https://www.faz.net/-gpf-8o6sh

Mut zur Selbstkritik : Hat die Linke das Kämpfen verlernt?

  • -Aktualisiert am

Bündnis90/Grünen-Fraktionschef Hofreiter findet, auch seine Partei könne besser darin werden, Menschen in die zusammenwachsende Welt mitzunehmen. Bild: Frank Röth

Alle Parteien links der Mitte hätten Grund zur Selbstkritik. Wichtig wäre es vor allem, die Gründe für den Aufstieg der Rechten kritisch zu hinterfragen und sich klar zu positionieren. Ein Gastbeitrag.

          3 Min.

          Ich weiß nicht, wie oft ich schon hören musste, was angeblich am Aufstieg der Rechten schuld ist. Die „politische Korrektheit“ soll es gewesen sein, zu viel „Identitätspolitik“ habe den Einsatz für die „einfachen Arbeiter“ oder die „Mitte der Gesellschaft“ vergessen lassen. Was für ein Unsinn! Den Kampf für die gleichen Rechte von Frauen, Schwulen, Lesben und Leuten mit anderer Hautfarbe für die Probleme des Rust Belt oder der Industriestädte Englands verantwortlich zu machen ist eine falsche, hochgefährliche Sündenbock-These. Leider gibt es sie rechts wie links.

          Die Rechte kanalisiert die oft ungerichtete Wut vieler Menschen über frustrierende Verhältnisse auf selbstbewusste Frauen, Menschen anderer Lebensstile oder anderen Aussehens. Sie phantasiert sich ein „Volk“ zurecht, das von einer imaginären „Elite“ gegängelt wird, und ignoriert, dass der Gleichstellungskampf mitten aus ebendieser Bevölkerung kommt und in ihr heute auch mehrheitlich verankert ist. Nicht die rechten Phantasten, sondern „wir“ wären also das „Volk“, wenn man diesen heute so oft missbrauchten Satz denn guten Gewissens noch benutzen könnte. Wenn die AfD ihren Wahn als „Mut zur Wahrheit“ gegen „politische Korrektheit“ annonciert, sollten Linksliberale einen solchen Unsinn nicht kleinlaut übernehmen, sondern klar zurückweisen. Der Gleichstellungskampf richtet sich gegen niemanden, er schützt Menschen vor Diskriminierung, Verhöhnung und Gewalt.

          Auf der Linken beklagt man derweil, die „soziale Frage“ sei vergessen worden, und sieht die Schuld bei zu vielen Frauenbeauftragten oder Gay-Pride-Paraden. Mit Verlaub: Wer soziale Fragen und kulturelle Anerkennung gegeneinander ausspielt, hat vor der neuen Rechten bereits kapituliert. Und: Kein soziales Problem rechtfertigt es, die Wut darüber an Frauen oder Eingewanderten auszulassen.

          Internationale Zusammenarbeit zum Vorteil Aller gestalten

          Keine Diskriminierung nach Hautfarbe, Geschlecht, sexueller Identität oder Religion – das sind Werte unseres Grundgesetzes und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, dafür entschuldigt man sich nicht. Die hat auch keiner „zu weit getrieben“. Schließlich maßt der Staat sich immer noch an, die Liebe zwischen zwei Menschen je nach Geschlecht anders zu beurteilen. Immer noch haben Frauen weniger Möglichkeiten als Männer. Immer noch wird nach Hautfarbe und Herkunft diskriminiert. Da gilt es, weiter zu streiten und nicht erschrocken innezuhalten, weil ein Günther Oettinger sich von einer phantasierten „Pflicht-Homoehe“ bedroht fühlt und für diesen Unsinn ein paar hässlich enthemmte Beifalls-Lacher erntet.

          Und ja, auch gegen Islamisten verteidigen wir diese Werte, das sei den echten oder automatischen Trolls vorab gesagt, die sich gleich wieder unter diesem Artikel versammeln werden. Fragt man sich geißelnde Liberale nach Beispielen für angebliche Übertreibungen des Gleichstellungskampfes, wird es absurd: Unisex-Toiletten! Schließlich gehen wir alle ja schon seit 100 Jahren in den Zügen der Deutschen Bahn auf Unisex-Toiletten.

          Alle Parteien links der Mitte haben Grund zur Selbstkritik. Denn es gibt auch die Millionen Menschen, die Trump nicht wegen, sondern trotz seiner Hetzereien gewählt haben. Weil er ihnen das soziale Versprechen gegeben hat, das sie Clinton nicht mehr geglaubt haben. Ähnliches sehen wir auch bei den Wählern des Brexit, des Front National, der FPÖ. In ihren Erfolgen kommt auf destruktive Art auch Protest gegen den entfesselten globalen Handel zum Ausdruck. Diese nationalistische Globalisierungskritik ist aufs schärfste abzulehnen. Aber internationale Zusammenarbeit kann nur dauerhaft funktionieren, wenn wir sie zum Vorteil aller Menschen und aller Regionen gestalten. Wenn uns das nicht gelingt, fällt die Welt zurück in den national-kollektiven Identitätsrausch und den Hass gegeneinander.

          Auch meine Partei kann besser darin werden, Menschen in die zusammenwachsende Welt mitzunehmen. Angst um Jobs oder Lebensgewohnheiten ist verständlich und legitim. Sie existiert in den Biotopen der Besserverdiener genauso wie bei denen, die ohne Erbschaften und Papas Connections in die Welt da draußen ziehen müssen. Verlierer von Veränderung brauchen faire Chancen und Hilfe, keine kalte Schulter. Universale Menschenrechte sind keine Übertreibung, sondern der zivilisatorische Standard, den es nun zu verteidigen gilt. Handel muss fair sein, soziale Ungleichheit darf nicht aus dem Ruder laufen. Wenn ich die zerknirschte Post-Trump-Linke höre, frage ich mich, ob sie das Kämpfen und Streiten komplett verlernt hat. Als ich jung war, wurde man noch nicht von Social Bots, sondern vom Ministerpräsidenten persönlich verunglimpft. Franz Josef Strauß wollte „rote Ratten“ in „ihre Löcher“ verjagen, war stolz, „kalter Krieger“ und kein „warmer Bruder“ zu sein, und hielt Demokratisierung für Anarchie. Welcome Back to the Future.

          Weitere Themen

          Verjagt und verletzt

          FAZ Plus Artikel: Bericht über Testosteron-Regel : Verjagt und verletzt

          Der Leichtathletik-Weltverband zwingt Frauen, die auf Strecken von 400 Metern bis eine Meile antreten, einen Testosteron-Höchstwert auf. Ein Bericht von Human Rights Watch belegt die erschütternden Konsequenzen: Diskriminierung, Überwachung und erzwungene medizinische Eingriffe.

          Repräsentantenhaus stimmt für Marihuana Video-Seite öffnen

          Legalize it! : Repräsentantenhaus stimmt für Marihuana

          Das von den Demokraten in der Mehrheit besetzte Repräsentantenhaus hat für die Legalisierung von Marihuana auf Bundesebene gestimmt. Die Parlamentskammer verabschiedete am Freitag die Gesetzesvorlage, die auch vorsieht, auf Cannabis eine fünfprozentige Bundessteuer zu erheben.

          Topmeldungen

          Langer Winter: Zwei Polizisten am Mittwoch auf dem Roten Platz in Moskau

          Repressionen in Russland : In der Krise wächst die Paranoia

          Corona, eine schwache Wirtschaft und Proteste: Wladimir Putins Machtapparat sieht sich in Russland vielen Krisen ausgesetzt. Und erhöht deswegen den Druck auf Opposition und Zivilgesellschaft.
          Maye Musk ist die Mutter des Unternehmers Elon Musk. Am Donnerstag erscheint ihre Autobiographie „Eine Frau, ein Plan“.

          Maye Musk : „In unserer Familie nimmt niemand frei“

          Wer Elon Musk verstehen möchte, muss seine Mutter Maye kennen lernen. Im Interview spricht sie über Abenteuertouren in der Wüste, ihre Modelkarriere mit 70 und wie sie einst aus Armut auf Dates verzichtete.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.