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Grünen-Parteitag : „Kindisch wie früher“

Mit dem rechten Zeigefinger Löcher in die Luft stoßen: Hans-Christian Ströbele Bild: AP

Der Vorstand erhielt auf dem Parteitag bitter Prügel und wurde von der Grünen-Basis abgestraft. Die feierten ein junges Mädchen, das kaum einer kannte und trotzdem im ersten Wahlgang gewählt wurde. Einen eindeutigen Linksruck gab es aber nicht.

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          Der alte Volkstribun ist in seinem Element. Hans-Christian Ströbele stößt mit dem rechten Zeigefinger Löcher in die Luft, als er über die Bundeswehr in Afghanistan spricht. „Wir haben gegen die Fortsetzung des Einsatzes Enduring Freedom gestimmt, weil die USA dort einen schmutzigen Krieg führen, der nicht mehr mit dem Mandat der Uno zu vereinbaren ist, der nicht mehr zu verantworten ist.“

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Begeistert applaudieren die Delegierten des Grünen-Parteitags in der weitläufigen Messehalle in Köln dem Bundestagsabgeordneten. Der hastet weiter: „Ich habe nur wenig Zeit.“ Schon mahnt die Sitzungsleiterin ein-, zwei-, dreimal, er müsse jetzt zum Ende kommen. Protestgemurmel im Plenum, einer schreit: „Christian soll reden!“ Ströbele ignoriert auch die vierte Ermahnung, denn dies will er noch anbringen: „Bündnis 90/Die Grünen kommen aus der Friedensbewegung. Von diesem Parteitag soll das Signal ausgehen, daß Bündnis 90/Die Grünen auch heute noch und weiterhin die Partei der Gewaltfreiheit und des Friedens ist.“

          Als wolle er nun aber schnell das Pult frei machen, hastet Ströbele zur Seite, winkt mit der Rechten noch einmal ins Publikum, das ihn frenetisch und mit langem Applaus feiert. Als nächste spricht seine Fraktionskollegin Birgit Bender. Sie sagt etwas säuerlich, sie jedenfalls wolle die Redezeit einhalten. Das Publikum reagiert auf diesen Gerechtigkeitsappell nicht. Immer noch wirkt es aufgeputscht von dem fulminanten Auftritt des Vorredners. So etwas hatten sie lange entbehren müssen.

          Trittin erreicht die Delegierten mit kraftvollen Signalen nach links

          „Exit-Strategie“

          Um grundsätzliche Kontroversen geht es nicht, sondern um Signale. Auch der Parteivorstand unterstützte die Kommission, die die Wirksamkeit der unter Rot-Grün beschlossenen Auslandseinsätze der Bundeswehr untersuchen soll, doch Revisionskommission sollte sie nicht heißen; auch Ströbele wollte nicht in den Antrag schreiben, die Bundeswehr solle umstandslos sofort aus Afghanistan abziehen, aber es sollte beziehungsreich von einer „Exit-Strategie“ die Rede sein.

          Es ist wie ein Widerhall der erbitterten Debatten vor der rot-grünen Regierungsübernahme. Als nächster gesetzter Redner spricht Jürgen Trittin. Auch er erreicht die Herzen der Delegierten mit kraftvollen Signalen nach links. Und wie früher ist es an ihm, die Sache im Sinne der realpolitischen Strömung wieder ein Stückchen zurückzuziehen. Regierungslinke nannte man diesen Teil des linken Flügels bei den Grünen - als sie eben noch an der Regierung waren.

          „Linksradikalsten seit der roten Ruhrarmee“

          Ein Jahr nach dem Gang in die Opposition - in allen Ländern und dann auch im Bund - hat die Parteibasis aus einer Art Schockstarre ihre alten Reflexe wiedergefunden, vor allem den: der eigenen Führung nicht nur zu mißtrauen, sondern dem Mißtrauen auch ohne Fesseln und Rücksichten Ausdruck zu verleihen. So ließen die Delegierten des Grünen-Parteitags die Anfangsreden der Vorsitzenden von Partei und Fraktion kühl, fast regungslos über sich ergehen.

          Claudia Roth wütete gegen die CDU im allgemeinen, die inzwischen auf Maximaldistanz gegangen sei, und gegen Jürgen Rüttgers im besonderen, den sie höhnisch den „Linksradikalsten seit der roten Ruhrarmee“ nannte. Reinhard Bütikofer drechselte Polemiken gegen den SPD-Vorsitzenden: „Das, was ökologisch vernünftig ist, ist längst auch ökonomisch vernünftig, und wenn Herr Beck das nicht versteht, dann ist er von gestern.“ Fritz Kuhn lobte sich: „Jetzt sind wir voll in der Opposition angekommen. Die Fraktion ist die Ideenwerkstatt für morgen.“

          Ein Mädchen im kurzen Rock begeisterte das Publikum

          Doch all diese Ansprachen verhallten in der gestaltlosen Halle, die auf dem Kölner Messegelände längst zum Abriß bestimmt ist. Der erste Redner, bei dem spürbar ein Funke zum Publikum übersprang, Stunden nach Parteitagsbeginn, war ein junges Mädchen im kurzen Rock und blau-orangen Fußball-Leibchen.

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