem Mittwoch stand der nächste Höhepunkt bevor: Die Abgeordneten in Kiel wählten Aminata Touré zur stellvertretenden Landtagspräsidentin wählen. Sie ist gerade einmal 26 Jahre alt.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Als Touré vor kurzem in der Frankfurter Paulskirche eine Laudatio auf Cem Özdemir halten durfte, pries sie ihn als Vorbild. Als sie 2012 zu den Grünen gekommen ist, war er Parteivorsitzender, und für sie sei es sehr wichtig gewesen, dass eine der größten Parteien des Landes von einem Menschen vertreten worden sei, der so wie sie eine Migrationsgeschichte in der Familie habe. „Für mich war es also zeit meines Erwachsenwerdens normal, zumindest einen Politiker im Fernseher zu sehen, der womöglich meine Perspektiven in der Politik vertritt“, hatte sie gesagt, und auch wenn sie von sich selbst nicht als Vorbild sprechen mag, kann sie doch genau ein solches sein.

          Aus ihrer Biographie, aus ihren Erfahrungen ergeben sich auch die Themen, die sie als Politikerin beschäftigen: Frauen und Gleichstellung, Flucht und Migration. Sie will Politik erklären und vermitteln auch dort, wo Politik manchmal recht fern ist – und sie will der Politik vermitteln, was Menschen mit Biographien wie der ihren bewegt.

          Erfahrungen prägen politische Entscheidungen

          „Es ist nicht alles aufgebrochen, nur weil ich da bin“, sagt sie. Es gehe nicht um viele bunte Gesichter auf Wahlplakaten. „Es geht darum, dass die eigenen Erfahrungen die Entscheidungen prägen, und zwar in alle Richtungen.“ Das müssen Parteien lernen, und das fordert sie auch von ihrer eigenen Partei ein. So ist sie für die Grünen gewissermaßen auch eine Herausforderung – sie habe immer wieder gesagt: „Ich bin nicht euer Feigenblatt.“ Bei der Arbeit am neuen Grundsatzprogramm arbeitet sie in der AG „Vielfalt“ mit.

          Die ersten Jahre als Landtagsabgeordnete waren allerdings auch für sie selbst eine Herausforderung. Das Bündnis mit CDU und FDP stieß nicht überall auf Begeisterung in der Partei. Und auch wenn die Koalition sich manches vorgenommen hat, um Einwanderern in Deutschland zu helfen, verfolgt sie doch einen strikten Kurs gegen jene, die kein Recht haben, im Land zu bleiben. Dass es dann vor einigen Monaten im Landtag ausgerechnet Aminata Touré war, die Kritik der SPD an einer geplanten Abschiebehaftanstalt abgeklärt zurückwies, brachte ihr viel Respekt ein. Touré denkt und redet schnell, es fehlt ihr nicht an Selbstvertrauen. Daran wird sie, deren Mann Pressesprecher im von den Grünen geführten Kieler Umweltministerium ist, wohl auch in ihrer neuen Rolle keinen Zweifel lassen. Aber Biographie hin oder her: „Ich bin überparteilich, wenn ich da oben sitze.“

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