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Grünen-Chef Özdemir : Einfach nur ein Netter

  • -Aktualisiert am

Der deutsche Obama? Button mit Konterfei des neuen Grünen-Vorsitzenden Bild: REUTERS

Cem Özdemir ist neuer Parteivorsitzender der Grünen. Eigentlich wollte er den Job gar nicht, ein Bundestagsmandat hätte ihm gereicht. Ist das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen der Multi-Kulti-Partei und dem anatolischen Schwaben?

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          Dieses Mal haben sie ihn tatsächlich gewählt, obwohl viele noch bis zum Schluss keck munkelten: Bei uns Grünen weiß man ja nie. 79,2 Prozent der grünen Delegierten entschieden sich auf dem Erfurter Parteitag am Samstagnachmittag für Cem Özdemir als ihren neuen Parteivorsitzenden; das waren fast so viele wie bei Claudia Roth, die kurz zuvor auf 82,7 Prozent gekommen war.

          Da dankte der Gewählte erleichtert nicht nur den Delegierten, sondern auch „all denjenigen, die hier keine Stimme haben“ - den türkischen Einwanderern, „der Generation meiner Eltern“.

          „Das Führen einer Partei traue ich mir gar nicht zu“

          Dabei wollte Cem Özdemir den Job eigentlich gar nicht. Als die grünen Realos zu Jahresbeginn verzweifelt nach einem passenden Kandidaten für das undankbare Amt suchten, hatte er noch abwehrend gesagt: „Das Führen einer Partei traue ich mir gar nicht zu.“ Das war keine Koketterie, sondern sollte heißen: Ihr könnt mich mal. Özdemir wollte nur ein Mandat für den Bundestag, nicht den Parteivorsitz.

          Künftig öfter im Rampenlicht: Cem Özdemir

          Aber sie redeten auf ihn ein, seine Strömungskumpelinnen und -kumpels, Antje Hermenau aus Sachsen, Boris Palmer aus Tübingen, Tarek Al-Wazir aus Hessen und andere. Am Ende konnte er ihnen den Wunsch nicht abschlagen. Inzwischen meinen auch manche vom Realo-Flügel, Özdemir höre zu oft auf andere. Wenn man ihn in den Tagen vor dem Parteitag fragte, warum er das Amt denn nun wolle, antwortete er leise: „Das hat auch etwas mit Verantwortung zu tun.“ Also nicht mit Leidenschaft. Denn: Letztendlich ist Cem Özdemir einfach ein Netter. Darin sind sich auch in seiner Partei alle einig.

          Das Problem ist nur, dass die Grünen eigentlich keine Netten sind, besser: nicht sein wollen. Vergangene Woche in Gorleben hat man es wieder gesehen. Wie Helden wurden die Anti-Atomkraft-Demonstranten auf dem Erfurter Parteitag gefeiert. Gorleben habe gezeigt, „dass wir in der Lage sind, auch auf der Straße Widerstand zu organisieren“, rief der scheidende Vorsitzende Reinhard Bütikofer in seiner Abschiedsrede - und die Grünen jubelten wie in alten Tagen.

          Zwei sich belauernde Spitzenkandidaten

          Auch untereinander schenken sie sich bekanntlich nichts: Für jeden Flügel einen Parteivorsitzenden, dazu zwei sich belauernde Spitzenkandidaten - wo gibt es das sonst? Damit mögliche Gräben in der Führung erst gar nicht sichtbar werden, stellen sich Jürgen Trittin und Renate Künast an diesem Sonntag lieber im Doppelpack zur Spitzenkandidaten-Proklamation.

          Schon die Jungen haben Haare auf den Zähnen, wie Cem Özdemir kürzlich feststellen konnte: Da war er in Potsdam zum Treffen der Grünen Jugend eingeladen. Aber anstatt ihm, dem bundesweit bekannten Gesicht der Grünen, dem Vorzeige-Migranten, den grünen Teppich auszurollen, herrschte nur Gähnen und Quatschen im Saal.

          Applaus brandete erst auf, als der Tagungsvorsitzende nach Özdemirs einleitenden Worten sagte: „Du warst jetzt sogar unter Deiner Zeit. Dass ist ungewöhnlich für einen zukünftigen Bundesvorsitzenden.“ So ging es weiter, Özdemir nahm es hin. Einer, den man Grünschnabel nennen könnte, fragte: „Ich würde gern von Dir wissen, wie Du zu Hausbesetzungen stehst.“ Brav ließ sich Özdemir über Graffiti und Spekulationsobjekte aus.

          Multi-Kulti-Partei und anatolischer Schwabe

          Ein anderer sagte: „Da gab es ja in der Vergangenheit einige unglückliche Äußerungen von Dir zu den Kohlekraftwerken.“ Und Özdemir konterte grün-korrekt, auch er wolle keine neuen Kohlekraftwerke. Dann bäumte er sich etwas auf - und rügte die „groben Umgangsformen“ in der Partei. Deren Opfer war Özdemir gerade selbst geworden, als er sich in der Kohlekraftfrage allzu unideologisch geäußert hatte.

          Multi-Kulti-Partei und anatolischer Schwabe: Anders als man meinen könnte, ist diese Kombination keine Garantie für eine wunderbare Freundschaft - was viel über Cem Özdemir sagt. Und noch mehr über die Grünen. Die ewig Antiautoritären pfeifen auf die Autorität eines Parteivorsitzenden. Dabei könnten sie eine klare Führung gerade vor der Bundestagswahl gut gebrauchen.

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