https://www.faz.net/-gpf-10q3r

Grüne : Zweifache Demütigung für Cem Özdemir

  • -Aktualisiert am

„Das wird eng für Cem”: Der designierte Bundesvorsitzende Özdemir scheitert an der grünen Basis Bild: dpa

Die Grünen in Baden-Württemberg haben Cem Özdemir einen sicheren Listenplatz zur Bundestagswahl verweigert. Ob er nach diesem Debakel überhaupt noch Bundesvorsitzender werden will, hat er noch nicht entschieden, von „Denkprozessen“ ist die Rede.

          3 Min.

          Zehn Stunden später ist man schlauer: Dieser Tag wird kein Jubelfest für Özdemir, sondern für die Parteilinken. Schon bei der Wahl der ersten beiden Listenplätze bekommt Özdemir etwas von der Stimmung zu spüren: Kerstin Andreae, die Freiburger Bundestagsabgeordnete, und Fritz Kuhn, der Fraktionsvorsitzende im Bundestag, bekommen mäßige Ergebnisse. Beide sind Realos. Die Grünen haben ihre Prominenten noch nie gemocht. 60 Prozent sind auch für grüne Verhältnisse Magerkost.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Dann fallen die Kandidaten des realpolitischen Flügels der Reihe nach durch. Sylvia Kotting-Uhl, die Frontfrau der Linken, bekommt hingegen einen sicheren Listenplatz. Und Gerhard Schick, der linke Mannheimer Bundestagsabgeordnete, erobert die Herzen der Delegierten im Sturm: „Nach der Stromwechselkampagne brauchen wir eine Bankenwechselkampagne.“ Die Finanzmarktkrise, der aufgeschobene Börsengang der Bahn, die Absicht der Realos, einer Verlängerung des Isaf-Mandats für Afghanistan zuzustimmen - das alles macht es den Linken an diesem Tag einfach. Der stinknormale Pragmatismus der Realos ist glanzlos, die Linken emotionalisieren mit Herz.

          Als die Realos nervös wurden

          Als Birgitt Bender bei der Wahl für Platz fünf zum zweiten Mal durchfällt, werden die Realos nervös. „Cem muss jetzt eine sehr sanfte Rede halten, davon hängt alles ab“, sagt Fritz Kuhn. Özdemirs Rede bekommt genau so viel Applaus wie die seines linken Widersachers Winfried Hermann aus Tübingen. An der Wahlurne entscheiden die 205 Delegierten dann aber mit 53,5 Prozent für Hermann. Gegen den Rat seiner Freunde und Unterstützer tritt Özdemir dann noch einmal bei der Wahl um Platz acht an und kandidiert, was er eigentlich nicht wollte, gegen den Realpolitiker Alexander Bonde. Der gilt in den Kreisverbänden als fleißig. Özdemir sagt: „Ich brauche dieses Mandat, um die Interessen von euch und der Partei stark zu vertreten.“ Es hilft nichts. Bonde bekommt 53,7 Prozent.

          Cem Özdemir auf Tuchfühlung mit der Bundesvorsitzenden der Grünen, Claudia Roth

          Nach Özdemirs Niederlagen sind die Interpreten im Saal unterwegs: Die Linken, die für Özdemirs herbe Demütigung natürlich nicht öffentlich zur Rechenschaft gezogen werden wollen, streuen, Özdemir habe sich von den falschen Leuten beraten lassen. Sie meinen Joseph Fischer. Auch die starke Fürsprache von Seiten des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer sei wenig hilfreich gewesen, sagen sie - doch das sind vergiftete Strategietipps der Gewinner. Özdemir und Palmer sind Regierungsgrüne, sie verkörpern die Zukunft der Partei, wie sie sich der Patriarch Fischer vorstellt: unideologisch, pragmatisch, klug. Die Aussage, es gebe unter den 205 Delegierten 40, die unvoreingenommen für den besten Redner gestimmt hätten, es gebe also keineswegs einen „Linksrutsch“, wiederholen einige so häufig, dass man auch darin nur ein Ablenkungsmanöver sehen kann. Genauso häufig bekommt man zu hören, die Basis wolle auch weiterhin die Trennung von Amt und Mandat; Prominente seien vielen immer noch suspekt. Im Südwesten ist vor einigen Jahren der Versuch der Parteiführung, die Trennung von Amt und Mandat abzuschaffen, am massiven Widerstand der Basis gescheitert.

          Linke strukturelle Mehrheit - das ist neu

          Boris Palmer schüttelt den Kopf. Apathisch sitzt er auf einem Geländer, ganz hinten im Saal. „Die Linken haben auf diesem Parteitag eine strukturelle Mehrheit. Das ist neu“, sagt er. Auch für Palmer ist dieser Parteitag eine Niederlage, er hatte sich für Özdemir ins Zeug gelegt und war dafür von der Tübinger Basis bestraft worden, die ihn nicht als Delegierten zum Parteitag schickte.

          Özdemir ist verletzt. Der abermalige Weg ins Europäische Parlament ist verbaut. Er meidet die Kameras und die Öffentlichkeit. „Schaun mer mal“, sagt er nach dem ersten verlorenen Wahlgang. „Shit happens“, kommentiert er seine Niederlage im Kampf um Platz acht. Winfried Hermann läuft noch immer wie ein Aufziehmännchen durch die Stadthalle, fordert seine Parteifreunde auf, mit ihm in einem Hotel zu feiern. „Nichts ist unmöglich, die Toyota-Philosophie stimmt“, sagt er jubilierend. Da hat „der Cem“, wie sie ihn nennen, den Saal schon verlassen. Draußen vor der Stadthalle plätschert der Brunnen. Ein paar junge Grüne analysieren die Abstimmungen: „So flügelig ging es bei uns schon lange nicht mehr zu.“ Cem Özdemir lässt sich am Sonntag entschuldigen. Ob er nach diesem Debakel überhaupt noch Bundesvorsitzender werden will, hat er noch nicht entschieden, von „Denkprozessen“ ist die Rede. An diesem Montag tagt in Berlin der Parteivorstand.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Auf Googles Quantenprozessor Sycamore sitzen 53 miteinander verdrahtete Quantenresonatoren. Jeder einzelne stellt ein Quantenbit dar, das zwei Zustände gleichzeitig annehmen kann.

          Quantenrechner „Sycamore“ : 1:0 für Googles Quantencomputer

          Der Internetriese Google hat einen Quantenprozessor präsentiert, der alle Rekorde bricht. Er löst innerhalb von Minuten ein komplexes Problem, das sogar den schnellsten Supercomputer überfordert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.